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Erik Satie

Mit Schirm, Charme & Melone

Vor 150 Jahren wurde einer der sympathischsten Sonderlinge der Musikgeschichte geboren. Tamar Halperin, Olga Scheps und Barbara Hannigan gratulieren ihm mit Neuaufnahmen.

Bis heute gehen die Meinungen weit darüber auseinander, ob Erik Satie nun die Musik erfrischend durchlüftet hat oder doch nur ein Dilettant, ein Scharlatan gewesen ist. Aber solche Debatten hätten Satie nicht nur amüsiert, er hätte sie mit einem seiner entwaffnenden Geständnisse im Keim erstickt. „Glauben Sie nicht, dass es sich bei meinem Werk um Musik handelt“, so Monsieur einmal zu einem Pianisten. „Das ist nicht mein Fach: Ich mache Phonometrie, so gut es eben geht. Sonst nichts. Bin ich denn etwas anderes als ein Akustikarbeiter ohne großes Wissen?“ Und denjenigen, die seine Musik unbedingt in Schablonen und Schubladen zwängen wollten, gab er nur den einen Hinweis, dass es doch gar keine Satie-Schule gibt. „Der Satismus wüsste nicht, wie er bestehen sollte. Mich träfe man dort als Gegner.“
Allein mit solchen Sätzen hegte und pflegte hier einer seinen Außenseiterstatus, der doch stets mittendrin war in der bedeutenden Künstler-Bohème des Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im klassischen Outfit aus schwarzem Gehrock, Melone und Schirm flanierte er über die Boulevards. Claude Debussy, Pablo Picasso und Jean Cocteau zählten zu seinen Fans und Marcel Duchamp zu seinen Lieblingsschachpartnern. Und bei Darius Milhaud speiste er zu Abend – um danach in den letzten Zug zu steigen, der ihn ins Pariser Arbeiterviertel Arcueil brachte, wo er eine Kammer bewohnte, die selbst engste Freunde erst nach seinem Tod betreten durften.
Vom normannischen Städtchen Honfleur, wo Alfred Erik Leslie Satie am 17. Mai 1866 geboren wurde, über das Paris des Fin-de-siècle und postum dann doch irgendwie in die Ruhmeshalle der Musik des 20. Jahrhunderts – so verlief der Weg eines Komponisten, dem man ein Klavierwerk verdankt, das es so noch nicht einmal annähernd ein zweites Mal gegeben hat. Und das Sympathische gerade an Saties populärsten Piècen, den „Sarabandes“, „Gnossiennes“ oder „Gymnopédies“ ist auch, dass selbst Freizeit-Pianisten ohne Mühe in diese faszinierend in sich ruhenden Klangwelten eintauchen können. „Ich empfinde jedes Mal, wenn ich Satie höre oder spiele, eine Mischung aus Freude über die simple Schönheit dieser Musik, ihre entspannende Wirkung, und gleichzeitig ist sie auf eine ganz innige Art traurig, sehr berührend.“ Solche Reaktionen und Stimmungen löst Satie auch bei Olga Scheps aus. Und auf ihrem jüngsten Album kombiniert die russische Wahl-Kölnerin nun Berühmtes wie eben die „Gnossiennes“ mit Raritäten wie den „Cinq grimaces pour le songe d’une nuit d’été“ („Fünf Fratzen für den Sommernachtstraum“) – ursprünglich wurden diese für Orchester geschrieben und erst nach Saties Tod im Jahr 1925 von Milhaud für Klavier eingerichtet.

Als Mahler seine Sinfonien schrieb, komponierte Satie seine kleinen ‚Gymnopédies‘.

