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(c) Alfred Junker/STRAMU Würzburg

Musikstadt

Würzburg

Mozarts Musik, barocke Architektur und (Lebens)Kunst – dies ist der unverwechselbare Dreiklang der fränkischen Weinmetropole.

In diesem Hause verlebte 1833 Richard Wagner manch frohe Stunde im Kreise gleichgestimmter Seelen.“ So steht es an einem grau gewordenen Würzburger Sandsteinhaus. Doch hier wurden keine Musiktheorie diskutiert und kaum Noten geschrieben. Am Galgenberg hoch über der Stadt wurden Menschen hingerichtet und Soldaten auf einem Exerzierplatz gedrillt. Und ein 20-jähriger Komponist, der gerade an seiner ersten Oper arbeitete, trank in der Nähe, im Lokal „Zum letzten Hieb“, mit Freunden Bier. Viel Bier. „Der ‚Letzte Hieb‘ ward fast allabendlich Zeuge meiner enthusiastischen Lustigkeit“, äußerte sich Richard der Große später.
Als der junge Wagner Mitte Januar 1833 ins nicht nur für seine Juliusspital-Traubenlagen berühmte Würzburg zu Wein, Weibern und Gesang kam, wohnte er zunächst bei seinem ältesten Bruder Albert. Der war Opernsänger und hatte Richard am Stadttheater eine Stelle als Chorrepetitor und Chordirektor besorgt. Als Wagner gelegentlich auch Opern dirigieren durfte, sah er wohl erstmals seine Zukunft als Musiktheaterkomponist vor sich.
Wagner verliebte sich in die Würzburger Kunsthändlerstochter Frederike Galvagni – möglicherweise auch in die Totengräberstochter Therese Ringelmann, die wie Frederike am Theater sang – und begann, seine erste Oper „Die Feen“ zu schreiben. Der „Letzte Hieb“ soll ihm angeblich Jahrzehnte später auch der ideale Ort erschienen sein, um sein Festspielhaus zu errichten: „Beim ‚Letzten Hieb‘ droben, mit dem schönen Blick auf die Stadt und Festung, sollte der ‚hehre, herrliche Bau‘ sich erheben.“ Er verhandelte mit dem damaligen Bürgermeister und wollte – natürlich – wieder Geld. Darauf gab ihm der Bürgermeister, der für die Kunst nicht viel übrig hatte, die lakonische und klassische Antwort: „Würzburg hat schon ein Theater und braucht kein weiteres.“

Festungsmauern, Himmelsfarben

wurde der Neubau des Würzburger Stadttheaters am gegenüberliegenden ehemaligen Ludwigsbahnhof eröffnet. Denn der Vorgängerbau, das ehemalige Adligen-Damenstift Heilige Anna, eröffnet am 3. August 1804 mit dem Schauspiel „Stille Wasser sind tief“, wurde beim großen Fliegerangriff durch englische Kampfbomber am 16. März 1945 völlig zerstört. So wie auch große Teil der barocken Innenstadt – nicht aber das Treppenhaus der Residenz mit dem größten Deckenfresko der Welt, 1752-53 aufgetragen von Gianbattista Tiepolo. Denn Architekt war der ehemalige Festungsbaumeister Balthasar Neumann – und der wusste schließlich, wie man massiv und solide werkelt, wenngleich er ein solches Inferno nicht hatte vorhersehen können. Und so ist das Panorama der vier Erdteile samt dem Triumph des Würzburger Fürstbischof Karl Philipp von Greiffenclau quasi gemalte Musik – eine Sinfonie in Farben. Wohingegen die Sinfonie der Klänge gerne aus dem nahegelegenen Kaisersaal weht, denn der ist, ebenfalls mit Tiepolo-Decke, einer der Aufführungsorte des Würzburger Mozartfests.
Dieses ist das älteste Mozart-Festival Deutschlands und findet seit 1922 während der Sommermonate statt. Es zählt heute mit zirka 50 Einzelkonzerten zu den traditionsreichsten Musikfestspielen im deutschsprachigen Raum. Jedes Jahr kommen bis zu 30.000 Besucher zu den Veranstaltungen, die in dem historischen Gebäude der Residenz, im Hofgarten und in benachbarten Orten stattfinden. Seit 1975 gibt es alle zwei bis drei Jahre zeitgleich zum Würzburger Mozartfest den Mozartfest-Wettbewerb für Gesang, der von der Hochschule für Musik Würzburg ausgerichtet wird.
Ein Café Mozart gibt es in Würzburg, wo Mozart nie Station machte, auch, und zwar gegenüber dem leider nicht sehr ansehnlichen – trotz Beton, Eloxal, Kugellampen und Innenhof-Springfontäne fies seventy-getunten, aber eben nicht nostalgisch retroschicken – heutigen Mainfranken Theater. Das freilich sah die Karrieren von späteren Weltstars wie Waltraud Meier (sie feiert im Juli hier mit einer Gala ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum) oder Diana Damrau in frischester Mädchenblüte, und es erlebte 2002 bedeutungsschwanger eine weitere Novizin.
Wagner-Urenkelin Katharina durfte – möglich gemacht durch eine Spende von Margot Müller, Autohausbesitzerin und Vorsitzende des Würzburger Richard Wagner Verbandes, dem größten der Welt – auf historischem Terrain ihre Gesellinnenprüfung als Regisseurin abliefern. Inklusive Premierenfeier mit sauren Zipfeln und Bocksbeutel. Ihr „Fliegender Holländer“ verstörte mit seinen Senta-Barbies in Kittelschürzen und einem auch ohne Meer böse schäumenden Apell gegen Fremdenfeindlichkeit so manchen konservativen Anhänger, machte aber viele Schlagzeilen. Wie seither nicht mehr. Herr über die 739 Sitzplätze war seit 2004 Hermann Schneider, er wird im Sommer 2016 von Markus Trabusch abgelöst. Als Generalmusikdirektor wirkt Enrico Calesso.

