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René Jacobs

Die beste aller Mozart-Welten

Mit der „Entführung aus dem Serail“ komplettiert René Jacobs seinen überragenden Mozart-Zyklus – als „Hör-Theater“.

Was ist das Geheimnis des epochalen, jetzt komplett vor uns liegenden Mozart-Zyklus von René Jacobs? – Hat er es irgendwie besser gemacht? Nein. Die „Entführung“, vorläufiger Schlussstein der seit 1998 entstandenen Serie, wird nicht einfach historisch informierter oder lebendiger musiziert als sonst – und ist auch nicht grundsätzlich besser besetzt. Sie ist: ein Update. Sogar mit Verfallsdatum! Genau darin liegt der Geniestreich des belgischen Revoluzzers, der statt Baton einen Bleistift benutzt und beim Dirigieren bekanntlich aussieht, als wenn ein Exzentriker Wäsche aufhängt.
Jacobs stellt bei Mozarts „Entführung“ eine „Hörspiel-Version“ vor. So sagt er selbst im Booklet. Weil zum Beispiel in Konstanzes berühmter „Martern-Arie“ die bedrohliche Gegenwart Bassa Selims nur auf dem Theater sichtbar ist, lässt er den Darsteller mehrfach ins Vorspiel der Arie hineinreden. Geräusch- Effekte wie Vogelzwitschern und die Peitsche Osmins verfolgen Prinzipien weiter, wie sie Jacobs ähnlich bereits bei der „Zauberflöte“ angewandt hatte. Das ist durchaus streitbar, gewöhnungsbedürftig und frech. Aber so ist der Typ eben.
„Eher subversiv“ nennt sich Jacobs schon lange. Er ist der wahrscheinlich wichtigste Dirigent der Welt, der noch niemals die Berliner Philharmoniker dirigiert hat. Der Mann, der nie Dirigent werden wollte, sondern immer nur Sänger, schloss eine achtbare Karriere als Countertenor ab, bevor er sich, gewappnet mit Stapeln von Büchern, seit 1982 über vergessene Opern von Cesti, Cavalli und Telemann hermachte. So arbeitete er sich langsam bis in die Frühklassik vor. Ist gelegentlich sogar bis zu Rossini vorgedrungen. Und träumt von nichts mehr als davon, endlich mal Verdis „Falstaff“ aufzuführen.

Entdeckungswert der Mozart-Opern

„Aber ich komme doch nicht dazu“, räsoniert er. „Warum? ‚Falstaff’ ist zu teuer.“ Die Oper sei grundsätzlich „ein Karussell der Eitelkeiten“. „Wenn es darum geht, ein Spezialensemble in voller Stärke für ein solches Stück zu engagieren, stellen sich in jedem Opernhaus rein ökonomische Fragen.“ Gottlob hatte Jacobs indes mit der harmonia mundi France stets eine topsolide Schallplattenfirma hinter sich, die zwar nicht alle, aber doch etliche seiner wichtigsten Projekte auf CD herausbrachte. Dass ausgerechnet mit Blockbustern wie den großen Mozart-Opern ein solcher Entdeckungswert verbunden sein würde, haben aber selbst Optimisten nicht geahnt.
Auch bei seiner „Entführung“ hat Jacobs von akademischen Recherchen profitiert. Bevor die Sänger einsetzen, gibt es in der Neuaufnahme, so wie es auf dem Theater des 18. Jahrhunderts üblich war, improvisierende „Präambeln“ auf dem Hammerklavier zu hören. Also ein kurzes pianistisches „Vorgeplänkel“. Tricks und kleine Tücken, welche – wenn man die akustischen Hintergrund-Effekte einrechnet – ein wenig jenem Verfahren ähneln, das bereits in den 60er Jahren der britische Schallplattenproduzent John Culshaw bei Soltis Gesamtaufnahme von Wagners „Ring des Nibelungen“ anwandte. Schon damals war eine Art „Hörtheater“ das Ziel. Und schon damals gelang eine Jahrhundert-Produktion.
Schließlich aber legte Jacobs – wie schon in früheren Produktionen – Wert auf leichtere Stimmen als man dies gewohnt ist. Die Amerikanerin Robin Johannsen vermag in der – verdammt schwer zu besetzenden – weiblichen Hauptrolle mit einem schwerelos positiven Jubelsopran sogar naive Triumphtöne und eine hymnische Zuversicht in die berüchtigte „Martern- Arie“ zu legen. Das hörte man nie so! Der Grund für die Besetzung liegt darin, dass Mozarts Uraufführungs-Konstanze, Caterina Cavalieri, eben „keine dramatische Koloratursopranistin“ war, so Jacobs im Beiheft. Sondern ein leichteres Geschütz. So gelingt es Robin Johannsen, weit besser abzuschneiden als die (weit berühmtere) Diana Damrau – in der parallel erschienenen Gesamtaufnahme unter Yannick Nézét-Séguin (Deutsche Grammophon).
Leichtfüßig setzt sich Jacobs’ Neuaufnahme an die Spitze der gesamten „Entführungs“- Diskografie. Maximilian Schmitt gibt einen beweglich- jugendlichen Belmonte, Julian Prégardien einen vokal verlässlichen „Angsthasen“ Pedrillo. Dimitry Ivashchenko ist ein bärbissig komischer Osmin – kein wagnerisierendes Schreckgespenst. Kleine Einschränkung: Mari Eriksmoen gibt dem Blondchen zwar ein piepsiges Püppchengesicht. Der höchste Ton in ihrer Arie „Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln“ klingt aber selbst hier, unter Studiobedingungen, aufgesteckt und unfrei.
Wichtigerer Einwand: Warum spricht Cornelius Obonya den Bassa Selim mit verstellter Stimme, türkisierend? Der Grund liegt darin, dass Jacobs den kolonialen Blick menschlich ‚brechen’ wollte, indem er dem Bassa kein ehernes Burgtheater-Deutsch in die Kehle legt. Hier kommt das Gegenteil dabei heraus: eine Türken- Karikatur, wie sie im Buche steht.
Trotzdem ist die Gesamtaufnahme ein Wurf! Ja, mehr als das: Man betritt die beste aller aktuellen Mozart-Welten auf Erden. Lange hatte Jacobs den Mut für die „am schwierigsten zu besetzende Mozart-Oper“ nicht gefunden. Das Zögern hat sich gelohnt.

Neu erschienen:

Wolfgang Amadeus Mozart

Die Entführung aus dem Serail

Robin Johannsen, Mari Eriksmoen, Maximilian Schmitt, Julian Prégardien, RIAS Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs

hm

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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