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(c) Lisa Maria Mazzucco/Sony

Blind gehört – Emanuel Ax

„Ich bin erledigt!“

Schöneres, als Emanuel Ax beim Schwärmen zuzusehen, gibt es eigentlich überhaupt nicht. Spitzt die Lippen. Hebt die Augen zum Himmel. Lächelt, als pinsele man ihm sorgfältig den Bauch. Der 66-jährige Pianist, eine legendäre Größe im amerikanischen Musikleben, sagt von sich: „Ich bin leicht zu begeistern.“ Errät aber auf Anhieb fast alle Aufnahmen – außer seiner eigenen! Geboren in Lemberg, emigrierte er 1959 zunächst nach Kanada, zwei Jahre später in die USA. Er studierte an der Juilliard School und lernte bei Arthur Rubinstein. „Manny“, wie ihn seine Freunde nennen, lebt mit seiner Ehefrau, der Pianistin Yoko Nozaki, in New York. Die beiden haben zwei Kinder. Zum Blindflug an der Stereoanlage erschien er gut gelaunt in der Berliner RONDO-Redaktion.

„Etincelles“ von Moritz Moszkowski! Ich kenne nur zwei Pianisten, die dieses Stück überhaupt spielen: Vladimir Horowitz und Louis Schwizgebel. Horowitz habe ich oft live damit gehört: wundervoll! Mit Schwizgebel, einem sehr guten Pianisten, habe ich einmal zusammengearbeitet. Viel lernen kann er nicht mehr von mir. Wenn ich das so höre, muss ich allerdings sagen: Schwizgebel ist das nicht gewesen! Fabelhaft. Das Großartige an Horowitz, der einer der Heroen meiner Jugend war, ist sein phänomenaler Sinn für Klang – und für Konzeption. Mit der Polonaise fis-Moll von Chopin war er unübertrefflich. Auch in der Behandlung des Pedals: Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat! Ich habe Horowitz nur einmal im Leben getroffen, bei einer Grammy- Verleihung, wo er als Überraschungsgast auftrat. Ich lag am Boden vor Schreck! In Bezug auf falsche Noten, die Horowitz gelegentlich mit unterliefen, muss ich sagen: Ich höre sie nicht einmal.

Moritz Moszkowski

„Etincelles“ op. 36, Nr. 6 aus Return To Chicago (2015)

Vladimir Horowitz

DG/Universal

Peter Tschaikowski

Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll

Kirill Gerstein, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, James Gaffigan (2015)

Myrios/hm

Sehr schönes Legato! Ist das Edwin Fischer? Nein? Trotzdem toll. Man könnte es old fashioned nennen, aber bei dieser Musik gibt es nichts Altmodisches. Ich werde Ihnen was sagen: Das könnte sogar Glenn Gould sein, wenn er einmal nicht schlechte Laune hatte! Bestechend in seiner Klarheit. Ferruccio Busoni? Aha. Er war sozusagen mein Urgroßvater-Lehrer. Und sein Schüler Egon Petri mein Großvaterlehrer. Ich weiß nur, dass man Busoni seinerzeit für den Größten hielt. Könnte stimmen. Aber mein Lehrer, Mieczysław Munz, der Busoni kannte, hat leider nie sehr viel über ihn erzählt. Außer in Bezug auf Fingersätze. „Hier würde Busoni den Daumen nehmen“, war ein typischer Satz. Bin ich deswegen ein Busoni- Schüler? Eher nicht.

Johann Sebastian Bach

Das wohltemperierte Klavier, Buch I aus Busoni und seine Schüler (2004)

Ferruccio Busoni

Naxos

Kein Klavier, wie schön. Sogar sehr schön! Wer das ist, kann ich nicht sagen. Das Juilliard Quartet? Na, dann zu seiner besten Zeit, noch mit Robert Mann als Primarius. Mit ihm habe ich damals alle Beethoven-Sonaten aufgeführt. Obwohl ich enge Beziehungen zur Juilliard School habe, wüsste ich nicht, ob es so etwas wie einen Juilliard-Stil gibt. Als ich Student war, war alles bereits sehr international. Auch in dem Sinne, dass viele Amerikaner zum Studium nach Europa gingen. Manchmal kamen sogar russische Pianisten zu uns in die USA. Sie spielten fantastisch Chopin. Bei Mozart waren sie zu zurückhaltend. Die Deutschen wiederum gingen viel freier mit Beethoven um als wir es je gewagt hätten. Der Beste war Wilhelm Kempff. Seine „Sturm“-Sonate klingt wie im selben Augenblick improvisiert. Das Juilliard Quartet, um auf die Aufnahme zurückzukommen, war damals fraglos das packendste, brillanteste Quartett von allen.

