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Fanfare

Was wäre wohl los gewesen, hätte Christian Thielemann solches angekündigt: „Die Meistersinger“ als sehr deutsche Einheitsoper zum 25. Feierjubiläum in der alten wie neuen Hauptstadt. Mit der deutschen Flagge als unübersehbarem Requisit, auf die sogar im dritten Akt das Quintett seinen Fahneneid leistet, bevor es dann zur Festwiese vor dem in neuer Preußenherrlichkeit wiedererstandenen Stadtschloss geht. Einen Aufschrei hätte es sicher gegeben. Aber weil Daniel Barenboim am Pult seiner altgolden glühenden Berliner Staatskapelle stand und seine 20. Berliner Wagner-Premiere im Schiller-Theater mit routinierter Klarheit absolvierte, blieb natürlich alles (zwei, drei Buhs beiseite) beifallsfriedlich.
Sicher auch deshalb, weil schnell deutlich wurde, dass Regisseurin Andrea Moses diese Vorlage, noch dazu als Premierendoppel auf Abend und Morgen zweigeteilt, nur sehr harmlos brav, ja pflichtschuldig umgesetzt hat. Mit feiner Personenregie, aber ohne jedes, bei diesem Stück schnell aufkommendes Provokationspotenzial. So feierte man also Sänger: Wolfgang Koch als jovialen Sachs, Klaus Florian Vogt mit feiner Kindertenortrompete als unschlagbar blonden Stolzing. Vor allem aber die famos mittuende Rentnergang der Meister zwischen tonlos, krächzend und durchdringend: Siegfried Jerusalem (75), Graham Clark (74), Olaf Bär (57), Reiner Goldberg (75) und – besonders bejubelt – der 91-jährige Franz Mazura.
Das Nationaltheater Mannheim ist eben „Opernhaus des Jahres“ geworden. Weil es sein Ensemble pflegt, weil die Orchesterleistung gut ist, weil man seinen Kulturauftrag ernst nimmt und auch die Moderne und das Ausgefallene berücksichtigt. So wie gerade wieder mit Hans-Werner Henzes 1966 in Salzburg uraufgeführter Antikenoper „Die Bassariden“ nach Euripides. Hier hat sich das Volk zu entscheiden: Ist das Leben ein ewiges Fest, so wie es Gott Dionysos (an der Tenorgrenze: Roy Cornelius Smith) fordert? Oder muss man sich Regeln unterwerfen? So möchte es Pentheus (baritonschön: Karsten Mewes), der neue König von Theben. Am Ende wird er von den Rasenden in Reformunterwäsche zerrissen.
Regisseur Frank Hilbrich situiert das Geschehen in einer modernen Bibliothek, in der freilich ein Erdstoß die Bücher aus den Regalen wirft. Der abgedankte König Kadmos, der blinde Seher Teiresias und diverse Frauen lassen sich hier über die Religion aus. Dem angerissenen Diskurs samt lahmer Video-Orgie wird die Inszenierung nicht wirklich gerecht. Dafür dirigiert Rossen Gergov mit gewaltigem Nachdruck, und der Chor begeistert.
Tourneeschlaglicht aus dem koreanischen Ulsan, wo das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin auf dem Weg nach Japan Station machte. Hauptattraktion ist nicht das Orchester, obwohl es frenetisch bejubelt wird, sondern der in seiner Heimat enorm populäre Pianist Kun-Woo Paik. Der lebt zwar in Paris, wurde Ende der Neunziger mit lebendigen CD-Aufnahmen etwa des Fauré-Klavierwerks international bekannt, aber kommt gern mit internationalen Orchestern nach Hause.
Mürrisch spielt sich Paik in der Probe in Trainingshosen durch Beethovens 3. Klavierkonzert, führt es aber anschließend in Frack und weißem Rollkragenpullover mit rhythmisch straffem Zugriff und gehärtetem Anschlag eigenwillig akkurat vor. Damit hat er sich bereits seines Tourneeanteils entledigt. Paiks Frau, eine einst berühmte koreanische Filmactrice, wartet schon mit der Thermoskanne in der Garderobe.
Und das Orchester glänzt im reinen Beethoven- Programm mit schönem, vollem Ton und dynamisch-dramatischen Spannungskurven. Das junge, ruhige, sehr weibliche Publikum stellt sich hinterher brav in Schlangen an: um sich vor dem Triptychon-artigen DSO-Werbebanner samt koreanischem Tastenhelden im Foyer fotografieren zu lassen.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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