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(c) Angus McBean/Warner

Elisabeth Schwarzkopf

Sophisticated Lady

Zum 100. Geburtstag gibt es die gesammelten Recitals der Sopranistin – mit Original-Frisuren und süffisanterem Lächeln denn je.

Mit ihrem singulär strahlenden, mirakulös gerundeten Sopran war sie die ungekrönte Sopran-Königin der 50er und 60er Jahre. Eine Grace Kelly des Gesangs, jedenfalls blendend schön, unnahbar und glamourös. Da sie sich die Primadonnen- Gloriole auf dem Umweg über den Liedgesang erworben hatte, umgab sie sogar eine leicht intellektuelle Aura sublimer Indirektheit. Eine Jahrhundertsängerin, keine Frage; auf die man dennoch schon vor ihrem Tod – sie starb 2006 im Alter von 90 Jahren – leicht abschätzig reagierte. Zum 100. Geburtstag hat die Warner sämtliche EMI-Recitals der Sängerin wieder im Original- Gewand der LP-Cover herausgebracht.
Und siehe: Man gewinnt ein ganz neues Bild! Zum einen, weil hier entlegene Schwarzkopfiana wie William Waltons „Troilus and Cressida“-Querschnitt (unter Leitung des Komponisten), die Wagner- und Weber-Duette mit Christa Ludwig, das Wolf-Recital mit Wilhelm Furtwängler am Klavier und Beethovens Konzertarie „Ah! Perfido“ unter Karajan wieder im Original-Design ihrer Zeit zu finden sind. Trouvaillen, die für den Kenner immer irgendwo greifbar gewesen sein mögen. Aber nicht mit so kunstvollen Frisuren, Augen- Makeups und so süffisant belächelt wie hier – von der „Sophisticated Lady“ schlechthin.
Die Meisterin intrikater Andeutung ging für ihre Zeit oftmals recht weit. Wenn die Schwarzkopf „Meine Lippen, die küssen so heiß“ sang – wie auf dem genialen Operetten-Album, das hier nicht fehlt –, dann konnte kein Zweifel darüber aufkommen, welche, nun ja … Lippen hier wohl gemeint seien. Als Opern-Diva lieh sie Strauss’ Arabella mehr Nachdenklichkeit und den „Vier letzten Liedern“ mehr verwehte Grandezza, als Fettwelle und Wohlstandsdenken der Adenauer- und Erhard- Ära es eigentlich erlaubten.

Vom Rokoko-Püppchen zur Grande Dame

Verantwortlich dafür – und überhaupt ihr Erfinder – war bekanntlich ihr Ehemann, der pionierhafte Schallplattenproduzent Walter Legge. Er verwandelte das Rokoko-Püppchen, das an der Städtischen Oper Berlin mit spitziger Stimme als Zerbinetta tiriliert hatte, in eine intensive Lieder- Sängerin. Die Stimme erhielt plötzlich eine strahlende Kuppel. Den Akzent des Singens verschob Legge weg von der Vokalakrobatik – hin auf den Text. Oder, wie Dietrich Fischer-Dieskau, der sie bewunderte, einmal sagte: „Walter Legge, ihr Mann, hat sich immer, gewiss mit rauchender Zigarette im Mundwinkel, vor sie hingesetzt, ihr den Rauch ins Gesicht gepustet und ihr Unterricht erteilt.“
Sie hat es genossen. Und setzte sich fortan sogar für Hugo Wolf, den Lieblingskomponisten ihres Mannes, emphatisch ein. Die fünf entsprechenden Alben (einschließlich des mit Fischer-Dieskau gestalteten „Italienischen Liederbuchs“) bilden einen zentralen Akzent dieser durch Remastering wieder optimal herausgeputzten Sammlung. Nebenbei: Die alten EMI-Aufnahmen – Katalogklassiker einer Firma, die aufnahmetechnisch nie die avancierteste war – klangen zuletzt bei anderen Labels oft besser (und weniger mehlstaubig) als bei der Stammfirma selbst. Das ist jetzt behoben. Besser als hier hat die Schwarzkopf nie geklungen.
Überhaupt: Was man später, sortiert nach Komponisten, gebündelt präsentierte, stellt sich jetzt – in der Chronologie der Einzelveröffentlichungen – viel tastender, stückwerkhafter, experimenteller dar. Da wird in ersten „Songs Of Love“ 1956 von Roger Quilter über Reynaldo Hahn und Tschaikowski bis zum Schweizer Käse-Lied verwegen zusammen gebunden, was kaum zusammengehört. Man befand sich eben auf Entdeckerfahrt, mit abenteuerlicher Reiseroute und offenem Ausgang. Und wirklich: Lieder von Adolf Jensen, Jean-Paul-Égide Martini, Loewe und Strawinski werden heute höchstens noch im Rahmen dramaturgisch ausgeklügelter Konzeptalben gesungen. Nicht mit der Wünschelroute, so wie hier.

Ingeniös, unvergleichlich, belächelt

Seidenfein, fragil und laserhaft fokussiert, wie ihre Stimme klang, musste sich Elisabeth Schwarzkopf mit einer Karrieredauer abfinden, deren Ende schon in den 60er Jahren absehbar wurde. Vokalverfärbungen und mancher Manierismus brachten sie in den Ruf, eine große Überkandidelte zu sein – was ungerecht war und ihre Kunstfertigkeit diskreditierte. Als strenge Lehrerin hat sie danach immer noch eine ganze Generation junger Sänger geprägt. Die erfolgreichsten waren Thomas Hampson und Matthias Goerne.
In ihrer Wohnung in Schruns (in Vorarlberg) empfing sie gern Schüler und auch Journalisten. Dass sie es nie schaffte, zu einem offeneren, einsichtigeren Umgang mit ihrer Karriere im Nationalsozialismus zu gelangen – immerhin war sie Parteimitglied, während des Krieges trat sie vor Einheiten der Waffen-SS auf –, wurde ihr bis zuletzt beharrlich vorgehalten. Gegen eine Biografie, die dergleichen zu thematisieren wagte, ging sie gerichtlich vor.
Eine ingeniöse, unvergleichliche Sängerin bleibt sie trotzdem. Übrigens hat man hier ausnahmsweise mal kein Gesamtwerk in einem Endlager entsorgt (es fehlen die Opern-Gesamtaufnahmen etc.). Sondern sich auf die großen, knapp 30 Original-Recitals beschränkt. Alles ist nicht drin. Man vermisst etwa die Lieder von Nikolai Medtner (begleitet vom Komponisten). Und doch muss sich neben der Fülle an Herrlichkeiten der Schwarzkopf vieles immer noch klaglos verstecken.

Neu erschienen:

Elisabeth Schwarzkopf: The Complete Recitals 1952 – 1974 (31 CDs)

Elisabeth Schwarzkopf

Warner

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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