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(c) Esther Haase/DG

Magdalena Kožena

Rollentausch

Vergesst Carmen und Mélisande! Wenn sie Lied singt, vor allem aber Barockes von Monteverdi, ist die Mezzosopranistin am besten.

Ahch, Ahch“. Ein gequältes Frauenherz macht sich so Luft, eine zutiefst verzweifelte Seele schafft sich zunächst einmal stockend Raum und Klang. Dann erst setzt die eigentliche Arie ein, das Lamento „Addio, Roma“ der Octavia, der verstoßenen Frau Neros. Die dieser kurzerhand aus Rom verbannt, weil er ihre Nachfolgerin Poppea heiraten will – woran die jetzt Klagende freilich nicht ganz unschuldig ist. Denn Intriganten sind sie alle. Das wusste schon der alte Claudio Monteverdi, der hier 1642 in seiner letzten Oper „Die Krönung der Poppea“ einen antiken „Denver Clan“ mit viel Sex & Crime komponiert hatte. Und der dies doch in die schönste, in ihrer Komprimiertheit expressivste Musik umzusetzen wusste.
Eine Musik, die auf ihrer jüngsten CD – besonders prägnant begleitet von einer plastisch gezeichneten Gamben-Continuostimme – jetzt Magdalena Kožená anstimmt. Und man hört schon bei diesem Beginn sofort: Barockmusik und ein Studiomikrofon, das ist – so wie auch die Sphäre des spätromantischen Kunstlieds – die perfekte Entfaltungswelt für die tschechische Mezzosopranistin. Nirgendwo ist sie, die das Verkleiden und das Maskenspiel liebt – wie ihre, milde gesagt, bisweilen exzentrische Konzertgarderobe nahelegt – so sehr zu Hause, so sehr bei sich.
Man könnte jetzt tiefenpsychologisch gründeln: So wie wieder einmal auch das fotografische CD-Artwork einer verlorenen Softsex- Unschuld à la „Bilitis“ im weichzeichnenden David-Hamilton-Stil hinterhertrauert, so scheint hier eine sich selbst nicht sichere Person in solchem Mummenschanz Trost und Schutz zu suchen. Was in der nach wie vor seltsam angeschminkten Rolle der „Lady Rattle“ gipfelt, die anscheinend glaubt, sich vor dem Orchester ihres Mannes in allen möglichen und unmöglichen Sängerinnen-Facetten wie -Posen produzieren zu müssen. Wobei aber weder die outrierte Carmen noch die torüberzeichnete Mélisande, geschweige denn der „Rosenkavalier“-Octavian wirklich passten, vielmehr dauernd in den Klangfluten der opernungewohnten Berliner Philharmoniker unterzugehen drohten. Ihre private Rolle hat sie mutmaßlich als Mutter und souveräne Dirigenten- Gefährtin gefunden – so wie übrigens auch ihre professionelle bereits auf dem Barock- Pfad der frühen Jahre, den sie besser nicht hätte verlassen sollen.

Raumgreifende Miniaturen

Hier, in den kleinen, madrigalesken, oft tänzerisch durchpulsten, sich bisweilen zur veritablen Gesangsszene („Lamento della ninfa“) entfaltenden Vokalpreziosen Monteverdis offenbart diese herber gewordene, aber noch immer ihren rauchig-drängenden Duktus kreativ vorführende Stimme einen kostbaren Nuancenreichtum. Wie eine Blüte gehen diese Töne auf, senden ihren starken, individuellen Duft in einen virtuellen Klangraum. Hier kann Magdalena Kožená spielen und improvisieren, ein ihr wirklich entsprechendes verschrecktes Naturwesen sein, ein Luftgeist, eine rettungslos Liebende, eine vom Leben Enttäuschte, eine seinsvergessene Schäferin.
Hier nämlich klingt dieser an sich kleine, intensive Mezzo unangestrengt, entspannt. Nichts muss übertrieben werden, es ist die überlegene, variantenreiche Sprachbehandlung dieser Künstlerin, die sofort wieder fesselt, das Wissen um die Ausdrucksmöglichkeiten und -freiheiten, die diese nur minimalistisch notierte Musik ihren Interpreten lässt. Welche die Kožená und das ihr bestens vertraute Ensemble La Cetra unter – dem ihr wohl neben ihrem Mann dirigentisch am Nächsten stehenden – Andrea Marcon bis zur Neige und auf das Schönste auszukosten vermögen. Eilig oder getragen, sinnvoll und sinnlich, drängend und spielerisch, tragisch und schmetterlingshaft mit den Noten flirtend.
Fantastisch abwechslungsreich ist diese CD komponiert, die berühmten Monteverdi- Stücke werden abgelöst von Instrumental-Intermezzi seiner heute fast vergessenen Zeitgenossen wie Marco Ucellini, Tarquinio Merula oder Biagio Marini. Und gipfeln im ambitiösen, aber erfolgreichen Experiment, das dramatische Madrigal „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ nicht drei, sondern nur einer Stimme anzuvertrauen. Was Magdalena Kožená als Meisterin des Recitar cantando großartig gelingt. Spontan wirkt das, aus dem Augenblick heraus scheinbar improvisiert, auf Vertrauen zu ihren Instrumentalunterstützern gründend.
Mit der ebenfalls leicht verhangenen, nur Nuancen helleren Sopranstimme Anna Prohaskas verbindet sich ihr Timbre ebenfalls vollkommen; etwa gleich beim Auftakt mit dem Scherzo musicale „Zefiro torna, e di soavi accenti“. Die locker swingende, mit Zink-Girlanden umwickelte, schellenbeklimperte Liebesode an den Westwind findet schließlich in der Silberscheiben- Apotheose ihre sensitiv-lockende, glücksprühende Entsprechung: im wohl gar nicht von Monteverdi stammenden, trotzdem göttlich schönen Liebesduett-Finale „Pur ti miro“, ebenfalls aus der „Poppea“. Was gleich doppelt wie ein Memento zum Abschied wirkt: Gerade noch Octavia (auch in deren zweiter großer Nummer, der Einführungsarie „Disprezzata Regina“ als akustischem Selbstporträt), schlüpft die Kožená jetzt in die Rolle von deren Gatten Nero. Und ihnen beiden, von der Nachwelt als selbstsüchtig verkommene Monster verdammt, gehören hier die ambivalent idealen letzten Töne.

Neu erschienen:

Claudio Monteverdi

Magdalena Kožená, Anna Prohaska, La Cetra Barockorchester Basel, Andrea Marcon

DG/Universal


Kožena´s Diskografie: Barock bis französisch

Die Opern- und Konzertkarriere der einst so ambitionierten Magdalena Kožená wurde seit der Heirat mit Sir Simon Rattle (dessen dritte Frau und Mutter von drei gemeinsamen Kindern) auf nicht immer glückliche Pfade gelenkt. Umso besser bestellt ist ihre Diskografie bei der Deutschen Grammophon, wo man ihr seit 1998 treu ist. Seinerzeit debütierte die junge, 1973 in Brünn geborene und der Alten Musik ergebene Mezzosopranistin mit Jakub Jan Rybas Tschechischer Weihnachtsmesse und danach mit einem Mozart/Gluck/Mysliveček-Album in Tschechien. Das gab schon den Akkord vor: Mit Liedern ihrer Heimat, Barockem und Mozart, aber auch mit Oratorien und einer hinreißenden französischen Arien-Sammlung konnte diese Stimme bisher ideal glänzen.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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