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Festivals

Neu-Heidelberg, du Feine

Das „Festival von morgen“ – am Neckar wird’s Ereignis.

Seine 17. Saison hat er gerade erfolgreich beendet. Als Thorsten Schmidt 1997 eine Konzertreihe ins Leben rief, hätte wohl nicht einmal er selbst damit gerechnet, dass sich der „Heidelberger Frühling“ von der Anfangs lokalen bis leicht regionalen Ausstrahlung binnen weniger Jahre zu einem in ganz Deutschland bekannten Fixpunkt der Festivallandschaft entwickeln würde. Bis heute leitet der gebürtige Oldenburger die Geschicke des „Heidelberger Frühling“ als geschäftsführender Intendant, ist somit unmittelbar für dessen Erfolgsgeschichte verantwortlich. Und um eine solche handelt es sich zweifellos: Von Jahr zu Jahr lockt er mehr Besucher in die Neckarstadt, knapp 35.000 waren es dieses Mal (ein neuer Rekord!), und sie kommen von immer weiter her. Denn der Musikliebhaber wird nicht nur mit den eigentlichen Konzerten verführt, sondern auch mit einer Reihe von höchst attraktiven Zusatzangeboten. Weshalb die Gäste nicht mehr nur im März und April anreisen, sondern mittlerweile auch im Januar. Das Streichquartettfest wurde so erfolgreich, dass man es als eigenständige Veranstaltung ausgegliedert hat. Das – inzwischen auf fünf Wochen angewachsene – Hauptprogramm ergänzen und bereichern weiterhin die Lied Akademie, die Kammermusik Akademie und die Akademie junger Komponisten (das ehemalige „Heidelberger Atelier“). Gerade die Erstgenannte liegt in der Publikumsgunst besonders hoch im Kurs, gibt sich dafür doch Star-Bariton Thomas Hampson regelmäßig ein Stelldichein. In diesem Jahr erhielt er Unterstützung von Thomas Quasthoff, dessen Meisterklassen sich durch einen enorm hohen Unterhaltungswert für das Publikum und einen nicht minder hohen Erkenntniswert auf Sängerseite auszeichneten.
Doch weil sich auch ein erfolgreiches Festival Gedanken über die Zukunft machen muss, hat man 2013 darüber hinaus zu einer Tagung eingeladen. „Festivals 3.0 – eine Möglichkeit, Zukunft zu gestalten?“ fragte man und rief eine illustre Schar von Festival- und Kulturverantwortlichen in der Stadthalle Heidelberg zusammen. In drei Panels diskutierte man über das Publikum im Informationszeitalter, die Aufgaben und Chancen von Festivals und deren Finanzierung. Das sind nun keine wirklich neuen Themen, und entsprechend rechnete wohl auch niemand mit revolutionären Erkenntnissen. Einigkeit bestand darin, dass trotz der digitalen Überfütterung das Live-Erlebnis durch nichts zu ersetzen ist, von „auratischer Qualität“ sprach Markus Hinterhäuser, künftiger Intendant der Wiener Festwochen. Auch herrschte Konsens darüber, dass es bei der Programmauswahl und -zusammenstellung keine Anbiederung geben dürfe, sondern es vielmehr darum gehe, das eigene Konzept umzusetzen und zu vermitteln: „Ein Festival muss sein Publikum selbst kreieren“, brachte es Gerard Mortier, Leiter des Teatro Real in Madrid, auf den Punkt.
Eine ungemein belebende Wirkung, sowohl auf das Publikum als auch auf die Diskussionsrunde, übte Steven Walter aus. Der 26-jährige Cellist stellte mit ansteckendem Enthusiasmus das von ihm 2009 ins Leben gerufene Podium Festival Esslingen vor. Menschen zu erreichen, die sonst nie in klassische Konzerte gehen würden, war die Motivation für dieses Kammermusikfestival, bei dem man an ungewöhnlichen Orten Wandelkonzerte auf mehreren Ebenen, Nachtkonzerte im Liegen oder Matineen mit Frühstücksbuffet genießen kann. Zudem erfüllen die jungen Macher nach eigener Aussage eine entscheidende Zusatzfunktion: „Wir sind der Bullshit-Detektor für die eingeführten traditionellen Musikinstitutionen.“ Das sahen wohl alle so, denn dafür gab es den größten Applaus – sogar von den Verantwortlichen eben dieser Institutionen.

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 3 / 2013



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