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(c) Ryan Schude/San Francisco Symphony

Mason Bates

Virtuoser Poly-Stilist

Unbekümmert mischt dieser amerikanische Komponist die Ästhetik der sinfonischen Tradition mit Klängen des digitalen Zeitalters.

Wer einen Klangeindruck beschreiben will, sucht entweder nach Adjektiven oder bemüht Vergleiche. Vor allem die Konfrontation mit Neuer Musik mündet oft in Sätzen wie: „Das klingt so wie …“, und dann folgt der Name eines bekannten Komponisten. Dieses Verfahren ist ungerecht, weil es vereinfacht und vorschnell einsortiert. Aber irgendwie alternativlos.
Wie das Folgende zeigt: Die Klänge, die der junge amerikanische Komponist Mason Bates seinem groß besetzten und elektronisch aufgestockten Orchester entlockt, weisen eine verblüffend reiche Palette auf. Bates entfesselt wahre Explosionen von Klangfarben, die dem kühlen Blaugrün-Spektrum entstammen, abgesehen von einzelnen Ausbrüchen ins psychedelisch Grelle. Ungleich anschaulicher aber beschreibt seine Musik der folgende Vergleich: Gelegentlich schimmern bei Mason Bates Erinnerungen auf an Benjamin Brittens „Sea Interludes“, jene suggestiven Zwischenmusiken, die sein Opern-Meisterwerk „Peter Grimes“ atmosphärisch grundieren.

Britten im Berghain

Mason Bates hat nichts gegen den Britten-Vergleich, im Gegenteil: „Ich liebe Benjamin Britten, er ist phänomenal, visionär.“ Mason Bates’ drei Orchesterwerke „The B-Sides“, „Liquid Interface“ und „Alternative Energy“, die er nun mit der San Francisco Symphony unter der Leitung von Michael Tilson Thomas eingespielt hat, stehen exemplarisch für das Schaffen des 1977 geborenen Amerikaners, der elektronische Klänge an ein spätromantisch besetztes Orchester andockt und die programmatischen und erzählenden Kompositionsweisen des 19. Jahrhunderts neu belebt. Freilich im Duktus der netzwerkartig strukturierten Erzählweisen des 21. Jahrhunderts. Bates studierte nämlich neben Komposition auch Literatur: „Literatur ist für mich von zentraler Bedeutung. Für ‚Alternative Energy‘ war das Buch ‚Cloud Atlas‘ von David Mitchell die unmittelbare Inspiration. Durch die Beschäftigung mit Literatur lernt man sehr viel über Form.“
Bates hat auch einschlägige Erfahrungen als DJ gesammelt. Mit Techno kam er in Berührung, als er für sieben Monate in Berlin war: „Das war eine wundervolle und für meine musikalische Entwicklung sehr wichtige Zeit. Vor allem wegen der Begegnung mit German Techno.“ Die Erfahrungen als Techno-DJ beeinflussten Bates’ Arbeit als Komponist unmittelbar: „Das hat mir eine andere Perspektive ermöglicht, um zu verstehen, wie Menschen eigentlich Musik hören.“
Neben den Vorbildern Britten und Berlioz – den er bevorzugt –, Dutilleux und Messiaen hat Bates sich auch mit dem Pionier der elektronischen Musik, Karlheinz Stockhausen, beschäftigt: „Ich bin fasziniert von ihm. Aber mein Verständnis von elektronischer Musik geht eher in eine impressionistische Richtung.“
Gegen die Feststellung, dass seine Experimente mit sinfonischem Orchester und Elektronik leicht zugänglich, ja fast süffig klingen, will Bates sich gar nicht wehren: „Man kann beides sein: wild und zugleich mit der Musikgeschichte verbunden. Ich schreibe überwiegend zugänglich, aber ich kann auch sperrige, schwer greifbare Musik komponieren. Z.B. ‚The B-Sides‘ beginnt als ein leichtes Stück, aber ab dem dritten Satz, wenn der ‚Spacewalk‘ kommt, wird es sehr dunkel und unglaublich schwierig. Ich genieße es, mit den Erwartungen der Hörer zu spielen.“

Fordern und Fördern

Die Einspielung seiner drei Orchesterwerke ist die Frucht einer langjährigen Zusammenarbeit mit der San Francisco Symphony und Michael Tilson Thomas, der sich zwar als Mentor versteht, aber seinem „Residence“-Komponisten ansonsten freie Hand lässt. Bates ist allerdings dankbar für seine Anregungen: „‚Schau Dir mal Schönbergs fünf Orchesterstücke an‘, sagte er zu mir. Daraus wurden die fünf Sätze ‚The B-Sides‘“.
Seit 30 Jahren arbeitet Oliver Theil inzwischen für das Orchester und hat dessen Förderprogramm für Komponisten verfolgt: „Unsere Philosophie, zeitgenössische Komponisten zu unterstützen, geht weit darüber hinaus, neue Werke nur in Auftrag zu geben.“ Das bedeutet, auch lange nach einer Uraufführung ständig im Gespräch zu bleiben. „Michael Tilson Thomas hat schon immer ausgezeichnet, dass er zu einem lang andauernden Dialog mit dem Komponisten ermutigt hat: Also immer wieder eine erneute Beschäftigung mit den Werken, etwa durch die Aufnahme in Tour-Programme und schließlich auch eine Aufnahme.“

Neu erschienen:

Mason Bates

Works For Orchestra

San Francisco Symphony, Michael Tilson Thomas

SFS/Edel


Gut bestellter Klanggarten

Mason Bates ist unter den aktuellen Komponisten in den USA einer der am häufigsten aufgeführten. Die Rangliste führt John Adams an, der von 1979 bis 1985 „Composer in Residence“ der San Francisco Symphony war. Dieses Residence-Projekt wurde zum Modell-Programm für andere Orchester. Nächstes Jahr feiert das SFS Adams 70. Geburtstag mit einem zweiwöchigen Festival. Weitere Partner-Komponisten des Orchesters waren bzw. sind Robin Holloway, Ted Hearne, Zosha di Castri, Cynthia Lee Wong und Samuel Adams. Im neu installierten „SoundBox“-Saal bietet das SFS jungen Komponisten wie Mason Bates die Möglichkeit, mit neuen Aufführungsformaten zu spielen.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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