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Musikstadt

Pesaro

Adriagrill und Rossinis Belcanto-Paradies dicht bei dicht: Seit 33 Jahren lohnt sich nicht nur für Raritätensammler die hochsaisonale Fahrt in die Hügel der Marken.

Seien wir ehrlich: Der Adriaort Pesaro ist im Hochsommer nicht unbedingt ein Traumziel. Zwar rösten sich hier schon lange nicht mehr die Urlauber aus Wanne-Eickel am notorischen Teutonengrill. Der Strandstreifen von Rimini, über Riccione, Cattolica, Fano, Senigallia bis Ancona ist längst fest in italienischer Familienhand. Die toben und lärmen in 16 militärisch festgelegten Liegestuhlreihen, fahren inzwischen nicht immer sicher mit dem Fahrrad durch die Innenstädte. Idyll sieht anders aus, auch wenn es die prachtvolle Villa Imperiale gibt, den alten Palast der Herzöge mit einer schönen Gemäldegalerie, ein Fayencenmuseum, den restaurierten Dom und die Backsteinwälle des Forts.
Aber die Massen sind tagsüber am Strand. Und da stehen auch deren Hotels. Mehr Ghetto geht fast nicht. Denn man kann herrlich in den Hügeln wohnen und wunderbare Ausflüge nach Urbino, Jesi, Macerata, Recanati oder Loreto machen. Auch das Essen ist hier nicht das Schlechteste. Denn es gibt eben einen gewichtigen Grund, mitten in der Hochsaison in diese Touristenhochburg zu fahren: das Rossini Festival, eines der wenigen, die neben Wagner und Händel sowie sehr wenig Donizetti in Bergamo einem Komponisten gewidmet sind. Und wie der Sachse mit Halle, Göttingen und Karlsruhe gleich dreimal gefeiert wird, so ist auch der 1792 hier geborene „Schwan von Pesaro“ doppelt beglückt: Sogar im Schwarzwälder Bad Wildbad feiert man ihn.
Bald 101 Richard-Wagner-Festspielen seit 1876 in Bayreuth stehen nun immerhin 33 Rossini-Opera-Festivals in Pesaro seit 1980 gegenüber. Und während auf dem Grünen Hügel nur zehn sanktionierte Opern im Wechsel gespielt werden, stehen in dem Ort zwischen den Hügeln – mit allen Umarbeitungen, Bühnenmusiken und durchaus szenisch aufführbaren Huldigungskantaten – etwa 40 Werke zur Auswahl.
Was immer noch zu Überraschungen führt, auch wenn man bis auf zwei Stücke jetzt alle zumindest einmal vorgestellt hat. Doch während Wagners Musikdramen längst ihren Siegeszug durch die Welt abgeschlossen haben, waren vor Pesaros Siegeszug mit gutem Willen höchstens zehn RossiniOpern Allgemeingut. Insbesondere dessen ernste Werke traten von hier aus wieder ins Licht diverser Musikbühnen und tun dies inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit.
Da nach wie vor zeitgleich die einst von Claudio Abbado angestoßene kritische Rossini-Notenausgabe entsteht, die erst die Initialzündung für die szenische Überprüfung im niedlich provinziellen Teatro Rossini, im klassizistischen Saal des Conservatorio Rossini wie in diversen, akustisch passablen Sporthallen am Geburtsort gab, finden sich bisher fast jede Saison noch Novitäten – bei einem gut gemixten Spielplan aus höchstens drei Premieren, eine davon eine Wiederaufnahme.

