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(c) Marco Borggreve

Nikolaus Harnoncourt

Klangbilderstürmer

Ohne ihn würden Teile der Klassikwelt bis heute vor sich hindämmern. Jetzt ist der Originalklang-Pionier nur wenige Monate nach seinem offiziellen Rückzug im Alter von 86 Jahren verstorben.

Wenn Nikolaus Harnoncourt mal wieder seine Augen weit aufgerissen und diesen fordernden Laser-Blick aufgesetzt hatte, konnte man nur in Deckung gehen. So geschehen auch 2007 in Graz, bei Harnoncourts styriarte-Festival. Auf dem Papier stand Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“. Doch aus einer vergnüglichen Landpartie wurde nichts. Wie schon so oft beim musikalischen Hausherrn zog nämlich jetzt ein musikalisches Unwetter in Orkanstärke auf. Das eigentlich Verblüffende aber war, dass Harnoncourt im Alter von stolzen 78 Jahren jeden Anflug von musikalischer Altersmilde einfach wegfegte. Was die dramatische Durchschlagskraft und fesselnde Starkstrompower angeht, hatte er bei diesem Live-Mitschnitt tatsächlich gegenüber seinen früheren „Jahreszeiten“ gleich um zwei Gänge hochgeschaltet. „Er ist zum Teil viel radikaler geworden im Ausdruck“, kommentierte Alice Harnoncourt einmal seinen Tatendrang.

Den Mainstream aufspießen

Natürlich hatte sie Recht. Nicht nur, weil sie als Violinistin maßgeblich an nahezu sämtlichen Coups ihres Mannes beteiligt war. Wer etwa an Harnoncourts zu Beginn des Jahres veröffentlichte Aufnahme der Beethoven-Sinfonien Nr. 4 & 5 denkt, dem klingelt es bei diesem Satz gleich in den Ohren. Was der damals bereits 85-Jährige da mit seinem Concentus Musicus Wien über gewohnt minuziöse Detailarbeit an schonungslos entfesselter Wucht aufbot, war das Statement eines scheinbar sich unermüdlich erneuernden Musikers. Doch schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung musste die Klassikwelt vermuten, dass diese Einspielung möglicherweise Harnoncourts Abschied bedeutet. Anfang Dezember 2015 hatte er mitteilen müssen, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dirigieren werde. Und bereits drei Monate nach dieser beunruhigenden Entscheidung ist der auf den klangvollen Namen „Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d‘Harnoncourt-Unverzagt“ getaufte Jahrhundertdirigent im österreichischen St. Georgen verstorben.
Die Beethoven-Einspielung ist jedoch nicht einfach die Krönung eines wirklich bahnbrechenden Lebenswerkes. Der Live-Mitschnitt eines Konzerts von 2015 aus dem Wiener Musikverein spiegelt genau diese kompromisslos den Mainstream aufspießende Musizierhaltung wider, wie sie für Harnoncourt typisch war. Schon früh, Anfang der 1950er Jahre, hatte er mit seiner Frau das Spezialistenensemble Concentus Musicus gegründet, um mit extrem frischem Schwung in die auf Originalklang abonnierte Szene zu starten. Zwar wurden dafür die Partituren gerade der Barockmusik nach bestmöglichem Quellenstudium analysiert und von allen Eselsohren befreit. Aber für Harnoncourt gehörte zur auf- und anregenden Neubelichtung des Notentextes die Gewissheit, dass Kompositionen nichts erzählen ohne das nötige, tiefe musikalische Empfinden. „Musik als Klangrede“ lautete daher ein Buch, mit dem dieser nimmermüde und vor allem (auch selbst-)kritische Klangbilderstürmer einen wertvollen Blick in sein visionäres Denken gewährte.

Gegenwartsmusiker

Wie man die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts so entstauben kann, dass dahinter atmende Gegenwartsmusik zum Vorschein kommt, ist auf weit über 400 Einspielungen dokumentiert. Darunter finden sich solche Mammut-Projekte wie die Gesamtaufnahme aller Bach-Kantaten. Und mit seinem Monteverdi-Zyklus, der Mitte der 1970er Jahre in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle am Opernhaus Zürich auf die Beine gestellt wurde, löste Harnoncourt auch auf Schallplatte die überfällige Renaissance Monteverdis aus. Im Laufe von sechs Jahrzehnten ist er aber beim Repertoire nie stehen geblieben. Bei Schumann sorgte er für prismatisch spannungsvolles Kolorit. In Verdis „Requiem“ wählte Harnoncourt eine kammermusikalische Brennweite, um nicht zuletzt die opernhafte Überwältigungsbreite vergessen zu machen. Und sogar die Originalfassung von Gershwins „Porgy and Bess“ legte er in einer zugegeben leicht hüftsteifen Weltersteinspielung vor. Nur mit manch prominenten Komponisten konnte dieser nimmermüde Dirigent gar nichts anfangen. Dazu zählten Gluck und Rossini, Berlioz, Strauss und Schönberg. Und weit oben auf der schwarzen Liste stand bei ihm Gustav Mahler, dessen Musik er als egozentrischen Seelenklangspiegel, als ein einziges „immer nur ich – ich – ich“ abtat.
Nun ist dieser als Klangrebell gestartete und mit zahllosen Preisen ausgezeichnete und gewürdigte Musiker gestorben. Sein hellwacher Geist bleibt aber zum Glück nicht nur dank seiner Aufnahmen und Bücher allgegenwärtig. Sein Klangdenken hat längst auch bei Weltklasseorchestern ein Umdenken ausgelöst. Ob Wiener und Berliner Philharmoniker oder das Royal Concertgebouw Orchestra – mit ihnen hat er die Werke aus der Klassik und der Romantik so vorbildhaft durchlüftet, dass sich landauf, landab selbst Mittelklasse-Orchester an Harnoncourts rhetorischer Prägnanz und tiefengestaffelter Sinnlichkeit orientieren.
Mit klaren Worten deutete Harnoncourt im Booklet seiner aktuellen Beethoven-Aufnahme die Fortissimo- Schlusspassage der 5. Sinfonie: „Das muss den Hörer schütteln, das muss den Hörer packen“ – genau so könnte auch die Überschrift zu Harnoncourts Vermächtnis lauten.

Zuletzt erschienen:

Ludwig van Beethoven

Sinfonien Nr. 4 & 5

Nikolaus Harnoncourt, Concentus Musicus Wien

Sony


Harnoncourts Top 3

J. S. Bach: Johannes-Passion, Concentus Musicus Wien, Blasi, Holl u. a.
30 Jahre nach der Erstaufnahme der „Johannes- Passion“ spielte Harnoncourt 1995 sie nach der Neuen Bachausgabe noch tiefsinniger und mitreißender ein.

W. A. Mozart: Klavierkonzerte Nr. 23 & 26, Friedrich Gulda, Royal Concertgebouw Orchestra
Was Klarheit im Ausdruck, beseelte Kantabilität und beredtes Miteinander angeht, sind hier unüberhörbar zwei Mozart-Liebhaber am Werk. Ähnliches gelang Harnoncourt übrigens mit Gidon Kremer bei den Mozart-Violinkonzerten.

F. Schubert: Sämtliche Sinfonien, Messen Nr. 5 & 6, Alfonso und Estrella; Berliner Philharmoniker, Röschmann, Gerhaher u. a.
Zwischen 2003 und 2006 tat sich Harnoncourt mit den Berliner Philharmonikern für einen Schubert-Zyklus zusammen, bei dem auch der Opern- und Kirchenmusikkomponist rehabilitiert wurde.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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