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Musikfest Berlin

Beseelte Chaotik

Das „Musikfest Berlin“ im September setzt auf ein Tohuwabohu von Themen – als Reise durch Amerika.

Tobende Ordnung“, dies kleine Motto des Musikfestes umschreibt nicht schlecht das Wesen des deutschen Spießers. Nanu?! Doch, doch. Er hält Ordnung, und das mit Aplomb. In Wirklichkeit stammt das Wort von Antonin Artaud, dem Erfinder des „Theaters der Grausamkeit“. Die Zuschauer sollen, so Artaud, am Kragen gepackt, geschüttelt und gedanklich durchgerüttelt werden. Als Beschreibung für das Programm des diesjährigen Musikfestes steht das Motto für ein schönes Maß an Durcheinander. Für Chaotik, beseelt.
Bei näherem Hinsehen lässt sich trotzdem ein Schwerpunkt finden: die Reise durch ganz Amerika. Wolfgang Rihms Mexiko-Ballett „Tutuguri“ (3.9., nach Artaud!) hat mit Edgar Varèses „Arcana“ (9./10.9., Ltg. Simon Rattle), „Déserts“ (11.9., Ltg. Jonathan Nott) und mit „Ecuatorial“ (18.9.) den südamerikanischen Blick gemeinsam. In Villa-Lobos’ „Bachianas Brasileiras Nr. 2“ (13.9., Ltg. Gustavo Dudamel) verbirgt sich ohnehin die Lizenz zum lateinischen Hüftschwenken. Und Olivier Messiaens „Turangalîla“-Sinfonie? Ihr Name basiert auf einer Übersetzung aus dem Sanskrit; aber das sollte man bei Messiaens friedensbewegtem Hippietum nicht allzu genau nehmen. Und falls doch, so geht es anschließend unverdrossen nordwärts zu MGM-Filmmusicals nach kalifornischer Art (4.9., mit John Wilson). Panamerikanisch im weltumarmenden Sinn des Wortes!
Daneben bleibt’s bunt genug. Da findet sich eine György Ligeti-Hommage zum 10. Todestag des Komponisten (11./14.9.), eine Busoni- Ausstellung mit Matinee (zum 150. Geburtstag, 4.9.) sowie ein orchesterbegleitetes Film-Konzert (Eisensteins „Iwan Grosny“, Ltg. Frank Strobel). Daniel Barenboim dirigiert abschließend Elgars „Dream Of Gerontius“ mit Jonas Kaufmann (19./20.9.).
Auch diesmal führen alle unordentlichen Wege des „Musikfestes“ in die Gegenwart, etwa zu Olga Neuwirth (11.9., deutsche Erstaufführung von „Trurliade-Zone Zero“), Matthias Pintscher (9.9., „Sonic Eclipse“), Enno Poppe und Rebecca Saunders (17.9.). Dass dies Wiederaufführungen sind, offenbart den eigentlichen Missionswert des Festivals: Es kommt heute nicht mehr so sehr darauf an, ob ein Stück überhaupt uraufgeführt wird, sondern ob es die zweite und dritte Aufführung erlebt. So wie hier.
Wo die unterschiedlichen Themenbächlein ihre gemeinsame Quelle haben, mag ein Rätsel sein. (Muss es auch geben!) Gegründet als Orchesterfest in Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern, hat sich das Festival vom Verschiebebahnhof großer Namen längst denkbar weit emanzipiert. Neben Simon Rattle (9./10.9., 15. – 17.9.) und Gustavo Dudamel (13.9.) rivalisieren diesmal vor allem die drei großen Münchner Orchester miteinander; wobei dem Bayerischen Staatsorchester unter Kirill Petrenko naturgemäß die größte Aufmerksamkeit zufällt (14.9.). Wegen Petrenko.
Genießen wir die anarchische Buntheit, solange sie andauert. Intendant des Festivals ist der Neue Musik-affine Winrich Hopp. Dennoch schreiben wir gerade Jahre, in denen die zu Ende gehende Rattle-Ära keine neue Themen- Flut von Philharmoniker-Seite erwarten lässt. Das wird mit dem künftigen Chef der Berliner, Kirill Petrenko, wohl anders werden. Der muss sein eigenes Repertoire erst noch finden. Da wird’s möglicherweise traditioneller.


Musikfest Berlin

2. - 20. September 2016

www.berlinerfestspiele.de

Mehr Informationen zum Programm 2016 unter: http://bit.ly/1poVed3


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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