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Die Widmungsträgerin Stefi Geyer

Hörtest – Bartók, Violinkonzert Nr. 1, Op. Posth.

Untergejubelte Moderne

Béla Bartók war verliebt, erhielt eine Abfuhr und blieb verletzt zurück: eine Zeit des stilistischen Umbruchs für ihn.

Musik, die ausschließlich aus dem Herz heraus geschrieben wurde”, so lautet die Offenbarung Belá Bartóks zu seinem ersten Violinkonzert, das erst dreizehn Jahre nach seinem Tod uraufgeführt wurde. Zu Beginn des Zweisätzers gesteht der Komponist der Geigerin Stefi Geyer die Liebe, die bittersüße Keimzelle des Stückes ist ihre musikalische Personifizierung. In einem Brief an Geyer umgrenzt er das Motiv in einer Notenzeile mit dem Hinweis, dass es ihr Leitmotiv sei. Bartók wird diese musikalische Phrase in den darauffolgenden Werken häufiger verstecken, einflechten und variieren. Als Geyer das Violinkonzert per Post erhält, ist der Faden der Liebschaft bereits von ihr zerrissen worden, für Bartók ein schmerzlicher Schlag. Das Werk bleibt davon unberührt, es wurde in voller Hingabe komponiert.
Jeder, der mit Bartók zu Schaffen hat, will viel erzählen über seine Liebe zu dem Natürlichen, dem Unverdorbenen, dem Ländlichen. Bartók war Musikethnologe, ein Wissbegieriger über die kulturellen und sozialen Unterschiede von Musik in verschiedenen Regionen, wofür er von seinen Kritikern in die Schublade des Sonderlings, des Nischenforschers gestopft wurde. Das Bewusstsein, dass Bauernmusik die zentrale Quelle seines künftigen Musikstils bilden würde, erwachte 1907. Für sein erstes Violinkonzert dechiffriert dieser Umstand den Zauber, die Unzugänglichkeit der Musik, obwohl das erste Hören Reflexe heraufbeschwört, die das Werk als simpel und moderat abstempeln. Dem ist nicht so.

Der gute Makler Bartók

Im Sommer 1907 tingelt Bartók erstmals nach Siebenbürgen, heutiges Rumänien, wo er unter den Széklern altertümliche ungarische Volksliedtypen entdeckt, die er 1908 in seiner ersten Publikation minutiös, detailverliebt und beinahe neurotisch auflistet. Das Gesammelte ist zum größten Teil aus fünf Grundtönen kombiniert. Fast unmerklich schleicht sich diese Pentatonik in das Violinkonzert ein. Andante sostenuto: Die Solovioline steigt aus mittlerer Lage empor, gestikulierend aus dem erwähnten “Stefi-Motiv” d-fis-a-h, was Bartók jedoch harmlos mit Terzschritten umspielt, ehe die Violine über die Tonart hinausschreitet und zu Ganztonmotiven übergeht. Himmlisch! Es ist kein Neutönerstampfen eines Radikalen, sondern das behutsame Laben eines Geschichtenerzählers am Fremden. Wie ein guter Makler führt Bartók so das damalige Ohr vom Altbekannten zum Ungewohnten. Das Nebeneinander der regionalen Stile zehrt, nährt und befruchtet sich. Die harmonischen Mittel im ersten Satz entspringen noch in ihrer Mehrheit der spätromantischen Tradition, sind aber stellenweise, insbesondere in der Kulmination, sehr fortgeschritten.

Das Fräsen eines Metallkolosses

Attacca zerschneidet Bartók das Idyll im zweiten Satz, Allegro giocoso. Das Hauptthema ist zweifellos ein Beispiel des neuen Stils, denn die messerscharfe, körnige Gestalt und die Klangmittel deuten an, was den Komponisten in seinen späteren Werken umtreibt. So reiben sich fremde Klangregionen aneinander, dass eine zermürbende Spannung ensteht, das Zentrum G-Dur wird mit allerlei Fremdtönen irrisiert. Dadurch chromatisiert sich das Thema, und alles hüpft in andere tonale Bezüglichkeiten. Die Funken sprühen, wie beim Fräsen eines Metallkolosses. Der Gegensätze nicht genug, speist sich das zweite Thema aus der Spätromantik, und so jubelt Bartók dem Publikum ein weiteres Mal das Neue unter. Das erste Violinkonzert bildet den Abschluss der frühen Schaffensperiode eines Suchenden und ist zugleich die unmittelbare Ankündigung eines Umbruchs.
All das bleibt trotz der horrenden Virtuosität und des effektvollen Stils ein halbes Jahrhundert lang unbekannt. Stefi Geyer hat das Konzert nie vorgetragen. Die frustrierte Liebe bleibt ein produktives Gespenst, das durch Bartóks Werk huscht und wie die Urzelle der menschlichen Zuneigung agiert. Es ist ein Leitmotiv des Sehnens, des Strebens nach Ganzheitlichkeit. Die Unterschiede waren bei den beiden alles andere als einend und da Bartók ziemlich egozentrisch und apodiktisch war, mussten sich Konflikte einstellen. Da wurde brieflich viel gestritten über Nietzsche, kulturelle Naivität und Religion, wobei die Diplomatie Stefis Bartók nur noch mehr anstachelten, sie zu missionieren. Geyer war gläubig, Bartók Atheist. Der Kult der Vernunft und Wissenschaft, Bartóks Hang zum sachlichen logischen Denken und seine Unabhängigkeit von den durch Tradition geheiligten Dogmen sind ein ebenso guter psychologischer Kommentar zu seiner Musik, wie die mystischen Neigungen und Anschauungen eines Getriebenen.

