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(c) Thilo Braun

niusic.de

Das Ende der Samtkordeln

Ein neues Klassikmagazin im Web – und zugleich eine Plattform für jungen Musikjournalismus: Zwei der Autoren, Malte Hemmerich und Christopher Warmuth, stellen das Projekt im Gespräch vor.

Klassische Musik und Internet, das ist ja noch immer keine Liebesheirat, oder?

HEMMERICH: Zumindest nicht im Journalismus. Es ist was dran an der Aussage, das Internet zerstöre den Printjournalismus, die ungefilterten Meinungen schaden dem sachbezogenen Diskurs. Zumindest geht es so vielen großen Zeitungsflaggschiffen und deren Internetauftritten. Journalisten, die beruflich vom Internet abhängig sind, müssen sich schon viel Zeit nehmen, wenn sie zumindest die grundlegenden journalistischen Werte im Netz aufrechterhalten wollen.

RONDO: Ihr seid Anfang zwanzig und mit Tablet und Smartphone aufgewachsen. Seht Ihr euch selbst vor allem als „digital natives“?

WARMUTH: Nein, wir sind junge Musikjournalisten, die ihr Handwerk an der Technischen Universität Dortmund im Fach „Musikjournalismus“ gelernt haben, mit Ausflügen in verschiedene Zeitungen, Verlage und Rundfunk-anstalten. 2015, in Ihrem ersten Jahr, haben wir an der Akademie Musikjournalismus des Festivals „Heidelberger Frühling“ als Stipendiaten teil. Eleonore Büning, die Musikkritikerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat uns dort knapp zwei Wochen im klaren, unterhaltsamen und fundierten Schreiben über Musik unterrichtet. Dieses Jahr sind wir – inzwischen selbst freie Mitarbeiter u. a. bei der FAZ – als junge Mentoren nach Heidelberg zurückgekehrt und haben gemeinsam mit den neuen Stipendiaten zum Internetjournalismus gearbeitet. Der Musikjournalismus muss im Netz eine neue Heimat finden. Wir glauben, solange es Musik gibt, wollen Menschen ja darüber diskutieren. Auf niusic.de wollen wir Platz dafür schaffen.

RONDO: Was unterscheidet denn die journalistische Arbeit im Netz von den klassischen Formaten?

HEMMERICH: Das Internet ist für uns kein Kontinent, der mal schnell erkundet werden kann. Niemand kann „Internet“ lernen, es ist eher wie eine ewige Forschungsreise und Umherwandern ist auch immer ein Umherirren. Auch für uns. Aber wir sehen das positiv.

WARMUTH: Wir wollen das Rad des Musikjournalismus auch nicht neu erfinden, aber es etwas runder machen. Die Inhalte der klassischen Musik sind komplex, und das ist herrlich. Unser Ziel ist es nicht, sie zu verwässern, sondern durch unsere Begeisterung neue Begeisterung zu wecken. Wir wollen über Musik schreiben und diskutieren, auf ganz bewusste Art. Ohne Fließbandproduktionsdruck, aber in vielfältigen Formen. Denn Musikjournalismus kann mehr sein als Text. Für uns gehören die eigene Produktion von Audios und Videos ebenso dazu, wie die klassische Kritik. Je nachdem, was dem Inhalt gut tut. Und dabei im besten Fall noch unterhält.

RONDO: Was erwartet die Leser auf niusic.de?

HEMMERICH: Das Onlinemagazin ist kostenlos zugänglich und am tabletfreundlichen Querformat ausgerichtet, aber ebenso auf allen anderen Geräten intuitiv lesbar. Unsere Zielgruppe sind neben den schon Interessierten auch die Einsteiger, die wir ansprechen wollen, ohne den weit verbreiteten Erklärbär-Duktus oder indem wir Mozart zum Popstar umfunktionieren. Wir schreiben Artikel, die Neues ausprobieren, manchen vielleicht auch zu spielerisch und flapsig erscheinen mögen, wie Coverkritiken und Opernrätsel.

WARMUTH: Kommen junge Musikjournalisten zusammen, sind dies beim abendlichen Bier und Wein auch die Themen, die neben dem wesentlichen Kerninhalt diskutiert werden. Und apropos „Einsteiger“ – in vielen Artikeln finden sich Links zu Glossarbeiträgen, die in wenigen Worten grundlegende Musikbegriffe umreißen, ohne lexikalisch trocken zu sein: Was ist eine Fuge, eine Wagnertube oder ein Trinklied?

HEMMERICH: Auch wenn wir kurze Videos mit namhaften oder noch zu entdeckenden Künstlern drehen, nehmen wir uns selbst dabei nicht allzu ernst. Phrasendrescherei und PR-Floskeln langweilen doch nur. Aber was passiert stattdessen, wenn ein junger Musiker per Zuruf über „Donald Trump“ am Vibraphon improvisieren soll? Oder wenn Jörg Widmann sich in eine Klarinette verwandelt?

RONDO: An welchem Punkt unterscheidet sich Eure Sichtweise auf die Klassik am deutlichsten von den bisher üblichen Mustern?

WARMUTH: Wir haben niusic.de ein „Online-Biotop für Klassische Musik“ genannt. Für uns ist die Klassik ein bunter, entdeckenswerter Kulturraum, der sich – ganz im biologischen Sinne – nicht durch Ausgrenzung von Erscheinungsformen definiert, sondern gerade die Wechselwirkung all seiner Bewohner benötigt. Und dazu zählen wir alle – die Künstler, Musikkritiker, Komponisten, aber auch die Musikstücke und deren Rezipienten. Und auch die Leser selbst. Sie sollen nicht staunend vor der Rampe stehen, sondern sich einmischen. Dazu nutzen wir die Vorteile des Internets: Spotify ermöglicht den direkten Interpretationsvergleich, Netzfundstücke aus den Untiefen der Datenserver und Videos regen zum Kommentieren an, was dank der Einbindung der sogenannten sozialen Netzwerke direkt möglich ist. So werden Kritiker halbtags zu Kuratoren, und die Teilhabe der Leser wächst. Sofort kann sich an den Schlüssen und Meinungen der Autoren gerieben werden, das ist herrlich! Kunst gehört nicht hinter museale Glasscheiben, sondern braucht Platz zum Entfalten. Auf niusic.de wollen wir mit unseren Lesern die Samtkordeln aus den Ösen nehmen und die Bühne betreten.

www.niusic.de – das Online-Biotop für Klassische Musik


Vielstimmig und sprachverliebt

Das Onlinemagazin niusic.de ist entstanden in Kooperation des RONDO-Verlags mit der Akademie Musikjournalismus des Festivals Heidelberger Frühling. Die Teilnehmer der Intensivausbildung am Neckar können nun ein Jahr Praxiserfahrung als Autoren beim Berliner Onlinemedium anschließen – und sich professionell in den Techniken des Internetjournalismus fortbilden. Die Diskussionsfreude des Heidelberger Akademiegedankens fließt nicht nur in die vielstimmigen und sprachverliebten Texte der jungen Autoren ein. Im niusic-Blog schreiben die Stipendiaten auch über ihre Erfahrungen im Beruf des Musikjournalismus, etwa wenn sie im Verlauf des Jahres verschiedene Festivals und Kulturinstitutionen besuchen und dort in den direkten Diskurs mit den Machern treten. Ihre Erlebnisse werden anschließend für den Leser erzählt – Geschichten, die sich sonst nur im Maschinenraum der Kunst abspielen.


Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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