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"Wovor haben Sie Angst?": Cembalist Mahan Esfahani (c) Marco Borggreve/mahanesfahani.com

Pasticcio

Eklat!

Maurizio Pollini ist nicht nur für sein Klavierspiel, sondern auch für seine bisweilen gewagte Werkauswahl bekannt. So kombiniert er gerne mal Beethoven mit Boulez oder Schumann mit Schönberg und Stockhausen. Mit solchen spieltechnisch wie intellektuell anspruchsvollen Programmen war Pollini immer wieder auch in der Kölner Philharmonie zu Gast. Und nie ist etwas passiert. Selbst auf die sperrigste Avantgarde reagierte das Publikum zumindest mit höflichem Applaus. Umso erstaunlicher sind die Reaktionen jetzt auf ein Sonntagnachmittags-Konzert ausgefallen, das die Alte Musik-Startruppe Concerto Köln zusammen mit dem iranischen Cembalisten Mahan Esfahani in der Philharmonie gegeben hat. Während zuvor bei Cembalokonzerten von Bach und Gorecki alles ruhig blieb, war nach der Pause ein Teil des Publikums anscheinend auf Krawall gebürstet.
Bevor Esfahani seine Fassung eines Klassikers des amerikanischen Minimal Music-Gurus Steve Reich spielen wollte, gab er zunächst auf Englisch ein paar Erläuterungen. Prompt raunte es ihm entgegen: „Reden Sie doch gefälligst Deutsch!“ Kaum hatte Esfahani sich dann ans Cembalo gesetzt, um sich zudem per Tonbandzuspielungen Reichs „Piano Phase“ zu widmen, kam es zu unerwarteten Störungen. Wie Ohrenzeugen berichten, sollen nach rund sechs Minuten Teile des Publikums mit Lachen, Pfeifen und Klatschen derart gelärmt haben, dass Esfahani völlig entnervt das Stück abbrechen musste. „Why are you afraid?“ – Wovor haben Sie Angst? Diese Frage stellte er daraufhin dem Publikum. Und auch Stunden danach fragte er sich: „Je mehr ich drüber nachdenke, desto weniger verstehe ich es. Da ging der Lärm ja schon los, bevor die Hörer überhaupt Gelegenheit hatten, mitzubekommen, wie das Stück tickt.“
Auch Philharmonie-Intendant Louwrens Langevoort kann sich das alles nicht erklären. Zumal in dieser speziellen Konzertreihe zur sonntäglichen Kuchen-und-Kaffeezeit immer wieder gemäßigte Moderne zu hören ist. Aber gerade Steve Reichs Klänge scheinen eben doch noch nicht ihre provokanten Spitzen verloren zu haben. Trotzdem „erwarten wir respektvollen Umgang“, so Langevoort. „Es kann nicht sein, dass ein kleiner Teil des Publikums den Genuss aller anderen stört und zerstört.“ Dementsprechend hat man auf diesen Vorfall nur konsequent reagiert: Mahan Esfahani wurde sofort eingeladen, das Reich-Stück in der neuen Konzertsaison erneut zu spielen.

Guido Fischer



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