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Hörtest

Brahms: Streichsextett G-Dur op. 36

Sechs Streicher für die Erlösung: Im Sextett op. 36 schwelgt der junge Brahms in seiner Liebe zu Agathe – retrospektiv.

Es ist wohl angemessen, diesen Hörtest Agathe von Siebold zu widmen – jener Göttinger Professorentochter, deren Vorname Johannes Brahms im ersten Satz seines Streichsextetts G-Dur op. 36 nachdrücklich musikalisiert hat: A-G-A-H-E ruft die erste Geige in hoher Lage dreimal hintereinander aus, und die zweite Geige sowie das erste Cello umklammern das H mit einem D, als wollten sie den nicht musikablen Buchstaben T durch den phonetisch am nächsten verwandten Laut ersetzen. Dieses D bildet dann jeweils über den Taktstrich hinweg einen laut seufzenden Quartvorhalt.
Der erst 25 Jahre junge, hübsche, blondbehaarte Brahms – wir dürfen uns ihn hier nicht als jenen bärtigen, fettleibigen Leberkranken mit teigiger Physiognomie vorstellen, der uns immer sofort vors geistige Auge springt – hat Agathe im Januar 1859 einen Schmerz zugefügt, den die zwei Jahre jüngere Frau lange nicht verwunden hat: Vermutlich schon verlobt und jedenfalls glücklich verliebt, bot er ihr, die auf einen Heiratsantrag wartete, per Brief an, zu ihr zu eilen, sie in die Arme zu schließen und zu küssen. Aber: „Fesseln tragen kann ich nicht!“. Damalige gesellschaftliche Konventionen ließen der bitter Enttäuschten keine andere Wahl, als dem forschen Klaviervirtuosen daraufhin schriftlich den Laufpass zu geben.

Hamburger trifft Backfisch

Nun könnte man meinen, Agathe sei als Person nur wegen Brahms des Erwähnens wert. Aber schon 1930 widmete ein gewisser Emil Michelmann ihr eine seitenstarke Biografie. Durchaus gerechtfertigt, wie die Lektüre zeigt: Die verzweigte Akademikerfamilie von Siebold durch einige Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts begleitend, tauchen wir ein in eine faszinierende Welt des intellektuellen Bürgertums, die sich als ein Who Is Who der Geistesprominenz jener Zeit entfaltet; ja gelegentlich scheint es, als sei eher der scheue Solipsist Brahms eine Randfigur in dieser illustren Gesellschaft. Seine Freunde Joseph Joachim und Julius Otto Grimm, die beide die begabte Sängerin und dilettierende Pianistin Agathe unterrichteten, führten Brahms in die Göttinger Kreise ein. Dazu gehörten u.a. die Mendelssohn- Schwester Rebekka, verehelicht mit dem Mathematiker Dirichlet, sowie der Musikwissenschaftler Philipp Spitta und der Dirigent Gustav Adolf Bargheer. All diese Menschen scheinen sich ständig im einen oder anderen Haus getroffen zu haben, um auf erstaunlich hohem Niveau zu musizieren. In den Schicksalsjahren der Brahms’schen Amoure stieß dann auch Clara Schumann, der Brahms nach dem Tod ihres Mannes mit großem Eifer beigestanden hatte, besuchsweise zu diesem Kreis – und sie scheint, das legen Indizien nahe, eine Rolle gespielt zu haben in dieser für Brahms unrühmlichen Geschichte. Das Adagio des fraglichen Agathe-Sextetts, das Brahms fünf Jahre nach den Göttinger Vorfällen gemäß eigener Aussage zwecks endgültiger innerer Abschiednahme von Agathe komponierte, basiert nämlich auf einem prägnanten Quarten-Thema, das der Komponist schon 1855 in einem sehr persönlichen Brief an Clara skizziert hatte. Und das Scherzo des Sextetts basiert höchstwahrscheinlich auf einer lange verschollen geglaubten (und in den 1970er Jahren wieder aufgetauchten) grazilen Gavotte für Klavier, die Brahms um 1855 komponiert sechshatte; Clara Schumann hat sie 1855 in einem Konzert in Göttingen uraufgeführt. Im selben Scherzo prägt eine Variante des leidenschaftlichen Agathe-Themas kontrastierend den Mittelteil. Honi soit qui mal y pense: Agathe-Biograf Michelmann vermutet Clara, 14 Jahre älter als Brahms, als graue Eminenz zumindest „beratend“ im Hintergrund der Geschehnisse. Umso befremdlicher, dass Clara, als Brahms ihr die ersten drei Sätze des Sextetts an Weihnachten 1864 schickte, offenbar sämtliche ins Biografische weisenden Aspekte übersah: In ihrer brieflichen Antwort erkennt sie allein das Adagio-Thema ganz vage als Zitat – ohne jedoch einen Zusammenhang zu sich selbst herstellen zu können. Brahms muss in der Tat ein sehr einsamer Mann gewesen sein.

