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Internationale Gluck-Opern-Festspiele

Iphigenie im Spiegel

Nach dem Erfolg zum 300. Komponistengeburtstag wollen die in und um Nürnberg angesiedelten Gluck-Opern-Festspiele auch 2016 wieder überraschen.

Es stehen die Büste zur Auswahl, die Stele und die Harfe. Drei Denkmäler und drei Geburtsorte gibt es nämlich für Christoph Willibald Gluck. Die sind aber alle ziemlich klein. Und sie liegen in der Oberpfalz, was furchtbar weit weg und sehr hinterwäldlerisch klingt. Sagt man aber, alle drei liegen im Altmühltal, dann scheint die Zivilisation schon näher.
Trotzdem, auf dem bayerischen Land, da tut man sich mit Oper schwer. Die aber muss es sein, schließlich hat dieser zentrale, von der Geschichte allerdings sehr an den Rand des Repertoires gerückte Komponist sich als Musiktheater-Reformator Unsterblichkeit erschrieben und ebnete den Weg von den steifen, mit Göttern und Heroen bevölkerten Barock- Arienabfolgen hin zu den psychologisch ausgefeilten bürgerlichen Buffas Mozarts.
Weil Gluck 2014, hätte er das erlebt, 300 Jahre alt geworden wäre, wurde gefeiert. In den Dörfern, Städtchen, aber vor allem in der Kapitale der als „Metropolregion“ EU-kategorisierten fränkisch-oberpfälzischen Landschaft um Nürnberg. Und die seit 2008 im Zwei-Jahres- Rhythmus abgehaltenen Internationalen Gluck-Opern-Festspiele wurden beherzt umgebaut und ausgeweitet. Mit großem Erfolg.
Neben den originellen Spielplangedanken, die sich der Dramaturg Christian Baier gemacht hatte, waren außer selten gehörten Werken eine Vielzahl hübscher Theater am Gluck-Wegesrand zu bestaunen, von Fürth und Erlangen bis hoch nach Coburg. Bewusst dezentral ausgebreitet wird so die Suche nach dem Gluck-Glück auch zur sonnig schönen Landpartie.

