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Musik-Krimi

Folge 19: Mendelssohns Geheimnis

Ich habe es gefunden, Doktor Stradivari! Ich habe es tatsächlich gefunden! Ich kann alles beweisen. Die Musikwelt steht vor einer Sensation!“
Die Stimme aus dem Telefonhörer klang heiser und leicht hysterisch. Es war Stradivaris alter Freund Professor Klingenstahl, der da sprach. Seit Jahren verfolgte er eine Theorie, die nur er selbst ernst nahm. Er versuchte zu beweisen, dass eine Stelle aus Mendelssohns „Schottischer Sinfonie“ von Mozart stammte. Das Paradoxe daran war: Die Melodie, die Klingenstahl meinte, und die im Finale der Sinfonie ab Takt 165 erklang, stammte aus keinem bekannten Mozart-Werk. Aber die Proportionen der melodischen Schritte, der Tonumfang, der Rhythmus wiesen laut Klingenstahl auf den großen Klassiker hin. Das hatte der Professor mit Computerprogrammen berechnet. Doch ohne ein schriftliches Dokument, das darauf hingewiesen hätte, dass Mendelssohn im Besitz eines bisher unbekannten Mozart-Werkes oder wenigstens einer Skizze war, blieb das Spekulation. Die beiden Komponisten hatten sich ja nicht gekannt, Mendelssohn war fast zwanzig Jahre nach Mozarts Tod auf die Welt gekommen.
„Ich habe ein Dokument“, raunte Klingenstahl. „Es geht um Mendelssohns Reise nach England und Schottland. Dort oben hat Mendelssohn das Motiv gefunden. Ich wusste es. Sagt Ihnen der Name Attwood etwas? Es …“ Plötzlich war ein lauter Knall zu hören. Stradivari rief Klingenstahls Namen, aber die Leitung war unterbrochen.
Der Doktor benachrichtigte die Polizei. Die Beamten fanden Klingenstahl in seiner Wohnung – erschossen. „Wir haben eine Zeugenaussage“, sagte Kommissar Reuter später im Präsidium. „Jemand hat einen Wagen beobachtet, der in der Nähe von Klingenstahls Haus parkte. Laut Kennzeichen gehört er einem gewissen Professor Martin Bärbach. Er streitet gar nicht ab, dass er bei Klingenstahl war. Aber er weiß angeblich nichts von einem Mord. Und er hat auch kein Motiv.“
„Ich kenne Bärbach“, sagte Stradivari. „Er ist ein äußerst angesehener Mozart-Forscher. Darin könnte das Motiv bestehen. Er war vielleicht hinter Klingenstahls Entdeckung her.“ Der Doktor wollte dem Kommissar erklären, womit sich Klingenstahl befasst hatte, doch Reuter winkte ab: „Das hat uns Bärbach schon selbst gesagt. Niemand in der wissenschaftlichen Welt hat Klingenstahls Theorie bezüglich des Themas aus der ‚Schottischen‘ Ernst genommen. Bärbach erst recht nicht. Diese Spur führt nicht weiter. Es ist ja auch alles Unsinn. Mozart war ja nie in Schottland.“
„Da bin ich anderer Meinung“, unterbrach Doktor Stradivari. „Ich glaube, dass Klingenstahl durchaus einen Beweis gefunden haben könnte. Und der ist eine Menge Wert. Dafür würde so mancher einen Mord begehen, glauben Sie mir.“
Was hat Doktor Stradivari herausgefunden?

Doktor Stradivari ermittelt - und Sie können gewinnen!

Wenn Sie die Lösung wissen, schreiben Sie sie an stradivari@rondomagazin.de oder postalisch an RONDO, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin – bitte auch Ihre Kontaktdaten nicht vergessen! Unter allen Zuschriften verlost RONDO in Kooperation mit harmonia mundi fünf Exemplare der neuen Einspielung von Felix Mendelssohns Sinfonien Nr. 3 und 4 mit dem Freiburger Barockorchester unter Pablo Heras-Casado. Einsendeschluss ist der 3. März. Viel Glück!


Auflösung aus Magazin 6/2015:

Die aufgelegte Platte wird dem Anrufer zum Verhängnis: die fünfte Prokofjew-Sonate, gespielt von Svjatoslav Richter. Denn im folgenden Gespräch mit Stradivari unterläuft dem Strohmann ein entscheidender Fehler. Tatsächlich war Prokofjew mit Richter gut befreundet, auch sind zahlreiche seiner Sonaten von Richter uraufgeführt worden und in Einspielungen erhältlich, so die Sonaten 6, 7 und 9. Nicht aber die in aufgelegte 5. Sonate, darin irrt der Anrufer. Und ist daher wahrscheinlich auch nicht der klavierfanatische Angelo Bernardi selbst – der das Telefonat des Strohmannes als Hinhaltetaktik nutzen möchte, um mit seinem Wagen das Anwesen zu verlassen.


Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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