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(c) Felix Broede/Sony

Lucas Debargue

Der Audiodidakt

Er kam aus dem Nichts, hatte kein Klavier, durfte nie mit einem Orchester spielen. Trotzdem gewann Lucas Debargue beim Tschaikowski- Wettbewerb den vierten Platz.

Falls sich Noten in den Fingern verfestigen wie Gedanken beim Reden, dann ist hier zunächst einmal charmantes Chaos festzustellen, ein kaum regulierter Fluss ohne Ziel, der sich freilich beruhigt und in geordneten Bahnen zu laufen beginnt. So ähnlich könnte man vielleicht auch die Karriere des Lucas Debargue charakterisieren. Der ist ein 25-jähriger Franzose, typischer Milchbubi, dünn, nervös, bleich, ein wenig Bartflaum, dicke Brille im zarten Gesicht unter schwarzen Locken.
Erst wirkt er etwas mürrisch, dann abgeklärt, enthusiastisch, wütend, begeistert. Es wechselt ständig. Faszinierend. Offenbar so faszinierend wie sein Klavierspiel, mit dem er im letzten Sommer beim gefürchteten Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb immerhin den vierten Preis abgeräumt hat. Und beinahe alle begeisterte, das Publikum sowieso, aber auch Valery Gergiev, Pate nicht nur dieser Konkurrenz, der ihn sofort zu Konzerten einlud: „Mit ihm habe ich Tschaikowskis b-Moll-Konzert und das 4. von Rachmaninow gespielt“, sprudelt es jetzt aus Lucas Debargue, „und das waren wirklich prägende Erlebnisse in meinen Leben.“
Kein Wunder, denn es waren seine ersten professionellen Konzerte mit Orchester! „Gergiev hatte zu seinen Musikern gesagt, sie müssten mich schützen, aber sie sollten auch genau zuhören, dann könnten sie was lernen, denn ich sei ein Künstler“, erzählt er stolz weiter. Ein Künstler – da muss was dran sein, denn anders würde man wohl kaum ohne eigenes Klavier zu Hause, mit ein wenig Praxis nach jahrelanger Vernachlässigung der offenbar immensen Fähigkeiten einfach so nach Moskau fahren, nicht nur als Außenseiter, sondern geradezu als Witzfigur – die es dann freilich allen gezeigt hat.

Cinderella im Supermarkt

Ja, solche Märchen gibt es heute immer noch. Und jetzt hat Lucas Debargue, bei dem sofort alle Plattenfirmen Schlange standen, einen Vertrag mit Sony „weil deren Boss, Bogdan Rosic, mich verstanden hat, wir auf einer Wellenlänge liegen.“ Die zweite CD wurde bereits im wunderbaren DDR-Rundfunksendesaal in der Berliner Nalepastraße eingespielt, die erste CD wird dieser Tage veröffentlicht. Es ist ganz bewusst eine ungeschönte, dokumentarische Liveaufnahme aus der intimen Salle Cortot in Paris mit schwerer, aber eben nicht sakrosankter Musik von Scarlatti, Ravel, Liszt und Chopin und einer eigenen kleinen Scarlatti-Variation von ihm selbst. „Bei Scarlatti darf man es, das ist in seiner Musik durchaus angelegt“, sagt Debargue so altklug wie selbstbewusst. „Bei Bach würde ich mich das freilich nicht trauen.“ Da kennt einer seine Grenzen.
Und wieder auch nicht. Denn sonst gäbe es kaum diese so schräge wie berührende Geschichte. Die Story eines scheuen Jungen von elf Jahren, der Klavier lernt by doing, weil es ihm Spaß macht, von niemandem angetrieben. Er versucht sich Fingersätze zurechtzulegen, spielt, was ihm Spaß macht und für ihn erreichbar ist. Mit 17 interessiert ihn dann die Bassgitarre mehr, später beginnt er ein Literaturstudium, jobbt im Supermarkt, spielt mit Freunden Jazz in einem Lokal: „Da lernte ich, was es heißt, die Leute zu packen. Wenn sie beim ersten Stück mitschaukeln, wippen, dann ist es gelaufen, ansonsten wird es meist ein harter Kampf um Aufmerksamkeit. Und es ist nicht gesagt, dass es überhaupt Click macht.“

