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(c) Bernd Uhlig

Ölsaft des Zweifels: Schönbergs "Moses und Aron"

Paris, Opéra Bastille

Ein Monument seiner selbst ist Arnold Schönbergs unvollendetes Opernoratorium „Moses und Aron“. Klar, dass sich auch Stéphane Lissner, so etwas wie der Intendantenpate des französischen Musiktheaters, nun Herrscher über die beiden Pariser Nationalopern Bastille und Palais Garnier, so eine Gelegenheit nicht entgehen lässt. Romeo Castellucci, der bildende Künstler, folgt zwar als Regisseur den Intentionen Schönbergs, aber er nimmt sie, besonders in der heute albernen sexuellen Orgiastik des Tanzes um das Goldene Kalb, nicht wörtlich. Das Kalb gibt es freilich – in Gestalt des 1,5 Tonnen schweren Charolais-Stier Easy Rider. Gott ist ein Tonband, sein Wort fällt als schwarzer Magnetstreifen vom Himmel herab. Der zunächst nur hinter einem weißen Schleier zu ahnende Moses rafft, sammelt und knautscht es. Der ganze erste Akt ist fast bewegungslos, man nimmt alle nur schemenhaft wahr hinter der weißen Gaze.
Dafür hört man umso intensiver zu. Der souverän disponierende Opernmusikchef Philippe Jordan entfaltet einen seidigen Schönberg- Schönklang, die strenge Zwölftönigkeit hat etwas irisierend Leichtes. Man folgt interessiert dem Dialog des hier mit einem tonprächtigen, männlichen Bariton (Thomas Johannes Mayer) besetzten Moses und den biegsamen Tenoreinwürfen des ratlosen, nicht unsympathischen Aron (John Graham-Hall). Und man bewundert rückhaltlos den fast aktenzfreien, von José Luis Basso einstudierten Chor, der sich so diszipliniert durch den Raum bewegt.
Der zeigt jetzt im zweiten Akt die leere, schwarze Bastille-Riesenbühne. Das Volk füllt sie blockartig, in der Ecke, als Diagonale, an der Rampe aufgereiht. Das Blütenweiß der Unschuld wird schwarz durch den großzügig vergossenen Ölsaft des Glaubenszweifels. Alles Orgienhafte ist ersetzt durch ritualisierte Bewegungen, eine nackte Jungfrau vor dem Kordon der Alten, hereingetragene Behinderte, die sich – wie auch die Gesunden – in einem Bad reinigen wollen und nur noch schmutziger werden. Am Ende stehen vor einer Gebirgslandschaft Moses und Aron, verdreckt, ratlos suchend nach dem „Wort, das mir fehlt“. Hier hörte Schönberg auf, und hier stoppt Castellucci. Der das kaum greifbare Stück als tönendes Artefakt von makelloser Kühlheit bebildert. Doch, die Opéra de Paris ist damit in den ernst zu nehmenden Diskurs über Musiktheater heute zurückgekehrt.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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