Gluck, Piccinni, Cherubini und – Strauss

Dabei darf sich zum Beispiel Berching erst seit Mitte der Siebzigerjahre „seines“ Gluck rühmen. Und das auch nur wegen diverser Eingemeindungen. Eigentlich hatte das acht Kilometer entfernte Weidenwang dieses Privileg. Dort steht noch die 1871 enthüllte Büste mit der doppelten Falschmeldung. Gluck wurde nämlich bereits zwei Tage früher, am 2. Juli 1714, im benachbarten Erasbach geboren, in Weidenwang wurde er nur getauft. Doch was soll’s?
1967 wurde vor dem echten Geburtshaus eine Gluck-Stele aufgestellt, in den Achtzigerjahren kam eine Gedenkplatte an der blaugrauen Fassade hinzu, später noch die überdimensionierte Lyra des Orpheus, die schräg aus der Grüninsel eines Umgehungsstraßenkreisels ragt. Und überhaupt: Die Familie zog ohnehin drei Jahre später ins Böhmische, Gluck wurde zum rastlosen Europäer.
Man hat bei den ambitionierten Gluck-Opern-Festspielen viel unternommen, um den Namenspatron als Tanzerneuerer, als Liedkomponisten, als Gala- Galanterien-Lieferanten vorzuführen. Und stellt mit großer Geste vor allem immer wieder den Theater-Innovator vor. 2016 gilt dies vor allem seinen „Iphigenien“, in diversen Variationen. Und auch von anderen Komponisten, denn der Stoff aus der „Ilias“ des Homer war ein beliebtes Thema der Barockoper wie ihrer Reformatoren.
Die Tochter des Agamemnon musste sich für das Kriegsglück der Griechen im Hafen Aulis opfern lassen, wurde aber von der Göttin Artemis als deren Priesterin ins ferne Tauris entführt. Dort begehrt sie König Thoas, doch ihr wegen Muttermords von den Erinnyen gejagter Bruder Orest kann sie erst befreien, als er Thoas tötet.
Von Gluck selbst führen die dieses Jahr vom 16. bis zum 30. Juli in neun Städten auf elf Bühnen abgehaltenen, wieder von einer Versicherung großzügig unterstützten Gluck- Opern-Festspiele nur die zweite seiner beiden Iphigenien auf – und zwar „Iphigenie auf Tauris“ von 1779. Das aber – erstmalig seit deren Uraufführung 1890 – im modernen Spiegel der zeittypischen Fassung von Richard Strauss, die hier als wichtiges Dokument der Gluck-Rezeption neu beleuchtet werden soll. Die litauische Sopranistin Anna Dennis, der griechische Bariton Aris Argiris und Dirigent Christoph Spering belegen eindrucksvoll das ungestüme Talent des jungen Strauss, sieben Jahre vor „Elektra“. Zudem gibt es in Ausschnitten die erste deutsche Fassung von Johann Baptist von Alxinger von 1779 zu hören.
Iphigenie taucht freilich noch öfter auf, jeweils als deutsche Erstaufführung beispielsweise in den Varianten von Niccolò Piccinni: „Iphigénie en Tauride“ (UA 1781) und Luigi Cherubini: „Ifigenia in Aulide“. Marie Antoinette, die junge Königin Frankreichs, holte Gluck 1774 nach Paris, wo er mit seinen Werken Erfolge feierte – aber auch einen heftigen Streit um die Zukunft der Oper auslöste. Glucks Gegner engagierten den Italiener Niccolò Piccinni, ein heute hierzulande zu Unrecht weitgehend Unbekannter, dessen in Paris herausgekommene „Iphigénie“ Gluck alt aussehen lassen sollte. Mitnichten: Die Kontrahenten schufen nach dem gleichen Sujet zwei eigenständige Meisterwerke.
Noch eine Entdeckung der Festspiele 2016: Cherubini kennt man heute vor allem durch sein Meisterwerk „Medea“. Doch auch er nahm früh Maß an seinem Vorbild Gluck und schuf 1788 seine Version des Iphigenie- Stoffs, die Glucks Gabe zur scharfen Figurenzeichnung und seinem musikalisch-dramatischen Raffinement ebenbürtig erscheint. Die Noten dieser Kostbarkeit der Musikgeschichte galten lange als verschollen. Das Werk erklingt nun erstmals wieder seit seiner Mailänder Uraufführung.
Von den Gluckschen Bühnenwerken steht zudem das Ballett „Don Juan“ von 1761 auf dem Programm, das Mozart für seinen „Don Giovanni“ beeinflusste. In Amberg präsentiert die französische Compagnie de danse „L’Éventail“ das Opus in originalen Kostümen und Kulissen sowie dem damals üblichen Schuhwerk (Spitzenschuhe waren noch nicht in Gebrauch!).
„Il Parnaso confuso“ zeigt die Nürnberger Pocket Opera Company POC in Berching. Dort steht der Himmel Kopf. Denn die trägen Musen Melpomene, Euterpe und Erato sollen, getrieben vom aufgekratzten Apollo, rasch ein musikalisches Meisterwerk vollbringen. Zur Uraufführung 1765 in Wien waren alle Rollen dieses Einakters mit Angehörigen aus dem Haus Habsburg besetzt. Die Oper „Telemaco“ hingegen dient in Nürnberg als Vorlage für die neue Jugendoper „T.M.A. – Coming Of Age“; den Sound dazu liefert die innovative Elektro-Band Wrongkong.
Glucks berühmtestes Werk, „Orfeo ed Euridice“, gibt es in Erlangen in der 1769 für einen Soprankastraten verkürzten Parma-Fassung – hier gesungen von Countertenorstar Valer Sabadus. Eröffnet wird freilich mit einem Paukenschlag: Star-Mezzo Elīna Garanča, die sich bereits als Plakatmotiv- Iphigenie unter Schinkels „Blick in Griechenlands Blüte“ in Berlins Alter Nationalgalerie rekelt, führt im Nürnberger Galakonzert Glucks Einfluss auf die nachfolgenden Komponisten- und Sänger-Generationen, seinen Anteil bei der Entwicklung der Grand Opéra und seine Bedeutung für die Romantiker des 19. Jahrhunderts vor. Denn Gluck lebt – nicht nur in und um Nürnberg.

Internationale Gluck-Opern-Festspiele 2016

16. - 30. Juli., in und um Nürnberg
www.gluck-festspiele.de


Pures Opern-Gluck

13 Produktionen an 15 Tagen in neun Städten in und um Nürnberg, die 8. Gluck-Festspiele zeigen, dass es nach dem Jubiläumsjahr 2014 mit Anspruch weitergeht. Im Fokus stehen zwischen dem 16. und 30. Juli Vertonungen des Iphigenien-Stoffs. Glucks „Iphigenie auf Tauris“ in der Strauss-Fassung gibt es am 22. Juli in Fürth zu hören, Piccinis „Iphigénie en Tauride“ am 18. in Nürnberg und Cherubinis „Ifigenia in Aulide“ am 23. in Würzburg. Zu den Festspiel-Stars gehören Elīna Garanča mit einem Nürnberger Gala-Arienabend am 16., Countertenor Valer Sabadus mit einem Konzert am 24. in Ansbach und „Orfeo ed Euridice“ am 26. in Erlangen. Außerdem singt Daniel Behle am 27. in Neumarkt.


Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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