Wolfgang Amadeus Mozart

Streichquintett B-Dur KV 174 (2011)

Juilliard String Quartet

CBS/Sony

Ich schmelze dahin! (Lacht und verdreht verzückt die Augen.) Ich denke: Die Aufnahme entstand 1975. Das ist Itzhak! Sehr schön, sehr reichhaltig, und doch fühlt sich alles ganz leicht und unbeschwert an. Ich glaube nicht, dass es jemanden gegeben hat, der näher an Heifetz herangekommen ist. Besonders in jenen Jahren. Und Perlman hat nicht einmal geübt! Seit 1980 habe ich mit ihm zusammengespielt. Sein Klang ist heute nicht mehr derselbe wie damals. Ich bin glücklich sagen zu können, dass ich immer mit großen Leuten zusammen spielen durfte. Der erste war Nathan Milstein. Der Beste, für mich Erstaunlichste ist Yo-Yo Ma. Er hört alles. Er nimmt alles in sich auf. Unglaublich.

Fritz Kreisler

Caprice viennoise aus Perlman Plays Kreisler (2015)

Itzhak Perlman, Samuel Sanders

Warner

Ist das nicht John Adams? Dann dürfte es sich um „The Death Of Klinghoffer“ handeln, in der einzigen Gesamtaufnahme, die es davon gibt. Eine starke Oper, die erst jetzt in New York kontrovers wurde, indem man sie falsch interpretierte, jedenfalls sehr unkorrekt dargestellt hat. Diejenigen, die dagegen waren, kannten das Werk vielfach nicht einmal. Für mich ist John Adams ein Komponist, der überleben wird. Sein persönlicher Stil besteht darin, dass man ihn weniger leicht erkennt als andere Vertreter der minimal music. Anders etwa als Phil Glass, den ich gleichfalls schätze. Adams wurde niemals zu minimalistisch. Denn es ist ja so: Bei einem guten Werk muss man auf Anhieb etwas hören, was man wiederhören möchte. Und beim zweiten Mal etwas entdecken, das man überhört hatte. Genau diese Eigenschaften hat Adams.

John Adams

The Death Of Klinghoffer (1992)

Orchester der Oper Lyon, Kent Nagano

Nonesuch/Warner

Oh, gar nicht übel. Ist das Rostropowitsch? Toller Ton! Die Musik ist nicht zerrissen, hat Ziel, Logik und lässt eine Entwicklung spüren. Ein sehr guter Cellist. Allerdings: Yo-Yo Ma ist das nicht. Mit ihm habe ich diese Werke zwei Mal aufgenommen. Was, das sind wir?! Ich glaube es nicht. Wenn das wir sind, bin ich wirklich stolz. Auf das Klavier hatte ich noch gar nicht geachtet. Ich glaube, dass Yo-Yo heute schlanker spielt. Vielleicht habe ich es deswegen nicht erkannt. Mich selber höre ich nur dann an, wenn etwas live aufgenommen wurde. Dabei lerne ich oft etwas. Zum Beispiel über Timing. Mein Fehler ist, dass ich mir manchmal nicht genug Zeit nehme. Ich werde gern nervös. Warum? Naja, weil ich es eben nicht gern vermassele.

Johannes Brahms

Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 2 (1990)

Yo-Yo Ma, Emanuel Ax

Sony

Wow! Sehr ausgeglichenes Spiel. Es strahlt Gutmütigkeit und sogar Milde aus, ist aber sehr prägnant im Rhythmus, sehr klar, elegant. Und hat einen großartigen Schwung. Das könnte Rubinstein in den 50er Jahren sein. Richtig? Später wäre er freier und zugleich fester im Zugriff damit umgegangen. Ich bevorzuge bei Rubinstein übrigens die 20er Jahre. Er verfügte damals über eine unnachahmliche Balance zwischen rechts und links. Wie ein großer Sänger, der mit einem großen Begleiter auftritt. Rubinstein, den ich noch persönlich kannte, hat immer von sich behauptet: „Ich hatte keine gute Technik!“ Das war einfach nicht wahr! Besser als so kann man Chopins Walzer nicht spielen. Großartig. Ich bin erledigt!

Frédéric Chopin

Grande Valse brillante Es-Dur op. 18 aus Arthur Rubinstein Plays Chopin (2010)

Artur Rubinstein

RCA/Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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