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(c) Marco Borggreve/Warner

Vilde Frang

Tonaler Wildfang

Die Violinistin zeigt, dass auch im 20. Jahrhundert noch große tonale Musik komponiert wurde. Und spielt besser denn je.

Der wilde Fang: Das Label vom Wildfang der norwegischen Fjorde passt. Und ist doch Unsinn: Da mag die ungezähmte Natürlichkeit diese Geigerin noch so frappieren. Anfangs schüchtern, inzwischen selbstbewusster, machte sie durch naturbelassene Mädchen-Noblesse schon vor fünf Jahren, bei ihrer ersten CD, von sich reden. Kein Zweifel, Vilde Frang ist die beste skandinavische Solo-Überraschung seit Leif Ove Andsnes. Jetzt, auf ihrem fünften Warner-Album, sieht sie jünger aus denn je. „Oh, danke!“, freut sie sich ehrlich über das Kompliment. Und bekundet damit, dass sie in Wirklichkeit reifer geworden ist.
„Auf gute Cover-Fotos lege ich inzwischen großen Wert“, sagt sie. „Denn ich habe bemerkt, dass ich es bin, die die Fotos beim Unterschreiben nach dem Konzert ständig vor Augen hat.“ Damit es dazu überhaupt kommt, muss freilich die musikalische Botschaft stimmen. Frangs Ton: gesanglich geradlinig, ohne Oberflächenglitzer und ohne Schmalz. Womit diese Geigerin ganz deutlich in der Tradition klanglich edler, unbeskandistechlich mit Seelenton operierender Geiger steht. Nie gleißend oder gar glitschig. Weniger manieriert auch als ihr Vorbild (und ihre Förderin) Anne-Sophie Mutter.
Der vegane Ton, dem nichts Mageres anhaftet, bekommt einem unter Hollywood-Verdacht stehenden Werk wie dem Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold vorzüglich. „Das Konzert hat Lollipop-Qualitäten, aber ich denke beim 3. Satz, der ein Thema aus Korngolds Filmmusik zu ‚Der Prinz und der Bettelknabe’ enthält, weniger an Errol Flynn – und mehr an die Vorlage für den Film, Brittenalso die gleichnamige Erzählung von Mark Twain.“ Das hört man auch.
„Das Korngold-Konzert habe ich nicht durch die berühmte Aufnahme von Jascha Heifetz kennengelernt, sondern – eher traumatisch – als Teenager beim Vorspiel eines Kollegen. Der hat das damals gar nicht so sehr gut gemacht!“ Das Werk habe daher eigentlich keinen so starken Eindruck auf sie gemacht. „Man muss Korngold sehr gut spielen, damit er gut klingt.“ Ist das nicht immer so bei Musik, die vielleicht sogar zweitklassig ist? „Mag sein“, so Vilde Frang. „Bloß: Gut gespielte, zweitrangige Musik kann ganz köstlich sein“.

Nordisches Eisblau statt Hollywood-Schmalz

Die 1986 in Oslo geborene Geigerin begann mit vier Jahren nach der Suzuki-Methode; also durch Nachspielen ohne Notenkenntnis (ähnlich wie Isabelle Faust). Mit zwölf Jahren gab ihr Anne-Sophie Mutter ein Stipendium. Im selben Jahr debütierte sie beim Oslo Philharmonic Orchestra unter Leitung von Mariss Jansons. Sie studierte in Hamburg bei Kolja Blacher und in München bei Ana Chumachenko (der Lehrerin von Lisa Batiashvili).
Trotz guter Deutschkenntnisse und einem besonnen individualisierenden, klarsichtig durchkühlten Ansatz erkennt man in ihr nach wie vor die skandinavische Künstlerin. Wo die meisten pathetisch werden, favorisiert sie: eisblau. Wo andere dick auftragen, friert sie zu. Deswegen gibt es für spätromantische Schinken, die gelegentlich zum Schwulst neigen (so auch beim Korngold-Konzert), derzeit kaum eine bessere, geschmackvollere Besetzung als sie.
Außerdem präsentiert Frang auf ihrem neuen Album ihre „ganz große Mission“: das BrittenViolinkonzert. Komponiert in den USA, haben sich bislang kaum große Geiger dafür interessiert. „Eines der größten, unterschätzten Werke von allen“, so Vilde Frang. Sehr ungewöhnlich der Beginn – mit Schlagzeug. Ähnlich unkonventionell das Ende, bei dem die Violine in Moll schwelgt, während das Orchester in Dur bleibt. Derlei Eigenheiten weisen das Stück als eines der tonalen Meisterwerke des 20. Jahrhunderts aus, denen genau diese Sonderstellung nie recht vergeben wurde. Vilde Frang spielt auf ihrer neuen CD zwei tonale Großtaten, die das Fortleben dieses Traditionsstranges beweisen, als der schon verpönt war. Kleiner Wermutstropfen: Bei der Wahl von James Gaffigan und dem hr-Sinfonieorchester hat man ein bisschen den Sparhebel angesetzt. Vilde Frang aber: nie besser als hier!

Neu erschienen:

Erich Wolfgang Korngold, Benjamin Britten

Violinkonzerte

Vilde Frang, hr-Sinfonieorchester, James Gaffigan

Warner


Allein auf weiter Flur

Das Korngold-Konzert war bis dato fest in Händen von Glamour-Virtuosen. Jascha Heifetz machte das Werk 1953 kanonisch. Itzhak Perlman (1980), Gil Shaham (1993) und Anne-Sophie Mutter (2003), alle unter André Previn, folgten ihm und spielten es als eine Art Para- Filmmusik (Ähnlich Hilary Hahn und Daniel Hope). Neben Nikolaj Znaider (2008) ist Vilde Frang die Erste, die es auf den Boden klassischer Ernsthaftigkeit zurückholt. Dorthin, wo sie als Interpretin des Britten-Konzerts ohnehin fast allein auf weiter Flur steht. Mit Brittens wichtigstem Solisten-Konzert haben sich – auf höchster Ebene – hauptsächlich Maxim Vengerov, Janine Jansen und Gil Shaham befasst.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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