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(c) Matthew Welch

Rufus Wainwright

Die Liebe, aufbereitet

Zum 400. Shakespeare-Todestag recycelt der kanadische Allround-Musiker seine mit Robert Wilson für das Berliner Ensemble konzipierte „Sonette“-Partitur.

Ich liebe Elizabeth und ich liebe Inge Keller.“ Das kommt sehr eindeutig. Und hier ist jetzt nicht von der gegenwärtigen, offenbar unsterblichen britischen Monarchin und ihrem Bühnenpendant als Grande Dame am Berliner Deutschen Theater die Rede. Sondern von der elisabethanischen Elizabeth, der Patronin Shakespeares, und, ja, auch von der inzwischen 92-jährigen DDR-Duse der Schauspielkunst.
Das verwundert nicht, denn Rufus Wainwright, seeehr queerer Singer/Songwriter aus Kanada, liebt nicht nur sein Staatsoberhaupt und deren legendäre Vorgängerin, sondern natürlich alle Diven – von Judy Garland, deren berühmtes Carnegie Hall Concert er eben dort samt Netzstrümpfen kopierte, bis hin zu der mäßig erfolgreichen „Primadonna“-Oper, die einst die MET bestellt hatte – und die dann doch nur in Manchester landete.
Immerhin, dank massivem Crowdfunding wurde dieses etwas blutleere Opus jetzt doch noch integral auf CD gebannt – bei Rufus’ klassischem Hauslabel Deutsche Grammophon, wo man sich vom schillernden Grenzgänger Glamour und Geld erhofft. Sein jüngster Streich heißt „Take All My Loves“ und zeigt ihn als schön gemaltes Blumenmädchen mit elisabethanischem Spitzenkragen auf dem Cover. Die Silberscheibe ist gleichzeitig eine tiefe Verbeugung vor dem Prinzip Überfrau, dem der 43-Jährige so überaus ergeben scheint; wobei gerade hier die Auflösung von Geschlechtergrenzen ein fortdauerndes Thema ist. Schließlich fungiert das Album, und das ist der dritte Hommage-Anlauf darauf, auch als werbewirksame Widmung für William Shakespeare, dessen 400. Todestag dieses Jahr am 23. April ansteht.

Anna Prohaska als Dark Lady

Dafür hat sich Rufus der Vielseitige, der nichts verkommen lässt, älteren Materials bedient und es jetzt zur ziemlich faszinierenden, orchestral aufgeplüschten Wundertüte neu zusammengestellt. „Es ist großartig, Dinge sacken und gären zu lassen, um dann zu sehen, was übrig ist, was die Zeiten überdauert hat, und wie man das Vorhandene neu kombinieren und verknüpfen kann“, so nennt Wainwright diesen kreativen Recycling-Prozess.
Denn am Anfang stand 2009 die Bühnenmusik zur Robert-Wilson-Produktion von „Shakespeares Sonetten“ am Berliner Ensemble, die dort immer noch gezeigt werden und europaweit touren. 25 Gedichte hatte damals Dramaturgin Jutta Ferber aus den 154 Solitären des englischen Theaterfürsten erkoren. Fünf davon hat Wainwright später für das San Francisco Symphony Orchestra instrumentiert. Weitere drei Stücke der jetzt neun Songs waren in anderer Gestalt Teil seines 2010er-Albums „Songs For Lulu“.
Er selbst sagt, „ich glaube nicht, dass ich zu Zeiten Elizabeths I. hätte leben wollen, es sei denn als glamouröser Höfling.“ Dennoch hat er sich in eine so lange wie illustre Komponistenfront eingereiht, um diesen so unsterblichen wie rätselhaften Gedichten diese vielfältige wie –farbige Klanggestalt zu geben. Während er außer dem „Star Trek“-Methusalem William Shatner keinen der großen Hollywood- Leading-Men als Sprecher begeistern konnte („Leonardo DiCaprio hat nicht einmal geantwortet“, kommt es zickig) und deshalb vor allem illustre Damen wie Carrie Fisher, Helena Bonham Carter oder Sian Philipps als Rezitatorinnen und vokaler Füllstoff de luxe zwischen den Liedern zu erleben sind, hat das Projekt auch einen speziellen deutschen Touch („das wäre vor 30 Jahren bei diesem Thema international noch völlig unmöglich gewesen“, meint der Autor), dank seiner „Berliner Maskottchen“: der knorrigen Inge Keller, dem knarzigen Jürgen Holtz und als Sängerin – neben Wainwright selbst samt Schwester Martha – passgenau mit Anna Prohaska als vokal verhangener Dark Lady.
Rufus Wainwright freilich sieht das prosaischer: „Anna und ich, wir haben beide das gleiche Faible für schwarzen Schmuck und sind beide auf unsere Art eine Drama Queen.“ Well said. Übrigens hat er bereits den nächsten Opernauftrag in der Tasche: ein Musikdrama über den schwulen römischen Kaiser Hadrian und seinen Lover Antinoos. 2018 soll es in Toronto bei der Canadian Opera Company herauskommen.

Erscheint Ende April:

Rufus Wainwright

„Take All My Loves – 9 Shakespeare Sonnets“

Helena Bonham Carter, Carrie Fisher, Inge Keller, Jürgen Holtz, Anna Prohaska, BBC Symphony Orchestra, Jayce Ogren

DG/Universal

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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