Körnige Strukturen, aufgeladene Höhen

Oft sind es gerade die älteren Aufnahmen, die zu Unrecht in der Versenkung verschwinden und dann künstlich aufgepeppt werden, um sie neu an den Mann zu bringen. Das sollte man sich hier sparen. György Pauk (1999, Naxos) schafft zwar schöne Einzelmomente, nur scheint sich das Polnische Radio-Sinfonieorchester selbst am Drängen zu hindern. Unpräzise Themenwechsel und der lahme Duktus erdrücken das Werk mit Muffigkeit. Der Resonanzraum der Geige scheint riesig, der Klang verpufft, zu hohl und schal ist das in den lyrischen Vokalisen. Gerhart Hetzel (1997, Nimbus) und das die Ungarische Staatsphilharmonie verlieren sich dagegen in den Tonfarben, der Solist ist stellenweise nicht hörbar. Falls doch, vermiest einem der Hall den Spaß. Das alles ist schade, merkt man doch, dass Hetzel sehr eigensinnig spielen will. Die Kluft zwischen Orchester und Violine ist zu groß, während die Musiker es noch einen Ticken breiter haben wollen, sucht die Violine die Kürze.
Eine durchsichtige Einspielung hat Thomas Zehetmair (2013, Brilliant) vorgelegt. Die Scharfkantigkeit und die Präzision im ersten Satz übersetzen das Notenbild bis ins kleinste Detail, nur fehlt die eigene Aussage. Um sich einen objektiven Überblick zu verschaffen, ist diese Aufnahme perfekt, vor allem weil hier die Tempi das Werk definieren. Beim zweiten Satz wird Spannung verschenkt, zu brav klingt das Radikale, was nicht nur am verschleppten Rhythmus liegt, sondern auch an den homogenen Verläufen, die in der Interpretation den Stil von Bartók knitterfrei bügeln. Kyung-Wha Chung (2003, Decca) beißt sich mit griffigem, herben Klang an den Knotenpunkten des Werkes fest, kleine Miniexplosionen sprengen so die Form des Ganzen auf und betrachten es von der Zukunft aus. Die Solistenrolle scheint nur etwas zu ernst genommen zu sein, das Orchester ist häufig zu unterdrückt. Dieses Unverhältnis sorgt für reichlich Kitsch, weil ihren Schleifern nichts entgegengehalten wird. Die beherzten Tempi wollen dazu nicht passen, verhindern aber Schlimmeres. Das metallische Timbre Chungs verlangt ein starkes Orchester.
Die umwerfende Referenzplatte muss noch produziert werden, wenn auch drei Damen sehr nahe an den Superlativ herankommen. Janine Jansen (2016, Decca) müsste dem Maestro Antonio Pappano für die Begleitung in ihrer Einspielung den Taktstock küssen. Die Herangehensweise ist sehr exzentrisch und maximal expressiv, was dank dem intelligenten Dirigenten nicht schmalzig wird. Im ersten Satz gibt er den Übergängen viel Raum und schafft eine detailverliebte Atmosphäre. Das Augenmerk liegt bei den kammermusikalischen Stellen häufig im tiefen Register, dadurch wird die lyrische Stimmung bedrohlich unterfüttert. Jansen setzt in ihrer zackigen Interpretation klare Schwerpunkte, werkelt einzelne Stellen explizit heraus und muss nicht kämpfen, sondern wird umschmiegt von Genialität. Isabelle Faust (2011, harmonia mundi) und Daniel Harding nehmen sich mehr zurück, faszinieren durch ihre sehr sinfonische Interpretation. Faust trifft ungewöhnliche musikalische Aussagen, baut winzige Pausen ein und denkt die Phrasen als Ganzes. Unter ihrem weichen und runden Klang blitzen körnigere Strukturen durch, vor allem im aufgeladenen oberen Bereich und in den wuchtigen Stellen führt das zu herrlichen Irritationen. Die dünnen Passagen entwickeln sich homogen, und das Eine ergibt magisch das Andere in einer natürlichen Entwicklung. So wirkt das Violinkonzert vollkommen. Arabella Steinbacher (2010, PentaTone) tritt im ersten Satz fast harmlos in Erscheinung, einzig das lockend Dunkle ihrer Geige kündigt den rasanten Bruch zum Ende an. Spieltechnisch hakt das manchmal, was durch ihre farbige Bandbreite im Klang mehr als ausgeglichen wird. Ihr hypnotischer, ja gefährlicher Schall und die Prise Naivität ihres Spiels scheinen Unvereinbares miteinander zu verschmelzen. Steinbacher neigt zum Schwerpunkt am Anfang der Phrase, sehr bestimmt packt sie zu und entwickelt daraus den Rest. Beim Beginn des zweiten Satzes raubt das einem den Atem, so widerborstig nimmt sie die ersten Takte. Dirigent Marek Janowski macht gottlob bei allem mit, was sie vorgibt.

Für verliebte Ohren:

Arabella Steinbacher, Orchestre de la Suisse Romande, Marek Janowski (2010)

PentaTone/Naxos

Isabelle Faust, Schwedisches Radio-Sinfonieorchester, Daniel Harding (2013)

harmonia mundi

Janine Jansen, Orchester der Akademie St. Cecilia Rom, Antonio Pappano (2016)

Decca/Universal

Für Sammelwütige:

Kyung-Wha Chung, London Philharmonic Orchestra, Georg Solti (2003)

Thomas Zehetmair, Budapest Festival Orchestra, Iván Fischer (2013)

Brilliant/Edel

Für die Stahlpresse:

György Pauk, Polnisches Radio-Sinfonieorchester, Antoni Wit (1999)

Naxos

Nimbus/Note 1

Gerhart Hetzel, Ungarische Staatsphilharmonie, Adam Fischer (1997)

Christopher Warmuth, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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