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Abschied vom Pult: James Levine (c) Marty Sohl/Metropolitan Opera

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Von der Wupper an den Hudson-River

Anfang des Jahres wurde gemeldet, dass die litauische Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla die Nachfolge von Andris Nelsons beim City of Birmingham Symphony Orchestra antreten wird. Und auch wer mit dem Namen „Gražinytė-Tyla“ so gar nichts anfangen konnte, war sich jedenfalls sicher, dass dieses englische Top-Orchester sich für die Dirigentin ausschließlich aufgrund ihres Könnens und nicht ihres Geschlechts entschieden hat. Eigentlich müsste man dies nicht mehr so betonen wie etwa noch vor zehn Jahren. Als es damals immer noch als Ding des Unvorstellbaren empfunden wurde, dass eine Frau irgendwann mal ein A-Orchester hauptamtlich leitet. Es mag für Dirigentinnen daher durchaus selbstverständlicher geworden zu sein, abseits von Frauenquoten Karriere zu machen. Trotzdem ist es auch hierzulande noch keine Alltäglichkeit. Zwar wurde die Britin Julia Jones gerade zur neuen Generalmusikdirektorin des Sinfonieorchesters Wuppertal gewählt. Dass sie in diesem Amt auf A-Ebene aber aktuell eben die einzige Frau im deutschen Konzertbetrieb ist, sagt einiges über die Personalpolitik bei den großen deutschen Sinfonieorchestern aus. Immerhin scheint Jones, die bisher Chefdirigentin des Theaters Basel und des Teatro Nacional Sao Carlos in Lissabon war, eine äußerst mutige Frau zu sein. Denn die Musik- und vor allem die Opernstadt Wuppertal wurde von ihrem Vorgänger Toshiyuki Kamioka künstlerisch derart runtergewirtschaftet, dass jetzt eine Menge Aufbauarbeit gefragt ist. Ab Sommer hat Mrs. Jones also alle Hände voll zu tun.
Die ausgewiesene Operndirigentin Jones hat in den letzten Jahren auch am Londoner Covent Garden und am Frankfurter Opernhaus überzeugt. Und vielleicht wird sie ja irgendwann mal auch an die New Yorker MET eingeladen. Womit wir bei der international schlagzeilenträchtigsten Personalie gelandet sind: nach genau 40 Jahren muss James Levine sein Amt als Musikalischer Direktor des legendären Opernhauses aus gesundheitlichen Gründen abgeben. Schon lange hatte ihn seine Parkinson-Krankheit immer wieder auch zu umfangreichen Pausen gezwungen. Und zum Schluss konnte der Mann mit dem markanten Lockenkopf und dem obligatorischen Handtuch nur noch im Rollstuhl dirigieren. Über 2500 Opernabende und fast 90 Opern hat Levine in all den Jahrzehnten verantwortet. Jetzt aber ist mit dem Ende der laufenden Spielzeit Schluss. Wer aber solch ein Opernbühnentier ist wie „Jimmy“ Levine, der bleibt dem Haus und seinen Fans wenigstens als sporadisch gastierender Ruheständler erhalten. „Ich bin wahnsinnig stolz auf alles, was wir zusammen geschaffen haben“, ließ Levine zum Abschied mitteilen.

Guido Fischer



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