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Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Eine Opernreise durch den französischen Süden, das ist doch immer wieder erfrischend anders. Beginnen wir in Lyon. Dort hat der umtriebige Opernintendant sein jährliches Frühlingsfestival der „humanité“ gewidmet, dem Menschen wie der Menschlichkeit. Das Opern-Trio wurde diesmal mit einer Uraufführung eröffnet. Sie galt mit „Benjamin, dernière nuit“ der letzten Nacht des Philosophen und Kulturkritikers Walter Benjamin. Derer haben sich schon Brian Ferneyhough und Elliott Sharp angenommen, auch Peter Ruzicka sitzt an einer Benjamin-Oper. Auf Benjamins Flucht und den Selbstmord im französischen Grenzort Port Bou am 26. September 1940 kaprizierte sich der französische Intellektuelle und einstige Kampfgefährte Che Guevaras, Régis Debray. Und fährt eine Art Who‘s who der Dreißigerjahre auf: Arthur Koestler, Gershom Scholem, Bertolt Brecht (mit Marlene auf dem Klavier im Hintergrund), André Gide (in Samtjoppe und Hausmütze), Max Horkheimer und eine kettenrauchende Hannah Arendt, sie alle haben, wie auf einem Laufsteg, ihre zehn Opernminuten im Rampenlicht.
Dazu hat Michel Tabachnik, ein Schweizer Dirigent und Komponist – der vor allem bekannt wurde, weil er wegen seiner Beziehungen zu der berüchtigten, mordenden und zum Selbstmord anstiftenden Sonnentempler-Sekte, bei der auch seine Ehefrau ums Leben kam, vor Gericht stand (und freigesprochen wurde) – eine Art Begleitmusik zu einer Lichtspielszene geschrieben. Rhythmisch dominant, hämmernd, kleinteilig, ein Leben einebnend. Die Regie von John Fulljames hat daraus ein cleveres, multimediales Dokumentartheater gemacht, angesiedelt in einer Art Benjamin-Archiv, wo die sorgsam gehegten Artefakte dieser Vita aufs Stichwort hin hereingefahren und -gebeamt werden.
Wem aber ist mit diesen 80 Minuten durchaus kurzschlüssig unterhaltendem Opernschulfunk gedient? Das Wesen der Gattung in seiner Gleichzeitigkeit von inhaltlich meist schwer verständlichem Gesang, Instrumentalsättigungsbeilage und szenischer Vergegenwärtigung ist nicht dazu angetan, Lichtschneisen ins Benjamin-Dunkel zu senden.
Fein gelang hingegen Viktor Ullmanns bös-surreale Diktatoren-Parabel „Der Kaiser von Atlantis“, in der unter den Sängern besonders gut der deutsche Bariton Daniel Hasselhorn ausfiel. Das Beste der Trias war freilich Halévys „La juive“, die neuerlich ihre Größe und Stärke unter Beweis stellte. Olivier Py inszenierte das historisch grausame Geschehen aufgeräumt auf einer Treppe, hinten dräuende Backsteinwände und blattlose Bäume. Eine graue, ausweglose Welt, in der sich das Schicksal der Christin Rachel (vokalstarke Darstellerin: Rachel Harnisch), ihres jüdischen Ziehvaters Éléazar (zu jung, aber überzeugend intensiv: Nikolai Schukoff), des Christenpaares Leopold (höhensicher: Enea Scala) und seiner Braut Eudoxie (mit eloquenter Koloratur: Sabina Puértolas), sowie Rachels echtem Vater, dem Kardinal Brogni (Roberto Scanduzzi) packend erfüllt. Daniele Rustioni, künftiger Orchesterchef in Lyon, lieferte zudem einen blendenden Beweis seines dramaturgisch durchdachten Sängerbegleitens.
Lustig war es hingegen im nahen Montpellier, wo bei der Moritat um eine Mittelaltermaid den Beteiligten auch nichts Menschliches fremd ist. Die Rede ist von Jacques Offenbachs „Geneviève de Brabant“, unserer treudeutschen, angeblich ihrem Gatten untreuen Genoveva, die immerhin Robert Schumann 1850 seine einzige Oper wert war, ein Schmerzenskind des Repertoires bis heute. Deren Story hatte Offenbach ab 1859, ein wenig der Antikenparodien leid, gleich in drei Varianten in eine klapprige Ritterklamotte verwandelt. Die jetzt bei „Desperate Housewives“ in einer geklonten Vorstadt inklusive gewitzter Pastetenbäcker en travestie und Barbarella- Doubles ziemlich gekonnt eine südfranzösische Wiederauferstehung feierte.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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