Verwimmernde Passagen, blühendes Timbre

Mit diesem Hintergrundwissen nun zu den verfügbaren Einspielungen: Auf historischen Instrumenten und vibratoarm entlockte 1997 „Hausmusik London“ (mit Monica Huggett und David Watkin) dem Stück über weite Strecken sonst selten zu hörende direkte Intensität und Wärme. Ein horizonterweiternder Ansatz auch für Musik dieser Zeit!
Wie dankbar wir für diese Herangehensweise auch bei romantischer Musik sein dürfen, zeigt der direkte Vergleich mit der Einspielung des traditionsreichen tschechischen Talich- Quartetts (2007): Bei sehr langsamem Tempo und durchgehendem schnellen Vibrato verwimmern schon im ersten Satz viele Stellen, zumal auch passagenweise wie buchstabierend musiziert wird – eine merkwürdig sentimentale, altbackene Version.
Dass eine lange Ensemble-Tradition nicht zwingend nur eingefahrene Unarten mit sich bringen muss, zeigt die feinsinnig-konzentrierte Version des englischen Quartetts „The Lindsays“, entstanden 2004 ein Jahr vor der Auflösung nach fast 40 Jahren. Einzig die zahllosen Portamenti in der ersten Geige nerven hier nach einer Weile ein wenig.
Vibratoarm ohne explizit historisierenden Hintergrund musiziert eine Solistenformation des Concertgebouw Orchestra (2012) das Sextett. Weil diese Damen und Herren auch gleichzeitig besonders gut harmonieren, unbeschadet aller Homogenität eine ausgesprochen differenziert durchgestaltete, sensibel artikulierte Darbietung präsentieren und ferner unbeschadet aller Plastizität immer wieder auch eine besonders dichte Klanglichkeit erzeugen (phänomenal das rauchig-verhangene Timbre im Adagio!), zählt diese Einspielung zusammen mit der oben erwähnten historisierenden zu den besten.
Salto rückwärts ins Jahr 1992: Hier spielte das Kammerensemble der „Academy of St Martin in the Fields“ das Sextett ein – so, wie man damals (vor allem wenn der Chef im Off Neville Marriner heißt) romantisch musizierte. Ausdruck – und davon immer möglichst viel – per Vibrato unter Dauer-Legato. Keine Frage, dass auch auf diese Weise Schönes entstehen kann. Aber Versionen wie die zuvor genannte sind unseren heutigen Hörgewohnheiten einfach näher. Wir wollen auch die Struktur der Musik vermittelt bekommen, nicht nur ihren Klang.
Besser als die Talich-Kumpanen reüssieren 2013 ihre Landsleute vom Pražák Quartet: Ihre Stärke ist die beherzt-engagierte, ja impulsive Herangehensweise bei angenehm voller, dunkler Farbe; ansonsten ist ihr Ansatz auch eher ein konservativer. Recht erfreulich dann die Einspielung eines Ensembles um Isabelle Faust von 2010. Doch abermals siegen im Vergleich die Favoriten von oben: Vor allem die Solisten aus dem Concertgebouw schlagen die Formation der prominenten Geigerin in puncto Ensemblekultur und Ausdrucksvielfalt zweifelsfrei.
Das ist allerdings nicht das Aus für Faust: Sie und ein Kollege aus obiger Gruppierung – Stefan Fehlandt – musizierten op. 36 2005 live im Heimbacher Kraftwerk in einem All-Star- Ensemble (mit Steckel, Rivinius, Tetzlaff). Und die hier zu erlebende feinnervig-atemlose Expressivität auf Messers Schneide, vergoldet durch leuchtendes, blühendes Timbre, katapultiert dieses Elaborat auf der Liste ganz nach oben.
