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(c) Wolfram Lamparter

Michael Gielen

Der Stallgeruch der Moderne

Zum 90. Geburtstag des Dirigenten gratuliert „SWRmusic“ mit einer Gesamtausgabe seines Schaffens in mehreren Folgen – epochal !

Kein Moderner ist nur modern. Michael Gielen, bekannt als Lordsiegelbewahrer musikalischen Fortschritts, ist gar nicht so heutig wie man immer denkt. Der Sohn des Burgtheater- Chefs der Nachkriegszeit, Josef Gielen (dessen „Madame Butterfly“ mit Brückchen und Kirschblütchen sich bis heute dekorativ an der Wiener Staatsoper ausnimmt), saß noch am Cembalo, als Wilhelm Furtwängler die Matthäus- Passion von Bach in Buenos Aires aufführte. (So lernte er damals Daniel Barenboim kennen.)
Gielen korrepetierte noch persönlich mit Kirsten Flagstad, der Wagner-Heroine schlechthin. Und war mit (dem wenig modern gesonnenen) Carlos Kleiber gut befreundet. Noch überraschender ist, dass Gielen mit Neuer Musik, der er so nahe zu stehen scheint, seit langem definitiv abgeschlossen hat. „Seit Helmut Lachenmann hat mich nichts Neues mehr interessiert“, sagt er. Und lächelt.
Immerhin war er der Erste, der konsequent die Tempo-Angaben Beethovens befolgte; was kein Zeichen von Progressivität, sondern von Text-Treue ist. Alle vor ihm hatten die irrige Annahme vertreten, Beethovens Metronom- Angaben beruhten auf einem Missverständnis. Das hatte die Eigensinnigkeit, man könnte auch sagen: Störrigkeit dieses scharfkantigen Mannes provoziert.
Geboren am 20. Juli 1927 in Dresden, steht Michael Gielen heute am Vorabend seines 90. Geburtstags. Sein Handwerk vollendete er bei Clemens Krauss, Dimitri Mitropoulos, Karajan und Böhm. Seine wichtigste Zeit hatte er wohl als Chef des SWR Sinfonieorchesters Baden- Baden und Freiburg von 1986 bis 1999. Übrigens ist Gielen mütterlicherseits mit der Schauspielerin Deborah Kerr („Quo vadis“, „The King and I“) verwandt. „Ob die wohl noch lebt?“, fragt er ahnungslos bei unserem Treffen. Das ist typisch für eine gewisse knöcherne, gallige Trockenheit seines Humors.
Gielen war gewiss nie der geschmeidigste oder wunschkonzerthafteste unter den wichtigen Dirigenten des Jahrhunderts. Er verstand es, stachlig zu wirken, obwohl er eigentlich ein Handwerker mit Stallgeruch war. In Berlin dirigierte er an der Staatsoper seit den 90er Jahren fast alles, was vorkam – von „Norma“ und der legendären „Pelléas et Mélisande“-Produktion von Ruth Berghaus bis zur „Macht des Schicksals“. Dann war Schluss. Wachsende Schwerhörigkeit und ein Hadern mit der Regie – für die er sich in Frankfurt stark gemacht hatte – kulminierten in einer Altersdepression. 2014 erklärte Gielen, der in Freiburg und Innenschwand am Mondsee zuhause ist, dass er seinen Beruf künftig nicht mehr ausüben könne.
Da war ihm sein legendärer Status längst gewiss. Auf sagenhafte zehn Boxen ist die Ausgabe seines dirigentischen Gesamtwerks angelegt, mit dessen Veröffentlichung „SWRmusic“ jetzt beginnt. Darunter befinden sich komplette Zyklen der Sinfonien von Bruckner, Mahler und Beethoven. Wie traditionell Gielen in 50 Jahren verfuhr, zeigt schon Vol. 1: mit nichts als Bach, Haydn, Mozart, Schubert und einigen Beethoven-Ouvertüren. Mehr als 70 CDs wird diese Edition umfassen. Sie wird zeigen, dass der Ausdruck „Moderne“ oft nur von Verlegenheit zeugt. Gielen war gut. Und damit weit besser als andere.

Neu erschienen:

„Michael-Gielen-Edition“, Vol. 1 (6 CDs): Bach, Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert

SWRmusic/Naxos

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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