Chorsinfonik und Straßenkunst

Doch in Würzburg, der auf den zweiten Blick versteckt immer noch Schönen, ist weit mehr Musik drin. Und das nicht nur in den elegant klingenden Schwüngen der mit rund 80 Skulpturen, Reliefs und anderen Arbeiten weltweit größten Tilman-Riemenschneider- Sammlung im Mainfränkischen Museum, gelegen auf der trutzig die Stadt überragenden Festung Marienberg. In der Konzertreihe der „Würzburger Chorsinfonik“ beispielsweise präsentieren renommierte Orchester aus der näheren Umgebung wie die Nürnberger Symphoniker, die Hofer Symphoniker, die Jenaer Philharmonie, die Thüringen Philharmonie Gotha, die Vogtland-Philharmonie, das Barockorchester Würzburg und das Orchester des Theaters Rudolstadt gemeinsam mit dem MonteverdiChor Würzburg und hochkarätigen Solisten unter Leitung von Matthias Beckert die größten chorsinfonischen Meisterwerke von der Renaissance bis zur Moderne.
Zahlreiche Würzburger Erstaufführungen sowie vielbeachtete Konzerte mit historischem Instrumentarium zeigen die Vielseitigkeit und hohe Qualität der Konzertreihe in einem der schönsten Konzertsäle der Stadt, der Würzburger Neubaukirche. Dieses Jahr bietet noch Rares und Abwechslungsreiches wie Edward Elgars „The Kingdom“ (9. und 10. Juli), Händels „Belshazzar“ (29. und 30. Oktober) und Frank Martins Weihnachtsoratorium (3. und 4. Dezember).
Doch nicht nur hinter Festungs- und Kirchenmauern gibt es in Würzburg was zu hören und zu staunen: Das STRAMU Würzburg, dieses Jahr zum 16. Mal abgehalten vom 9.bis 11. September, ist mit jährlich 100.000 Besuchern eins der größten Festivals für Straßenmusik und Straßenkunst in Europa. Dafür treffen sich hunderte Künstler aus aller Welt am Main und beleben die Stadt mit Musik, Jonglage, Feuershows, Kinderunterhaltung, Tanz und Artistik der Spitzenklasse.
Und ein paar Autobahnkilometer Richtung Nürnberg gibt es ebenfalls noch ideell Würzburg verbundene Klassikkunst: auf Schloss Weißenstein in Pommersfelden, einem der bedeutendsten, immer noch in Privatbesitz befindlichen Barockschlösser derer von Schönborn-Wiesentheid, die im Jahre 1743 gleichzeitig die Fürstbischöfe von Bamberg, Würzburg, Konstanz, Speyer und Worms stellten. Die dortige internationale Sommerakademie für junge Musiker wurde 1958 gegründet. Christian Thielemann, Klaus Thunemann, Marie-Luise Neunecker, Hans-Jörg Schellenberger, Rainer Kussmaul und Imogen Cooper haben entweder als Studenten, Dozenten oder Dirigenten an der Sommerakademie des Collegium Musicum teilgenommen und trugen dazu bei, dass diese sich einen anerkannten Platz in der Musikwelt erworben hat; sie darf auch für sich in Anspruch nehmen, die drittälteste Veranstaltung ihrer Art in Europa zu sein. Und auch hier wird nach so manchem gelungenen Konzert dem Frankenwein zugesprochen, denn schließlich wusste schon Wagner, was in Würzburg gut ist.

www.mozartfest.de
www.wuerzburger-chorsinfonik.de
www.stramu-wuerzburg.de


Mozarts Europa

… so lautet das Thema beim Mozartfest Würzburg vom 3. Juni bis 3. Juli 2016. Es fragt mit seinen Programmen nach kultureller Vielfalt und Einheit. Mit über 60 Konzerten in hochkarätigen Besetzungen von Kammermusik, Sinfonik, Vokalmusik bis Weltmusik. Artiste étoile ist der Pianist und Komponist Kit Armstrong. Zu hören sind das Scottish Chamber Orchestra, das Orchestre de Chambre de Paris, das Kammerorchester Basel, die Camerata Salzburg und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Das MozartLabor geht ins dritte Jahr und setzt ebenfalls einen vokalen Schwerpunkt mit „Europa im Lied“. Dem 80-jährigen Aribert Reimann ist ein Komponistenporträt gewidmet.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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