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(c) Julien Mignot

Francesco Piemontesi

Angenehme Akkuratesse

Er ist der Langläufer unter den Weltklasse-Pianisten – und jetzt, nicht nur als Kopf der „Settimane musicali“ von Ascona, endlich auch ganz oben angekommen.

Wo bleiben die lässigen Lateiner? Neben Italienisch und Französisch würde man Francesco Piemontesi gewiss auch eine Eins im Altsprachlichen zutrauen. Musikalische Entspannung, unförmliche Lockerheit sind trotzdem seine Sache nicht. Ebenso wenig wie bei den vielen anderen, großen Meistern der italienischsprachigen Welt. Vergesst alle Italien- Klischees!
Seltsame Tatsache. Von Arturo Toscanini bis Arturo Benedetti Michelangeli, von Ferruccio Busoni bis Riccardo Muti galt bei italienischen Musikern immer: mehr Genauigkeit, bitte! Sie waren (und sind) die Meister der Überakkuratesse. Dagegen kommen die leichtfertigen, vielleicht sogar schludrigen Meister der musikalischen Siesta heutzutage eher aus Frankreich. Das Italienische bedeutet: Maßarbeit, genaue Portionierung. Die italienischen Musiker sind die letzten Preußen!
Auch Francesco Piemontesi. Der geborene Tessiner steht mit Schliff, kristalliner Genauigkeit und Schwung für genau jenes Temperamentskondensat, für jene Energiepille, die man an italienischsprachigen Musikern bewundern muss. „Maurizio Pollini hat mir einmal direkt gesagt“, so Piemontesi, „er sei eher angewidert vom Vorurteil italienischer Entspanntheit.“ Also noch einmal: Ernsthaftigkeit ist es!
Freilich, gemach! Piemontesi ist gar kein Italiener. Sondern Schweizer. 1983 in Locarno geboren, wuchs er im unweit gelegenen Tenero auf. Die Musikhochschule besuchte er in Lugano – an jenem Ort, wo Arturo Benedetti Michelangeli damals lebte (ebenso wie Alexis Weissenberg und heute Ivo Pogorelich). Eine ganze Klavierwelt tut sich auf, wenn man an diese Ecke des Tessin denkt. Viele Jahre trat Piemontesi regelmäßig beim „Progetto Martha Argerich“ auf, dem Luganer Familienfestival von ‚Mamma Martha’.
Ansonsten aber wusste man – während Piemontesi eine CD nach der anderen beim Label „naïve“ herausbrachte – lange Zeit nicht so genau, wo dieser Pianist hingehört. Er veränderte sich ständig. Sogar optisch. Mal mit kissendicker Mittelscheitel-Künstlertolle. Dann mit Bubikopf. Die eckige Brille könnte auf Sparkassen- Mentalität hindeuten, wenn wir es nicht, wie gesagt, mit einem italienischsprachigen Subjekt zu tun hätten. Dort ist das modisch! Gemeinsam aber war allen Fotos ein gewisser Schüler-Charme.

