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(c) Sandra Ludewig

Simone Kermes

Hoch geschnürt ist halb getrillert

Die Sopranistin brilliert mit Liebesliedern und Arien von der Renaissance bis zum Barock.

"Foolish Love" ist wohl das, was man erwarten darf, wenn Simone Kermes, amtierende „Crazy Queen of Baroque Opera“, etliche Renaissance- und Barock- Liebeslieder auf rosa Seidenunterlage für ein Album bettet. Stimmt auch. In pures Nachthemd- Weiß gehüllt wie eine schlafende Jungfrau, räkelt sie sich unschuldig auf piggy-pinkem CD-Cover. Wer dem traut, der wird selig.
Nun ist Simone Kermes eine ausgezeichnete Sängerin, deren weltweiter Erfolg ihrer exzentrischen Show – und ihrer noch exzentrischeren Garderobe –, aber auch einer enormen musikalischen Erzähl- und Gestaltungskunst zu verdanken ist. „Ich hau’ die Bombe rein“, sagt sie unverblümt über ihren methodischen Ansatz. Überrumpelerin ist sie. Eine Rattenfängerin mit Unterhaltungsdrang-Überdruck. Und ein superbunter Vogel, der eine Zielgruppe gefunden, eigentlich: erfunden hat, die vorher nirgendwo auf ihre Kosten gekommen sein dürfte. „Ich trete mit tierisch hohen Absätzen auf und trage Kleider, dass den Leuten der Mund offen bleibt“, bekennt sie. Aber das weiß man ja ohnehin, oder?
Dabei bleibt sie, geborene Leipzigerin, stets Primadonna von nebenan. „Die Leute wollen ihre Diven auch anfassen“, erzählt sie über ihr Publikum. „Sie wollen etwas abkriegen von mir. Am Ende sagen sie: ‚Hauptsache, Sie bleiben so natürlich wie Sie sind!’“ Merke: Die Kunst-Diva schlechthin firmiert bei ihrer eigenen Klientel als Ausbund naturbelassener Unverbogenheit.
Nicht zufällig lernte Simone Kermes bei Elisabeth Schwarzkopf. Die „Sophisticated Lady“ unter den Super-Sopranen war streng, achtete penibel auf technische Akkuratesse und stand selber für eine gewisse artifizielle Übertreibung. „Ich bin wirklich so wie ich bin“, weiß indes Kermes. „Muss auch so sein. Wenn man sich verstellt, strahlt man nichts aus.“ Ebenso wahr sei, dass man als Künstler manchmal mit dem Publikum kämpft. „Und dass man dann mit Natürlichkeit auch nicht weiter kommt …“ Als Kreuzritterin der Authentizität, die schon mal ausfällig werden kann, ist Kermes die streitbarste, aber auch singulärste Sängerin der Gegenwart.
Die flammend roten Haare sind mittlerweile einem seriöseren Braunblond gewichen. Von Koblenz, wo sie ihr letztes Fest-Engagement innehatte, ist sie – frisch getrennt – vor einiger Zeit nach Berlin-Mitte umgezogen. Ihre Alben, traditionell bei Sony, waren nicht immer ganz geschmackssicher. Besonders „Bel Canto“ verirrte sich unvorsichtig bis zu Bellinis „Norma“, Donizettis „Linda de Chamounix“ und Verdis „Attila“. Bei „Love“ ist sie indes wieder ganz auf ihrem Terrain. Eigentlich nämlich ist Simone Kermes weniger eine Cecilia Bartoli des Soprans. Als vielmehr eine echte Alte Musik-Spezialistin, deren sehr gerade Stimme nur gelegentlich bis zu Leonard Bernstein vorspringen kann. „Glitter and Be Gay“ (aus „Candide“) ist dabei ihre heimliche Erkennungshymne.
Gerade und unverkrümmt wie Stricknadel- Stiche setzt Kermes ihre Töne in die herrlichen Arien und Lieder von Monteverdi, Merula, Purcell, Legrenzi, Eccles, Cesti, Dowland und vielen anderen Liebesliedmachern von der Renaissance bis zum Vollbarock. Genau ihre Baustelle! Auch wenn das geschnürte Vibrato, das hier ihr Markenzeichen ist, zunächst ungewohnt klingt. Geschnürt ist sie schließlich nicht nur in der Taille. Sondern oben auch. Trillert sich besser so.

Erscheint Anfang März:

Love (Madrigale & Arien)

Simone Kermes, La Magnifica Comunità, Enrico Casazza

Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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