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Café Imperial

An „Capriccio“ herrscht kein Mangel in Wien. Die alte Inszenierung in den Bühnenbildern von Teo Otto habe ich selbst noch gut in Erinnerung – zuletzt mit Walter Berry als La Roche. Wer später Renée Fleming an der Staatsoper als Gräfin erlebte, dürfte bei dem meisterhaften, aber schrecklichen Spätwerk kaum Buchungsbedarf sehen. Im Theater an der Wien tut Tatjana Gürbaca, was man als Regisseurin tut, um Richard Strauss’ Total-Verdrängung des parallel stattfindenden Bombenkriegs anno 1944 ins Bild zu holen. Sie verteilt Stahlhelme, Handgranaten und Versehrtenkrücken unter den Sängern, die später von den Requisiteuren alle wieder eingesammelt werden müssen. Da die Aufführung ohne Stars, aber mit großem Sachverstand gecastet ist, trifft man hier Sänger in genau der richtigen Verfassung für ihre Rollen: Daniel Behle (Flamand) mit trompetenhaft vergoldetem Schmelz, Andrè Schuen (Graf) mit Jugend, Daniel Schmutzhard (Olivier) mit Kernbeißer- und Lars Woldt (La Roche) mit Nussknacker-Aplomb. Maria Bengtsson hat einige Elisabeth Schwarzkopf- Lektionen als Gräfin erfolgreich nachgelernt: hinreißend ihr Schluss-Pianissimo! Dies alles vermöchte den Abend in einen Triumph zu verwandeln, wäre man so glücklich gewesen, einen Dirigenten zu verpflichten wie, sagen wir: Kirill Petrenko beim „Intermezzo“ vor einigen Jahren. Bertrand de Billy stattdessen fühlt dem Werk das Pülslein, kann es aber nicht finden. Die Wiener Symphoniker folgen ihm so gut es geht. Dass dieser adrette, vollständig belanglose Dirigent in Wien so regelmäßig beschäftigt wird, bleibt das große, ungelöste Rätsel der Aufführung.
Im Café Imperial, der guten Stube Wiener Musikbetrachtung, machen wir uns heute über letzte Dinge und „Last orders“ unsere Gedanken. José Carreras singt im Theater an der Wien seine wohl letzte Opernpremiere: die – von Christian Kolonovits für ihn komponierte – Hauptrolle in „El Juez“ (2., 5.7.). Wer Altmeister wie ihn noch nie erlebt hat, für den sind selbst Letztbegegnungen bei reduzierten Kräften lehrreich. Ich habe noch Giuseppe di Stefano bei letzten Räusper-Versuchen beobachtet und kann bezeugen, dass selbst dies unvergesslich bleibt. Auch von Angela Gheorghiu im fortgeschrittenen Stadium ihrer Karriere im Konzerthaus (25.5.) ist daher nicht unbedingt abzuraten. Einige Künstler wie etwa die wunderbare Elisabeth Leonskaja sind im Alter immer besser geworden (Schubert-Zyklus, 19.5., 14.6., Konzerthaus). Andere wie Maurizio Pollini verströmen trotz Senior-Ticket immer noch einen Rest-Nimbus vergangener Jahre (11.6., Musikverein). Wenn dann auch noch Keith Jarrett mit „Solo Improvisations“ seine Wien-Wiederauferstehung feiert (9.7., Musikverein), könnte man fast dem Gedanken verfallen: Alter ist Trumpf! Aber Obacht. Kenner des Klassik-Betriebes wissen, wie sehr Künstler ausbrennen können. Betagte Routiniers wie Semyon Bychkov (3. – 5.6., 7.6.), welcher Chef- Verträge seit langem nicht mehr kennt, haben oft weniger frischen Wind in den Segeln als ein junger, unverbrauchter Mann wie Yannick Nézet- Séguin (14.6., beide Musikverein). Nicht jeder bleibt noch auf den letzten Metern so jung wie dies Abbado, Harnoncourt und Pierre Boulez vergönnt war. Übrigens: Altmeister wachsen nach. Ein Sänger wie Dmitri Hvorostovsky als „Simon Boccanegra“ (Staatsoper, 24., 27., 30.5., 4.6.) oder René Pape als König Philipp („Don Carlo“, 22., 25., 29.5., 2.6.) haben schon heute etwas so großartig Abgeklärtes, dass wir daneben nicht auf Plácido Domingo warten müssen (als Rodrigo in derselben „Don Carlo“-Serie). Altmeisterschaft ist keine Altersfrage. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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