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Im Dienste der Musik

Sein Brahms war herb bis konzessionslos schroff und ernst. Bei Mozart verbannte er jede rokokohafte Eleganz. Und wo andere bei Bruckner Stimmungen entdeckten, legte er aus dem Notentext Entwicklungsbögen und motivische Zusammenhänge frei. Jede Aufnahme von Otto Klemperer ist ein Bekenntnis zur klaren Ausdeutung, ein Versuch der Objektivität, der architektonischen Transparenz – auch wenn in den letzten Jahren seine Tempi gefährlich in die Breite gingen. Am 6. Juli jährt sich zum 40. Mal der Todestag dieses unerbittlichen Dieners in der Sache. Und mit gleich drei unterschiedlich bestückten CD-Boxen ist jetzt die „Klemperer Edition“ komplett, die 2012 mit Einspielungen von MozartOpern, Beethoven und Brahms eröffnet wurde. Alle Aufnahmen sind mit jenem London Philharmonia Orchestra entstanden, das er von 1954 bis fast zu seinem Lebensende dirigierte. Und selbstverständlich fehlen nicht Klemperers ungemein gestrafften, die dramatischen Proportionen freilegenden Mahler-Interpretationen – darunter auch das „Lied von der Erde“ mit den Solisten Christa Ludwig und Fritz Wunderlich als absolutem Höhepunkt. Als erfrischend durchgeputzt, fernab neo-romantischer Barockpflege, erweisen sich dagegen Bachs Orchestersuiten und Brandenburgischen Konzerte (kein Wunder, dass Nikolaus Harnoncourt den Bach-Dirigenten Klemperer enorm schätzte!). Der Rundgang durch die klassische Moderne beginnt bei Strawinskis impulsiv genommener „Sinfonie in drei Sätzen“ und präsentiert selbst den Komponisten Klemperer in seiner 2. Sinfonie als versierten Mahler-Jünger. Als Bonus gibt es ein Radiofeature von Jon Tolansky, bei dem nicht nur Weggefährten Klemperers zu hören sind, sondern auch dessen knorrige Stimme. Guido Fischer

Klemperer-Edition

EMI

Der Edelmann

Das berühmteste Pulttitanen-Treffen der Musikgeschichte fand 1929 in Berlin statt und wurde glücklicherweise fotografiert. Rechts außen stand Wilhelm Furtwängler. Und um fast zwei Köpfe überragte Otto Klemperer da Erich Kleiber, Arturo Toscanini und – ganz links – den gutmütig lächelnden Bruno Walter. Natürlich gehörte der Berliner in diesen Kreis der Großen. Auch wenn manche seiner Kollegen auf Walter nicht immer gut zu sprechen waren. So schimpfte Toscanini ihn gar einen „sentimentalen Narren“, da Walter unerschütterlich an den sittlichen und göttlichen Mächten der Musik festhielt. Angesichts der historisch dunklen Zeiten, die auch ihn 1939 ins amerikanische Exil trieben, mag Walters ethisches Credo rückblickend tatsächlich etwas weltfremd erscheinen. Hört man aber seine zahllosen Aufnahmen, die er in den USA mit dem Columbia Symphony Orchestra und den New Yorker Philharmonikern einspielte, mag man dem harmoniesüchtigen Musiker nicht widersprechen. Denn allein sein Mozart besaß einen beseelten Zauber und natürlichen Atem, der einen an die überirdischen Kräfte der Musik glauben lassen möchte. Ähnliche Erlebnisse hat man bei „seinen“ Brahms und Bruckner, die er im hohen Alter geradezu liebenswürdig schlicht dirigierte. Und selbst in den Sinfonien seines Freundes Gustav Mahler bewahrte Walter sich seine ästhetische Integrität, die mehr auf Schönheit und Versöhnung denn auf Zerrissenheit und Seelenqual aus war. An all diese wertvollen Sternstunden erinnert die schwergewichtige CD-Edition mit Aufnahmen aus Walters letzten zwanzig Schaffensjahren. Und das, was Leonard Bernstein kurz nach Walters Tod 1962 über den Menschen gesagt hat, trifft gleichermaßen auf den Musiker zu: „Er war ein Mann voller Freundlichkeit und Wärme, Güte und Hingabe.“ Guido Fischer

Bruno Walter: The Edition

Sony

Ein überzeugter Klangdemokrat

Am Ende, nach dem Es-Dur-Schlussakkord, bricht er aus. Ein einziger Jubelchor. Und selbst, als sich die Musiker des Lucerne Festival Orchestra freundschaftlich untereinander verabschiedet und daraufhin das Podium verlassen haben, steigert sich das Publikum nochmals, als Claudio Abbado zurückkehrt und mit einem Blumenregen bedacht wird. Am 21. August 2003 feierte man ihn, den Geburtsvater des eben frisch gegründeten, mit allerlei Prominenz bestückten Lucerne Festival Orchestra. Und nicht zuletzt war man immer noch gefesselt, wie hier ein sinfonisches Schwergewicht unter Hochspannung gesetzt worden war. Kurz zuvor hatte der von einer schweren Krankheit genesene Abbado seinen 70. Geburtstag gefeiert. Und bald können die sich „Abbadiani“ nennenden Abbado-Fans ihm zu seinem Achtzigsten gratulieren – am 26. Juni! Zur Einstimmung gibt es schon jetzt einen dicken CD-Würfel, der sämtliche sinfonischen Einspielungen von Abbado für die Deutsche Grammophon umfasst. Dazu gehören selbstverständlich die schon sagenumwobenen Mahler-Aufnahmen wie alle Neune von Beethoven, bei denen der Italiener über quellenkritisches Partiturstudium für ungemein moderne Inneneinsichten sorgte. Auch hier dirigierte Abbado seine Berliner Philharmoniker, mit denen er ab 1989 eine Ära einläutete, von der selbst sein Nachfolger Simon Rattle zehrte. Wenn es zudem einen Star-Dirigenten wider Willen gegeben hat, der zudem für frischen Wind in der Orchesterlandschaft gesorgt hat, dann Abbado. Und so begegnet man bei Mozart, Haydn, Schubert und Mahler seinen sofort erwachsenen Prachtkindern, dem Mozart Orchestra, dem Chamber Orchestra of Europe sowie dem Lucerne Festival Orchestra. Guido Fischer

Claudio Abbado: The Symphony Edition

DG/Universal

RONDO Ausgabe 3 / 2013



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