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Weihnachten

Hoffnung für die Blockflöte

Nicht jedes Wiedersehen mit alten Bekannten mündet in Seligkeit – nicht mal auf CD. Wir flanieren durch die Neuheiten zum Fest.

Wenn es ein Symbol für die musikalischen Abgründe des Weihnachtsfestes gibt, so ist es die Blockflöte. Finden doch die Mehrzahl der (meist erzwungenen, manchmal auch gutwilligen) Beiträge auf diesem zu Unrecht als Anfängerinstrument stigmatisierten Holzbläser statt. Eine veritable Ehrenrettung gelingt dieses Jahr Michala Petri, deren Spiel sich so geschmackvoll und melancholisch mit dem noblen, warmen Klang des Danish National Vocal Ensemble (Our) mischt, dass man alle Ressentiments sofort vergisst und genießt – eine erfreuliche Wiederbegegnung mit einer alten Bekannten! Im Falle von Plácido Domingo ist dieses Wiedersehen nicht ungetrübt, obwohl er sich für seine Weihnachts- Evergreens ein echtes Staraufgebot (Helene Fischer!) eingeladen hat – die hochkalorischen Arrangements und „Wawa“-Chöre sind einfach too much. (Sony). Dasselbe gilt auch für Fritz Wunderlich vor der Spinnenfingerbarock-Tapete von Karl Richters Münchnern; allein der zeitliche Abstand und ein Herz für Sentimentalität (wir gestehen!) punkten für ihn (DG). Hier halten wir’s aus, die Berliner Philharmoniker mit u. a. Karajan wollen wir mit Muffat und Praetorius aber auf gar keinen Fall hören! Das ist nicht wärmend nostaligsch, sondern einfach nur von gestern. (DG) Mehltau liegt auch auf dem Beitrag der Wiener Sängerknaben: Der unscharfe bis unsaubere, metallische Knabenchorklang in großer Besetzung verwundert! Wie kann man so junge Stimmen so ältlich verpacken? (DG)
Wir verlassen die ins Breite konzipierten Sampler zur Drüsenmassage und schauen, was andere Chöre so anbieten. Ein „wunderbares Mysterium“ in doppelter Hinsicht ereignet sich mit Renaissance-Motetten auf dem neuen sternenklar und strahlend gesungenen Album von Stile Antico (hm). Selig taucht man dann ins Dunkel der Chorsätze, die der Dresdner Kammerchor unter Hans Christoph Rademann aus den verborgensten Winkeln der Romantik gehoben hat (Carus). Und der NDR Chor unter Philipp Ahmann nimmt drei Versionen von „Es ist ein Ros entsprungen“ (Praetorius, Berg, Distler) als Leitstern, der bis in die angenehm kühlen Weihnachtssätze des 20. Jahrhunderts führt. (Es-Dur). Distler begegnen wir dann noch einmal in Gänze, in seiner „Weihnachtsgeschichte“ op. 10 mit dem Athesinus Consort Berlin unter Klaus-Martin Bresgott, in neuer Urtext-Fassung: Endlich eine empfehlenswerte Neuaufnahme des so wundersam zwischen Tradition und Moderne, archaisch offenen Quinten und Sekundreibungen schillernden Chor-Oratoriums. Auch Ottorino Respighi reflektiert das Alte im Neuen in seinem 1930, also vier Jahre früher uraufgeführten Oratorium „Lauda per la Natività del Signore“. Dabei legt er den Schwerpunkt auf die mit Holzbläsern eingefangene Sphäre der Hirten, durch die in der blitzsauberen Aufnahme mit dem Rundfunkchor Berlin und dem Polyphonia Ensemble Berlin unter Nicolas Fink ein frischer, frühmorgendlicher Hauch zu wehen scheint. Anspruchsvolle Chorklassiker (Poulenc, Lauridsen, Sandström) runden die CD ab.
Und was gibt es noch? Der Carus-Verlag führt sein Lieder-Projekt fort mit zwei Alben, die über den Weihnachtsteller-Rand blicken und Weihnachtslieder aus aller Welt bieten – in erfreulich engagierten Interpretationen. Goldglanz versprüht das Ensemble Bell’Arte Salzburg unter Annegret Siedel mit Klassikern von Luther bis Bach. Die A-capella-Truppe Singer Pur, deren phänomenales Weihnachtsalbum „Drei Schiffe sah ich segeln“ uns noch immer begleitet, hat zu guter Letzt die Idee des Adventskalenders auf 24 Lieder umgelegt (mal unbehandelt, mal in den für sie typischen jazzharmonischen Arrangements).
Zum Abschluss eine Weihnachtsplatte zum Schmunzeln? Dieses Kunststück bringt Blechschaden mit einer CD (nicht nur) für Bayern zuwege. Neben routiniert-swingenden Arrangements vom Feinsten hat man sich noch Münchens Alt-OB Christian Uhde als Texter und Sprecher geangelt. Der steuert Nachdenkliches und Launiges bei, wie einen Rundumschlag durch die Tannenbäume (und Mentalitäten) aller Herren Länder. Ein erholsam unzeitgemäßes wie erfreuliches Wiedersehen – gerne ab jetzt: alle Jahre wieder …

Neu erschienen:

„Let The Angels Sing“ (SACD)

Danish National Vocal Ensemble, Michala Petri

Our/Naxos

„My Christmas“

Plácido Domingo, Helene Fischer, The Piano Guys u.a.

Sony

Das Weihnachtsalbum

Fritz Wunderlich, Hermann Prey u.a.

DG/Universal

„The Christmas Album“

Berliner Philharmoniker

DG/Universal

„Frohe Weihnachten“

Wiener Sängerknaben, Rolando Villazón u.a.

DG/Universal

„A Wondrous Mystery“, Weihnachtliche Chormusik der Renaissance

Stile Antico

hm

„O heilige Nacht“

Dresdner Kammerchor, Hans-Christoph Rademann

Carus/Note 1

„Es ist ein Ros entsprungen“

Chor des NDR, Philipp Ahmann

Es-Dur/Edel

Hugo Distler

Die Weihnachtsgeschichte op. 10, Motetten

Athesinus Consort Berlin, Klaus-Martin Bresgott

Carus/Note 1

Ottorino Respighi

„Lauda per la Natività del Signore“

Rundfunkchor Berlin, Polyphonia Ensemble Berlin, Nicolas Fink

Carus/Note 1

„Weihnachtslieder aus aller Welt“

Calmus Ensemble, Athesinus Consort Berlin, Klaus-Martin Bresgott

Carus/Note 1

„Himlische Weyhnacht – von Luther bis Bach“

Bell’Arte Salzburg, Annegret Siedel

Berlin Classics/Edel

Der Adventskalender, 24 Lieder zum Advent

SingerPur

Oehms

„Weihnachten mit Blechschaden“

Christian Uhde, Blechschaden

Sony

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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