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Renée Fleming (c) Timothy White/Decca

Café Imperial

Im Zuge des nicht endenden Operettenbooms gibt es inzwischen nicht nur Revivals verfemter oder verbannter Werke (wie Paul Abrahams „Ball im Savoy“), sondern daneben auch Wiederaufführungen bräunlich angeschmuddelter Komponisten wie Nico Dostal („Die ungarische Hochzeit“, zuletzt in Bad Ischl). Kálmáns Jazz-Operette „Die Herzogin von Chicago“ steht unverkrampft neben der heimatseligen „Goldenen Meisterin“ von Edmund Eysler (zuletzt in Baden). Also: ‚Anything goes!‘, auch hier. „Der Kongress tanzt“ mit der Musik des in die Emigration gejagten Werner Richard Heymann war sogar ursprünglich nur ein Film (1931, Regie: Erik Charell). Es gibt nicht einmal Noten! An der Volksoper funktioniert die Wiener Kongress-Komödie, aufgerüscht und aufgeplustert mit 14 weiteren Heymann-Hits, vortrefflich – weil das Ganze zur Chefsache erklärt wurde. Hausherr Robert Meyer inszeniert und spielt den Metternich gleich selber. Als Lilian Harvey-Ersatz verdingt sich Anita Götz und als Willy Fritsch-Zarensurrogat Boris Eder. Das flutscht, weil man sich, wenn’s eng wird, immer auf die schöne Ausrede zurückziehen kann: Geschieht ja alles nur im Dienst und als Hommage an den vertriebenen, verklärten und tatsächlich unnachahmlichen Ohrwurm-Erfinder Werner Richard Heymann. Er hat’s verdient.
Im Café Imperial, unserem Stamm-Ausguck am Wiener Kärntnerring, denken wir zumeist über Hausbewohner nach. Leute also, die in diesem Hotel wohnen, weil sie nebenan im Musikverein oder schräg gegenüber im Konzerthaus oder in der Oper auftreten. Vielleicht wohnen sie auch woanders. Dass es zumeist bekannte Namen sind, liegt nicht an einem marottenhaften Star-Fetischismus unsererseits. Klassik war immer schon ein Geschäft großer Namen. Die nur dann echt groß sind, wenn dahinter ein wirklich guter Musiker steht. Gustavo Dudamel zum Beispiel kenne ich, seit er noch kein Name war: seit dem Gustav Mahler-Dirigentenwettbewerb, den er 2004 gewann. Nebenbei, mein Favorit (oder derjenige etlicher Kollegen) war er nicht. Wien, wo Dudamel als Jüngster in der Historie das Neujahrskonzert 2017 dirigieren wird, schießt sich im April gewissermaßen auf diesen inzwischen großen Namen ein. Bei den Wiener Philharmonikern dirigiert er zwei Programme (8. – 10.4., 16. – 18.4.). Um danach mit „Turandot“ an der Staatsoper weiterzumachen (ab 28.4.). Ein großer Name, gewiss, und doch noch auf der Suche nach seinem Repertoire. Keinen international zu überschätzenden Namen hat Bertrand de Billy, dessen „Capriccio“ im Theater an der Wien Premiere hat (Inszenierung: Tatjana Gürbaca, ab 18.4.). Auch einen vergleichsweise nicht so großen Namen hatte Kirill Petrenko, als er 2015 zum Nachfolger Simon Rattles bei den Berliner Philharmonikern gewählt wurde. Ihn nennen wir trotzdem, denn Petrenko, ohne Zweifel, ist einer der Besten seines Fachs (Wiener Philharmoniker, 2./3.4.). Einige Namen verjähren nicht, zum Beispiel Martha Argerich und Daniel Barenboim im Duo (Musikverein, 27.4.). Manche, wie Renée Fleming, ziehen sich drohend bald von der Opernbühne zurück (Musikverein, 4.4.). Andere bleiben länger (Susan Graham, Konzerthaus, 30.3.). Wieder andere noch länger (Kurt Rydl, „Anatevka“ an der Volksoper, wieder ab 14.5.). Einige Namen sind immer noch nicht so bekannt wie sie sollten, z.B. der japanische Bach-Meister Masaaki Suzuki („Magnificat“, 15.4.), Orgel-Tänzerin Iveta Apkalna (19.4.) und der „Gottvater des Hammerklaviers“, Alexei Lubimov (8.5., alle im Konzerthaus). Und dann gibt es natürlich auch noch die überschätzten Namen. Einige sogar maßlos. Das sind die, die wir uns hier verkneifen. Für den Fall, dass sie uns demnächst in der Halle wieder begegnen. Ober, zahlen

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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