Rossini-Renaissance

Die blühende Rossini-Renaissance, vor allem bei den Jahrhunderte lang vernachlässigten, von musikalischen Kostbarkeiten überquellenden Seria-Opern, ist inzwischen ein weltweites Phänomen. Die hier radikal als monomanische Mission durchgezogene Aufklärungsarbeit hat es vermocht, dass wir inzwischen gelernt haben, was für ein kühner Experimentator Rossini vor allem in seinen ernsten Opern etwa der neapolitanischen Periode ist. Da prallen Koloraturkulinarik und Laborversuch unmittelbar aufeinander. Zudem wird es so immer aufregender zu hören, wie Rossini erfolgreiche Modelle und Melodien variiert und verändert, sich aus seinem eigenen Baukasten bedient hat, Partikel aus komischen Werken plötzlich in ernsten Stoffen wie verwandelt erscheinen.
Das wird von einem international anreisenden Publikum goutiert, wie sonst nirgendwo in Italien. Und dieses trägt ein völlig verwandeltes Rossini-Bild in die Welt hinaus, das eine radikale Neubewertung bewirkt hat wie bei kaum einem Komponisten in den letzten Jahrzehnten. Sängerspaß bereitet es zudem. Während in den Pionierjahren hier vor allem berühmte Amerikaner gastierten, bäckt und schult man sich jetzt die Rossini-Stars von morgen in der eigenen Akademieküche. Diese Rezeptur funktioniert glänzend. Und wirkt besonders sympathisch im skurrilen Mit- und Gegeneinander dieser Parallelwelten aus italienisch dominierter Mittelklasse-Badekultur am übervollen Adriastrand und globalen Operngourmets wie Raritätensammlern im wenige hundert Meter entfernten Theater: Wasserwonne und Rossinisonne liegen hier an einer einzigen Straße, ebenso übrigens das bescheidene Geburtshaus, heute ein originelles Museum.
Weiterhin dient das entzückende (aber sichtbehinderte) Teatro Rossini als Hauptquartier; aber meist werden zwei der Produktionen in der mit einer raffinierten Doppelbühne geteilten Adriatic Arena, einer klotzigen BasketballSporthalle am Stadtrand, gespielt, wo mehr Karten zu verkaufen sind. Schließlich hat der Staat seine Subventionen deutlich gedrosselt. Was nicht ohne Folgen blieb: Man widmet sich mehr dem kargeren Regietheater, während hier früher vornehmlich von den Herren Ronconi und Pizzi nur teuer dekoriert wurde.
Der heute vielgefragte, immer noch sehr junge Italiener Damiano Michieletto begeisterte in Pesaro mit einer intelligentabstrakten „Diebischen Elster“ und verlegte den düsteren „Sigismondo“ gleich ins Irrenhaus. Graham Vick entfesselte kürzlich mit einem in den Gazastreifen verlegten „Mosè“ fast einen Skandal samt Eklat im Zuschauerraum. Im letzten Sommer aber entzückte Davide Livermore mit dem biblischen Frühwerk „Ciro in Babilonia“, das er ganz aus dem augenrollenden Geist des Monumentalstummfilms gestaltete. Auch die hier endlich szenisch debütierende Ewa Podles als derzeit führender Koloratur-Kontraalt hatte ihren Spaß. Zudem koproduziert man verstärkt. Lange schon mit dem Teatro Comunale Bologna, das jedes Jahr auch das Hauptfestivalorchester stellt.

Akademie statt Jet-Set-Karussell

Akademie statt Jet-Set-Karussell Die teuren Singvögelchen, die die RossiniBotschaft inzwischen über den Globus getragen haben, flattern nur noch selten ein. Pesaro hat in der Frühzeit Stars angezogen – wie Marilyn Horne, Montserrat Caballé, René Fleming, Rockwell Blake, Chris Merritt, William Matteuzzi, die junge Cecilia Bartoli und Samuel Ramey –, aber immer auch welche gemacht. Neben Patrizia Ciofi und Daniela Barcellona ist hier seit 1996 Juan Diego Flórez der am hellsten strahlende Stern. Man setzt inzwischen aber größtenteils auf den hauseigenen, von dem grandiosen Belcanto-Spezialisten Alberto Zedda in der Festivalakademie stilistisch lupenrein heran gezüchteten Nachwuchs als „neue“ RossiniSängergeneration – komme die nun aus Italien, Spanien, Russland, Deutschland, China. Oder gar aus Peru, wie Flórez, der selbst als weltweit führender Belcanto-Tenor weiterhin fast allsommerlich Pesaro die Treue hält. Er hat, wie einst Luciano Pavarotti, sogar ein Haus in den Hügeln. Hier im Rossini-Sommer gibt er sich höchst unkompliziert, man kann ihm sogar beim Pizza-Essen zusehen.
Man konnte in Pesaro erstmals Joyce DiDonato begegnen oder der so hübschen wie begabten Russin Olga Peretyatko, die sogar Michele Mariotti, den dirigierenden Sohn des FestivalIntendanten betörte. Als Paar machen sie gerade Weltkarriere – mit Basis Pesaro. Alex Esposito bewährte sich hier als flexibler Bariton. Francesco Meli, Antonino Siragusa sowie die beiden Russen Maxim Mirov und Dmitry Korchak haben sich hier als Rossini-Tenöre bewährt. Auch die Mezzos Sonia Ganassi und Marianna Pizzolato sind feste Größen. Das Belcanto-Paradies liegt also weiterhin an der Adria, wo man sich jeweils drei Tage in Folge im Hochsommer an Operntrüffeln à la Rossini delektieren kann.


Es ist angerichtet

Das 34. Rossini-Festival präsentiert zwischen dem 10. und 23. August wieder drei Opern. Zum zweiten Mal gibt es den diesmal ungekürzten „Guillaume Tell“ mit Nicola Alaimo, Juan Diego Flórez, Simone Alberghini und Marina Rebeka. Michele Mariotti dirigiert die Neuproduktion von Graham Vick. Im Teatro Rossini gehen bei „L’Italiana in Algeri“ José Ramón Enicar musikalisch und Davide Livermore szenisch ans Werk. Anna Goryachova und Alex Esposito singen. Und als Wiederaufnahme gibt es ein Rendezvous mit einem PesaroKlassiker: Jean-Pierre Ponnelles vergnügliche Visualisierung der frühen Farce „L’occasione fa il ladro“ – „Gelegenheit macht Diebe“ mit dem köstlichen Baritonbuffo Paolo Bordogna.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2013



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