Messerscharfer Liszt, glitzernder Debussy

Auch ihn, wie jeden Künstler, muss man live erlebt haben. Allein wie der Mann auftritt, rasch strebend, eckig sich verbeugend, und neugierig, fast fordernd ins Publikum lugend ... Da merkt man, dass jemand nicht nur hübsch und erbaulich Klavier spielen, sondern etwas beweisen will. Das zweite Liszt-Konzert spießt er so messerscharf auf, gestochen statt geschnitten, dass aller Kitsch-Verdacht, aber Fesauch aller Schwefeldunst davon abfällt. Wie hieß noch gerade der Dirigent? Keine Ahnung!, denn Piemontesi zieht alle Aufmerksamkeit völlig auf sich. Lässt anschließend Liszts „Au lac de Wallenstadt“ (aus den „Années de pèlerinage“) folgen, als wär’ es ein dialektisches Lehrstück. Im Publikum der Berliner Philharmonie staunen und raunen diverse Pianisten-Kollegen, die sich zum Empfang des Debütanten versammelt haben.
Kein Zweifel, hier ist jemand endlich oben angekommen. Und wird wahrgenommen. Niemand Geringeres als die Wigmore Hall in London engagierte Piemontesi, um sämtliche Mozart-Solowerke für Klavier zyklisch aufzuführen. „Wir waren nicht mehr ganz nüchtern, als ich – nach einem Schubert- Recital – eines Abends gefragt wurde, ob ich nicht sonst noch Träume hätte.“ Mozart gehört von jeher zu seinem Stammrepertoire. Auch darin stellt Piemontesi heute eine rare Ausnahme dar.
Sein Debussy glitzert, ohne zu zerfließen. Sein Schumann hat Vernunft. Und wenn er Dvořáks Klavierkonzert spielt, fällt Licht in die böhmischen Wälder. Das alles hat Hand und Fuß und trägt den Kopf nicht zu tief. In London lässt sich Piemontesi regelmäßig von drei pianistischen Legenden coachen und beraten, die dort innerhalb von drei Quadratkilometern wohnen: Alfred Brendel, Murray Perahia und Stephen Kovacevich. „Ich möchte nie aufhören, großen Leuten vorzuspielen“, meint Piemontesi ernst.
„Man sollte seine Art zu spielen immer überdenken, da man am Ende doch nur in eigenen Ideen badet.“ Im Januar etwa sei immer Perahia dran. „Da konzertiert er nicht, denn es ist ihm zu kalt.“ Kennengelernt hat er ihn bei einem Meisterkurs in Hannover, wo Piemontesi eigentlich bei Arie Vardi studierte. Heute lebt er in Berlin. Obwohl Düsseldorf, so lacht er, flughafentechnisch günstiger wäre. Wegen des guten Konzertangebotes war er ohnehin oft nach Berlin gereist. Merke: Piemontesi ist nicht nur ein stilistisch erlesener, sondern auch ein hörender Pianist.

Licht vom Lago Maggiore

Wer ihn erleben will, sollte ihn nicht nur bei Gastspielen abpassen, sondern ihn bei seinem eigenen Festival besuchen. Dieses zählt zu den landschaftlich schönsten weltweit. In Ascona, um die Ecke von seinem Geburtsort Locarno, leitet Piemontesi seit 2013 die „Settimane musicali“. „Dort habe ich meine eigenen, großen Konzerteindrücke empfangen, angefangen mit Alicia de Larrocha, als sie ‚Goyescas’ von Enrique Granados spielte“, so erzählt er. „Da war ich vier Jahre alt. Die Stille, die herrschte, werde ich nie vergessen.“
Piemontesi selbst hat das Festival keineswegs zu einer Startrampe für die eigene Karriere umgepolt. Mit zwei, gut positionierten Auftritten ist er repräsentabel genug vertreten: mit dem 3. Beethoven-Konzert (28.9.) sowie im Trio mit Stephen Kovacevich und Alina Ibragimova (Mozart, Brahms, Rachmaninow, 16.9.). Piemontesi ist das Beispiel eines Langläufers, dem man musikalisch vertrauen kann, da er den lateinischen Standpunkt mit apollinischer Klarheit vertritt. Lasst die Trifonovs und Levits ihre Raketen-, zum Teil auch Sternschnuppenbahn nur ziehen! Künstler wie Piemontesi sind es, die uns jahrzehntelang beschäftigen werden.

www.settimane-musicali.ch


Auf nach Ascona

Die „Settimane musicali“ von Ascona sind beileibe kein kleines Kammermusikfestival. Hier gastieren in diesem Jahr das London Symphony Orchestra (unter Gianandrea Noseda, 5.9.), die Tschechische Philharmonie (unter Bělohlávek, 8.9.), das Chamber Orchestra of Europe (Norrington, 28.9.), der Cercle de l’Harmonie (Rhorer, 3.10.) und das Orchestra della Svizzera italiana (7.10.). Philippe Jaroussky (30.9.), Stephen Kovacevich (12./16.9.) und das Quartett Pavel Haas (11.10.) geben sich die Kirchenbeziehungsweise die Jesuitenkollegs-Klinken in die Hand. Das Festival verfügt über das malerische Renaissance- Collegio Papio in Ascona (für Kammerkonzerte) und in Locarno über die wunderlich schöne Chiesa San Francesco (für Orchesterkonzerte) und den Palazzo Sopracenerina an der Piazza Grande (Recitals). Und wenn einem das nicht reicht, setzt man sich einfach an den Lago Maggiore und staunt den See an.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2016



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