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Franz Welser-Möst

„Die fetten Jahre sind vorbei.“

Mit RONDO sprach der Dirigent über seinen schweren Unfall mit 18 Jahren, das jüngste Publikum von Amerika – und über die Frage, warum er so langweilig ist.

RONDO: Herr Welser-Möst, von der Musikkritik wurden Sie erst spät entdeckt, obwohl Ihre Karriere – in London, Zürich, Cleveland und Wien – immer gut in Schwung war. Warum so spät?

Franz Welser-Möst: Wohl auch, weil ich 1995 den bewussten Schritt nach Zürich gemacht habe, um mich vom Jetset abzusetzen. Mir war es wichtig, das Opern-Handwerk zu lernen, und das können Sie nur in der Mühle eines Repertoirebetriebs, so wie in Zürich unter dem wunderbar wahnsinnigen Alexander Pereira. Dort habe ich fünf Premieren und 70 Vorstellungen pro Spielzeit dirigiert.

RONDO: Sie sind manchmal sogar als „langweilig“ bezeichnet worden. Misstrauen Sie dem Glamour?

Welser-Möst: In gewisser Weise ja. Ich bin auf der – wenn man so will – „stillen“ Suche nach Subtilitäten. So gesehen misstraue ich oberflächlichem Glamour und bin kein Zirkuspferd.

RONDO: Mit Pereira ebenso wie mit dem Wiener Staatsoperndirektor Dominique Meyer kam es zum Bruch. War das nötig, um als unabhängig wahrgenommen zu werden?

Welser-Möst: Ich denke schon. Übrigens, Pereira hat mich keineswegs geholt, wie er später gerne gesagt hat. Er musste mich nehmen, weil das Orchester es von ihm verlangte. (Lacht.) Nach 43 Premieren war die Zeit um. In Wien war die Situation eine ganz andere. Mir wurde bald klar, dass es künstlerisch in eine Routine-Richtung geht, die ich nicht wollte.

RONDO: Beim Cleveland Orchestra, so erzählen Musiker, halten Sie wenig davon, die Kontinuität zu Ihrem großen Vorgänger George Szell zu betonen. Weshalb?

Welser-Möst: Schauen Sie, wenn ich mich dauernd auf jemanden berufe, der seit vielen Jahren tot ist, verliere ich irgendwann meine Glaubwürdigkeit. Nikolaus Harnoncourt hat einmal sehr klug gesagt: „In 40 Jahren werden die Leute lachen über das, was ich heute mache.“

RONDO: Worin besteht heute der Unterschied des Cleveland Orchestra, wenn Sie es mit früher vergleichen?

Welser-Möst: Das Cleveland Orchestra unter Szell war eine perfekt geölte, etwas kühle Maschine. Auch das Singen haben sie erst später gelernt.

„Man beißt nicht die Sponsoren-Hand, die einen füttert.“

RONDO: In Amerika befinden sich alle Orchester in einem harten Überlebenskampf – so sehr, dass viele europäische Dirigenten sich ermüdet abwenden. Sie nicht?

Welser-Möst: Ich nicht. Erstens beißt man nicht die Sponsoren-Hand, die einen füttert. Zweitens respektiere ich diese Kultur. Übrigens: Unsere fetten Jahre in Europa sind auch vorbei! Hier müssen Sie sich mit Politikern arrangieren. Da finde ich Sponsoren weitaus interessanter. Dreinreden lassen wir uns ohnehin nicht.

RONDO: In Cleveland verfolgt Ihr Orchester den Plan, das jüngste Publikum Amerikas zu bilden. Wie jung wollen Sie werden?

Welser-Möst: Dieses Ziel haben wir schon erreicht. Bei uns sind 20% der Zuhörer unter 25 Jahren. Noch besser: Die kommen sogar wieder! Sie gehen – aufgrund des schlechten Musik-Unterrichts in den Schulen – gänzlich unverbildet hinein. Übrigens wurde das Cleveland Orchestra von zwei vermögenden Damen gegründet, um der Musikbildung zu dienen. Vor 100 Jahren war Cleveland die fünftgrößte Stadt in den USA, jetzt stehen wir nur noch an 45. Stelle.

RONDO: Sie heißen eigentlich Franz Leopold Maria Möst. Klingt doch viel illustrer?!

Welser-Möst: Dass ich mich umbenannt habe, hängt damit zusammen, dass mir mein Name irgendwann zu österreichisch-katholisch vorgekommen ist. Ich hatte mit 18 Jahren einen schweren Autounfall, der meine Geigen- Karriere beendet hat. Ich hab’ dann angefangen, mich mit Philosophie, auch mit Buddhismus und Hinduismus zu beschäftigen …

RONDO: Auch Ihre Liebe zu Schubert haben Sie mit jenem Autounfall erklärt, der 1978 auf die Stunde genau 150 Jahre nach Schuberts Tod stattfand. Glauben Sie daran wirklich?

Welser-Möst: Es war mehr als das! Schon meine früheste Kindheitserinnerung bezieht sich darauf, dass meine Mutter am Flügel saß und das Ges-Dur-Impromptu spielte. Als der Unfall passierte, befand ich mich auf dem Weg von einer G-Dur-Messe im Ennstal nach Steyr, wo ich am Abend beim Forellen- Quintett mitwirken sollte. Auf der Intensivstation drehte ich das Radio auf und hörte genau jene Schubert-Messe, die ich kurz vor dem Unfall gespielt hatte.

RONDO: Sie wirken durchaus erwachsen, haben sich aber seit 25 Jahren äußerlich kaum verändert. Wie das?

Welser-Möst: Gute Gene und gutes Bindegewebe, vermute ich. Mein Vater, der letztes Jahr mit 92 Jahren starb, hatte ein Gesicht wie ein Pfirsich. Seit dreizehn Jahren mache ich Yoga. Als ich noch jung war, haben mir Musiker oft gesagt, ich hätte eine alte Seele. Ich bin jünger geworden mit den Jahren.


Altlasten? Nein danke!

Das Cleveland Orchestra, gegründet 1918 und beheimatet in der Severance Hall, der vielleicht schönsten Konzerthalle der USA, wird seit George Szell, der hier von 1946 bis 1970 residierte, zu den „Big Five“ der amerikanischen Orchester gerechnet. Franz Welser-Möst übernahm die Leitung 2002 von Christoph von Dohnányi. Gastspiele in diesem Sommer führen das Orchester nach Salzburg (18., 19.8.), Grafenegg (20., 21.8.) und Luzern (24.8.).


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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