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(c) Chris Marquardt

Joo Kraus

Prince Charming des Jazz

Nach einem Echo und einem Golden Jazz Award ist der sympathische Trompeter mit sich im Reinen.

Bei Kaffee und Kuchen plaudert der derzeit so angesagte Musiker einfühlsam, wirkt dabei ausgesprochen jungenhaft, freundlich und uneitel. 2012 bekam er den Echo als Bester Trompeter national, 2015 hatte der Verkauf seines Albums „Public Jazz Lounge“ (Skip) die Bestsellermarke eines Golden Jazz Award geknackt – und dieses Jahr wird er auch noch 50.
Zunächst wirkt diese Karriere seltsam geradlinig. Ein hoch talentierter Jungspund auf der Trompete aus Ulm gewinnt mit 19 den Bundeswettbewerb Jugend musiziert, kommt unter die Fittiche der Alt-Ulmer Krautrock-EBasslegende Hellmut Hattler, wird Mitglied in dessen wiedererstandener Formation „Kraan“ und bildet schließlich mit dem fünzehn Jahre älteren Bassisten das höchst erfolgreiche Funk-Duo „Tab Two“. 2003 erscheint dann Joo Kraus‘ erstes Soloalbum mit der SWR Big Band; die Einladung geht von dem gleichaltrigen Arrangeur, Pianisten und Keyboarder Ralf Schmid aus, mit dem er seither eng zusammenarbeitet.
Es ist etwas Besonderes um dieses Album, nicht nur weil Joo Kraus schließlich mit fast 37 auf eigenen Füßen steht und es 2015 den Golden Jazz Award gewinnen wird. Mit ihm kehrt Kraus zur Anfangsfaszination von Big Band Jazz zurück, die für ihn heimlich prägend war. Begeistert erzählt er, wie nach den Proben der Ulmer Knabenmusik die coolen Typen der Ulmer Big Band den ehrwürdigen Musiksaal übernommen haben und er wenig später dort mitspielen durfte. „Das war für mich das Größte. Ich konnte die Musik machen, auf die ich eigentlich stand. Big Band hat für mich nach wie vor eine brutale Kraft.“
Doch sein Weg führt zunächst in die Welt von Hellmut Hattler. Im Rückblick sagt er behutsam, „vielleicht war das das Geheimnis des Erfolgs, dass es um einen ganz engen Kanal ging; wir haben uns jeden Tag getroffen und uns um ein Ding unheimlich gekümmert.“ Nach Jahren wird die stilistische Konzentration zur Last. Das geht einher mit einer trompeterischen Krise. Er spürt, dass die Zeit für eine Neuorientierung und Trennung gekommen ist. Von Till Brönner kommt ein entscheidender Tipp: Wenn er wirklich wissen wolle, wie das Trompetenspielen funktioniere, dann müsse er zu Malte Burba gehen. Er unterzieht sich Burbas harter Schule, lernt komplett um und sagt heute: „Eigentlich macht mir musizieren heute mehr Spaß als damals, als ich angefangen habe.“
In die Phase der Neuorientierung fällt die Begegnung mit Ralf Schmid. „Ich war damals kein richtig credibler Jazzspieler und kannte mich mit Changes nicht so richtig aus. Ralf konnte erspüren, wie ich soundmäßig so ticke, und so ist ein tolles Album mit ungewöhnlichen Big Band-Farben entstanden. Rückblickend kann ich sagen, vielleicht brauche ich ja immer jemand, der meinen Weg mitgeht.“ Mit Ralf Schmid und der SWR Big Band feiert er jetzt den Golden Jazz Award übrigens mit einem neuen Live-Album.
Seit seinem Homecoming lebt der sanft verzaubernde Trompeter endlich auch seine Liebe zur brasilianischen und kubanischen Musik und pflegt aktuell eine fulminante Partnerschaft mit dem kubanischen Pianisten Omar Sosa.

Neu erschienen:

Public Jazz Society

Joo Kraus, SWR Big Band

Skip/Soulfood

Neu erschienen:

JOG

Joo Kraus, Omar Sosa, Gustavo Ovalles

Skip/Soulfood

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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