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Aus Bachs Bibliothek: Johannes Müllers "Judaismus oder Jüdenthum" (1707) (c) Bachhaus Eisenach

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Reizfigur Bach?

Vor wenigen Monaten, im März, fand in Jerusalem ein Bach-Festival statt. Und aus dem fernen Eisenach war auch der Leiter des örtlichen Bachhauses zu Gast und hatte als ein Highlight Mendelssohn Bartholdys Abschrift der „Matthäus-Passion“ mitgebracht. So weit, so normal unter befreundeten Staaten – könnte man denken. Doch diese mehrtägige Würdigung von Bach stand unter ganz besonderen Vorzeichen. Tatsächlich war es das erste Fest dieser Art, das man in Israel dem Komponisten widmete. Denn wie Richard Wagner gilt auch Bach weiterhin in großen Teilen der Bevölkerung als eine Persona non grata, als Reizfigur. Als Grund dafür gelten jene Auftritte der entfesselten Menschenmenge im Johannes-Evangeliums, auf der Antijudaisten stets ihre Ablehnung aufbauten, und die auch Bach in seiner „Johannes-Passion“ als Kirchenmusiker buchstabengetreu vertonte. Auch Bachs nicht nur berufsbedingt intensive Auseinandersetzung mit dem Denken Martin Luthers - und damit eines Mannes, der im Alter die Juden aus dem Land jagen und ihre Synagogen niederbrennen wollte -, belasten gleichermaßen in Israel das Bach-Bild. War Bach nun tatsächlich ein Antijudaist? „Natürlich“, so der bedeutende Bach-Dirigent Joshua Rifkin im Rahmen eines Symposiums in Jerusalem. „Aber das war die Ansicht seiner Zeit.“ Trotz dieser historischen Einordnung ist es selbst für Daniel Barenboim, der bekanntermaßen mit seinen Wagner-Aufführungen in Israel für Aufsehen gesorgt hat, bis heute nicht möglich, Bachs „Johannes-Passion“ aufgrund ihrer mehr als diskussionswürdigen Textpassagen zu dirigieren. Und als im Jahr 2000 bedeutende Komponisten gebeten wurden, sich schöpferisch mit einer von Bachs „Passionen“ zu beschäftigen, entschied sich Wolfgang Rihm für die „Lukas-Passion“ – da deren Evangelium am wenigsten antijudistisch sei.
Die gesamte Diskussion versucht nun eine Ausstellung im Eisenacher Bachhaus in Teilen zu dokumentieren und zu versachlichen. „Luther, Bach – und die Juden“ lautet die von Jörg Hansen kuratierte Ausstellung (bis 6. November). Anhand von Dokumenten, Büchern, Notenmanuskripten und Gemälden wird Luthers Judenfeindlichkeit und dessen Nachwirken im Bach-zeitlichen Luthertum genauso beleuchtet wie die Bach-Pflege im jüdischen Bürgertum des 19. Jahrhunderts und ihrer Bedeutung für die Bach-Renaissance. Und im nächsten Jahr, so ist es jetzt schon geplant, soll es wieder ein Bach-Festival in Jerusalem geben.

Guido Fischer



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