Nicht am Ausdruckswillen, aber vor allem an der Intonationsreinheit hapert es demgegenüber beim englischen „Raphael Ensemble“, das sich schon 1988 dem Stück im Studio widmete. Deutlich abwärts geht es von da aus nochmal zum „Österreichischen Streichsextett“, bei dessen Fassung eigenartige spieltechnische Probleme etwa bei Lagenwechseln von der Musik ablenken.
Mit zügigen Tempi – so etwa mit dem schnellsten Scherzo – überrascht dann das „Kölner Streichsextett“ (2000), zudem mit so mancher besonders leidenschaftlich glühenden Passage; nicht so durchgängig vollkommen wie unsere Favoriten insgesamt, aber unterm Strich doch mindestens so zufriedenstellend agieren die „Stuttgart Soloists“, bei denen ein Musiker vernehmlich brummt und die Wiederholung der Exposition des Kopfsatzes ausfällt.
Im oberen Mittelfeld anzusiedeln sind schließlich die Aufnahmen des „Nash Ensemble“ und des „Verdi Quartetts“ (beide 2006): Handwerklich kaum zu tadeln, lassen sie im Vergleich mit den Favoriten vor allem letztes Finish in der Interpretationsidee bzw. -umsetzung vermissen.
Das „Trio Jean Paul“ schließlich musizierte 2014 kompetent Theodor Kirchners von Brahms gelobte Klaviertrio-Bearbeitung des Stücks. Sie ist recht geschickt gemacht und hat sicher ihren Reiz. Aber wer zuvor im sechsstimmigen Streichersatz schwelgte, vermisst hier doch die satt-warme Umhüllung der Allstrings- version – wenngleich das Scherzo hier ein wenig vom ursprünglichen Klavier-Gavotte- Charakter zurückerhält.
Aber lassen wir zuletzt die Väter zu Wort kommen: Außerhalb der Konkurrenz zu bewerten ist die auf dem Markt vergriffene, aber nicht zu vergessende Einspielung mit Jascha Heifetz, Gregor Piatigorsky und Kollegen (1961). An Ensemblekultur stellt man heute höhere Ansprüche und man würde auch nicht mehr kaltblütig alle Wiederholungen streichen. Aber es sprechen eine zeitlose souveräne Frische und Jugendlichkeit aus diesem Spiel, die unwillkürlich bewegen und betroffen machen.

… zu genießen, zu freuen sich:

Hausmusik London

Signum

Solistenensemble des Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Bayer Records

Isabelle Faust, Christian Tetzlaff, Stefan Fehlandt, Hanna Weinmeister, Gustav Rivinius Steckel (live aus Heimbach)

CAvi

… nicht alle Blütenträume reiften:

Verdi Quartett

Hänssler Classic

The Nash Ensemble

Onyx

Pražák Quartet

Praha Digitals

The Lindsays

alto

Faust, Kretz, Fehlandt, Sachse, Richter, Jankovic

harmonia mundi

The Raphael Ensemble

Hyperion

Stuttgart Soloists

Naxos

Das Kölner Streichsextett

cmn

Trio Jean Paul

CAvi

... zu leiden, zu weinen:

Österreichisches Streichsextett

Zyx

Talich Quartett

La dolce vita

Academy of St Martin in the Fields

Chandos

... um dessen Glut ich Euch beneide:

Heifetz, Baker, Primrose, Majewski, Piatigorsky, Rejto

ehem. MBG

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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