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Kompromissloser Revolutionär: Pierre Boulez ist tot (c) Harald Hoffmann/DG

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Als Pierre Boulez im vergangenen März seinen 90. Geburtstag feierte, wurde er von alten und neuen Weggefährten mit Glückwünschen nur so überhäuft (nachzulesen in RONDO, Ausgabe 2 2015). Der französische Komponist Philippe Manoury etwa verglich seinen alten Lehrer mit Debussy. Und Geigerin Carolin Widmann beneidete Boulez nicht nur um seine fantastischen Ohren! „Ich bewundere auch sehr, dass er so wenige seiner Werke an die Öffentlichkeit gelassen hat, nur die, die seinen hohen Ansprüchen genügten.“ Dass solche und weitere prominente Musikerkollegen sich auf diese Weise vor dem Komponisten und Dirigenten Boulez verbeugten, war vielleicht nicht allzu überraschend. Dagegen staunte man Bauklötze, wie die oftmals totgesagte Klassik-CD-Branche plötzlich alle Kräfte und Aufnahmen bündelte, um einem Musiker mit umfangreichen CD-Editionen zu gratulieren, der das komplette Gegenteil von früheren und aktuellen Chartstürmern wie Karajan und Garrett gewesen ist. Und da wusste man einmal mehr, dass sich Boulez´ rigoroser Einsatz für die Moderne mehr als ausgezahlt hat.
Doch dieser Mann des Fortschritts hatte eben nicht nur auf dem Tonträgermarkt für mehr als nur frischen Wind gesorgt. Selbst Spitzenorchester wie die Wiener Philharmoniker luden ihn wie selbstverständlich regelmäßig ein, um mit ihm Mahler, Berg, aber auch Brandneues etwa von Olga Neuwirth und Jörg Widmann zu entdecken. Boulez – aus dem einstigen Neue Musik-Revoluzzer, als der er nach ´45 zusammen mit Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen gestartet war, wurde so im Laufe eines halbes Jahrhunderts eine der einflussreichsten und vor allem kompromisslosesten Hauptfiguren im Klassikbetrieb, wenn es um falschverstandene Traditionsgläubigkeit ging. Moden wie die historische Aufführungspraxis waren für ihn schlichtweg überflüssig. Das Dirigieren mit dem Taktstock hielt er sowieso nur für eine sentimentale Geste. Und wenn sich der Komponist Boulez in der Tradition eines Beethoven, Wagner und Webern sah, warum sollte er als Dirigent seine Zeit mit Brahms („bourgois und selbstgefällig“) oder mit einem „unbedeutenden Talent“ wie Prokofjew vergeuden?
Das selektive Qualitätsbewusstsein schien Boulez recht zu geben. Denn so konnte er sich ganz auf einen Werkkanon konzentrieren, dem er sich immer wieder und wieder aufregend und diskussionswürdig neu widmete (allein Strawinskis „Le Sacre du printemps“, aber auch sein eigenes Meisterwerk „Le marteau sans maître“ hat er viele Male aufgenommen). Bis zu seiner schweren langen Krankheit, an der er jetzt in seiner Wahlheimatstadt Baden-Baden verstorben ist, entpuppte sich Boulez so als unermüdlicher Arbeiter, bei dem einfach keine Erschöpfungserscheinungen auszumachen waren. Für ihn ging es – auch raschen Schrittes - nur nach vorne. Mit fast Achtzig kehrte er noch einmal nach Bayreuth zurück, um mit Christoph Schlingensief den „Parsifal“ zu erarbeiten. Und 2004 rief er die Lucerne Academy ins Leben und förderte fortan auch den dirigierenden Nachwuchs. „Er hat sein ganzes Leben das getan, woran er geglaubt hat“, so Jörg Widmann 2015 im Rahmen der Geburtstagsfeierlichkeiten von Pierre Boulez. „Und er war auf wunderbare Weise das beste Beispiel dafür, dass man nicht nach rechts und links schauen muss, um das zu erreichen, was man will.“ Auch darin bleibt Pierre Boulez ein großes Vorbild.

Guido Fischer



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