Neben Scheps haben auch noch zwei weitere Musikerinnen eine Satie-Hommage anlässlich seines 150. Geburtstages in Stellung gebracht: Die kanadische Sopranistin und Neue Musik-Sirene Barbara Hannigan erinnert gemeinsam mit dem niederländischen Pianisten Reinbert de Leeuw an den Chanson-Komponisten Satie, der ja im legendären Cabaret „Chat Noir“ am Pariser Montmartre begonnen hatte. Das 1918 vollendete Vokalstück „Socrate“ ist sogar gerade in der vom bekennenden Satienisten John Cage eingerichteten, vierhändigen Klavierfassung erschienen – mit dem Klavierduo Alexei Lubimov & Slava Poprugin.
Auch die israelische Pianistin Tamar Halperin hat sich für ihr Satie-Album seine bekanntesten Slow Motion-Stücke ausgewählt. Aber statt sich zudem den „Pièces froides“ (Kalten Stücken) buchstabengetreu ausschließlich an den schwarzen und weißen Klaviertasten zu widmen, hat sie die geheimnisvollen Klangkonstellationen auch an der Hammond Orgel, dem Wurlitzer-Keyboard und dem Cembalo neu erkundet. „Die Einfachheit und dieses Lyrische in Saties Musik ist natürlich sehr ansprechend“, so die ebenfalls im Jazz wie im Kunstlied erfolgreich bewanderte Musikerin. „Und seine ‚Gymnopédies‘ und ‚Gnossiennes‘ rufen bittersüße Stimmungen und eine sanfte Melancholie hervor. Aber es gibt mehr als nur das: Hinter jedem Stück stecken bestimmte Konzepte etwa von Zeitlosigkeit oder Dekonstruktion. Das verleiht der Musik fernab des nur rein Hübschen ein bestimmtes Gewicht und eine Tiefe.“
Ähnlich wie es ihr Gatte, der Countertenor Andreas Scholl, in seinen nicht-klassischen Projekten tut, experimentiert auch Halperin jetzt mit elektronischen Sounds. Was so manches Stück mit seinem sanften und sphärischen Klangfluss in die Nähe der in der Pop-Musik angesiedelten Ambient Music rückt. Überhaupt war Satie für Tamar Halperin seiner Zeit ähnlich voraus wie all die anderen bedeutenden Zeitgenossen. „Man muss sich das mal vorstellen: Er war umgeben von Musikgiganten wie Debussy und Strawinski. Und als Mahler seine Sinfonien schrieb, komponierte Satie seine kleinen ‚Gymnopédies‘. Sicher war er sich seiner limitierten Möglichkeiten bewusst. Aber er war stets bemüht, seine eigene Stimme zu finden. Wenn er nur versucht hätte, seine Zeitgenossen zu imitieren, wäre er völlig in Vergessenheit geraten. So aber ist seine Musik, mehr als ein Jahrhundert später, weiterhin putzmunter.“

Neu erschienen:

Satie

Olga Scheps

Sony

Satie, Reihe „Neue Meister“

Tamar Halperin

Edel

Bereits erschienen:

"Socrate", "Cinéma"

Alexei Lubimov, Slava Poprugin

Alpha/Note 1

Erik Satie

Barbara Hannigan, Reinbert de Leeuw

Winter & Winter/Edel

Erik Satie & Friends (13 CDs)

Francis Poulenc, Gaby Casadesus, Robert Casadesus, André Previn, Serge Koussevitzk u.a.

Sony

Tout Satie! (10 CDs)

Michel Plasson, Aldo Ciccolini, Alexandre Tharaud, Gaston Litaize u.a.

Erato/Warner

The Sound Of Erik Satie (3 CDs)

Erato/Warner

Satie - Complete Piano Music (9 CDs)

Jeroen van Veen

Brilliant Classics/Edel


Ein Tag im Leben von Erik Satie

„Aufstehen: 7.18 Uhr. Inspiration: von 10.23 Uhr bis 11.47 Uhr. Ich esse zu Mittag um 12.11 Uhr und stehe um 12.14 Uhr vom Tisch auf. Aus gesundheitlichen Gründen folgt ein Ritt zu Pferd: 13.19 Uhr bis 14.53 Uhr, hinten in meinem Park. Wieder Inspiration: von 15.12 Uhr bis 16.07 Uhr. Danach verschiedene Beschäftigungen (fechten, nachdenken, Unbeweglichkeit, Kontemplation, Behändigkeit, schwimmen usw.): von 16.21 Uhr bis 18.47 Uhr. Das Abendessen wird um 19.06 Uhr serviert und ist spätestens um 19.20 Uhr beendet. Danach folgt symphonische Lektüre (laut): von 20.09 Uhr bis 21.59 Uhr. Gewöhnlich gehe ich um 22.37 Uhr zu Bett. Einmal wöchentlich (dienstags): plötzliches Erwachen um 3.19 Uhr.“ (1913 veröffentlicht in der „Révue de la Société Internationale de Musique“)


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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