Vom Jazz-Club vor’s Sinfonieorchester

Bei ihm selbst hat es Click gemacht, denn plötzlich rückt wieder das Klavier in den Fokus. Mit 20 Jahren spielt Lucas Debargue bei einem lokalen Konzert, Rena Shereshevskaya hört ihn dort. Die Russin ist Lehrerin an der École normale Alfred Cortot, bekannt und besonders, aber nicht berühmt. Und die sagt, sie wolle Lucas für den Tschaikowski-Wettbewerb ausbilden. Vier Jahre später ist es soweit. In der Vorrunde spielt er das erste Mal überhaupt mit einem Orchester.
„Das hätte mir schon gereicht, ich hätte zumindest bewiesen, dass ich auf so einem Podium bestehen kann, gerade in diesem Saal, mehr hätte ich gar nicht gebraucht“, sagt Debargue. Er wäre auch geschlagen einfach zurückgefahren nach Paris, hätte es zumindest probiert gehabt, wäre wieder bei seinen Freunden gewesen, hätte sein Leben weitergeführt. Das aber soll nicht sein. Er und seine Lehrerin, die sich so unbeirrt im Großen Saal des Tschaikowski- Konservatoriums durchsetzen, sie werden die Sensation des Wettbewerbs. Natürlich kontrovers diskutiert, aber schließlich akzeptiert.
Und seither ist für Lucas Debargue alles anders. Seine Freunde hat er nicht mehr gesehen, aber etwa 60 Konzerte gegeben – „und überall wurde ich wieder eingeladen“, erzählt er stolz. 60 weitere Auftritte sind weltweit schon fixiert. Die Musikmaschine ist angeworfen, das Betriebskarussell dreht sich, hoffentlich wird er nicht in der Talentmühle zerkleinert.
Lucas hat einen Bekannten, der ihn managet, dem er vertraut, der vieles von ihm fernhält. Und er nimmt sich immer noch Zeit. Zum Beispiel, um seine peruanischen Freunde in Deutschland zu sehen, der eine ist Cellist in der Staatskapelle Weimar, der andere Geiger in der Jenaer Philharmonie. „Mit denen habe ich eine starke Verbindung, wir spielen zusammen. Denn Kammermusik ist für einen Pianisten der Himmel, obwohl sie so schwer ist. Brahms, Tschaikowski, das liebe ich besonders. Ich liebe auch Oper, aber deren Zeit ist vorbei, sie ist nur noch eine Passion für uns Melomanen, wir sind wie die alten Damen, die ihren Pudel herzen. Mozart liebe ich, der rührt mich, Verdi auch, der ist so effizient, wenn es um Drama geht, und Strauss ist toll, ein überwältigender Musikfluss.“
In Weimar will Lucas Debargue auch weiter an seinem Trio schreiben, seine erste Komposition in Dur, genauer Es-Dur. „Der erste Satz ist strukturiert wie ein Schubert-Trio, doppelte Exposition, wie ein schöner Vorhang. Dann ein verrücktes, kurzes Scherzo und ein langsamer Satz, der immer weiter melodisch herabsteigt. Als Finale soll es eine Fuge mit nur einer Stimme geben, die alle drei in Sechzehntel spielen. Mal sehen, wie das wird. In Moskau will ein Verlag meine Kompositionen kaufen, ich habe für die eben meine 2. Cellosonate komponiert. Sie könnte mein Opus 1 werden, denn ich habe zum ersten Mal das Gefühl gehabt, wirklich etwas vollendet zu haben.“
Und wo will er in fünf Jahren sein? „Mehr in der Musik. Ich will komponieren, in den Jazz eintauchen, mehr über Frauen wissen, über Italien, Sprachen, Geschichte, mit Freunden Spaß haben.“ Jetzt muss der Pianist aus dem Nichts aber erst einmal ein Repertoire aufbauen, Stabilität und Kontinuität erfahren. Hoffentlich gelingt das Lucas Debargue. Denn man möchte gern dabei zuhören.

Erscheint Anfang Apil:

Scarlatti, Chopin, Liszt, Ravel

Lucas Debargue

Sony


Bilder einer Aufstellung

Was kann Lucas Debargue? Sehr viel. Sehr besonderes. Sein Liszt klingt fein schattiert und doch mitunter wie mit dickem Pinsel gemalt. Domenico Scarlatti wird zu einem geistreichen Spiel feiner Läufe. Chopin tönt bei ihm ohne Gefühlsduselei. Ravels „Gaspard de la nuit“ verliert seinen technischen Schrecken, bleibt trotzdem so skurril wie bizarr. Für Grieg hat er Lyrik übrig, für Schubert einen überlegten und doch spontan wirkenden, sonoren Zugriff. Irgendetwas klingt bei Lucas Debargue ein wenig verschoben, anderes eigenwillig, frei und doch willensstark. Auf jeden Fall ein Debütrezital, das man im Ohr und im Gemüt behält.


Roland Mackes, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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