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Jean Sibelius

Der Komponist, den Dirigenten lieben

Ein Blick auf den Gabentisch der Industrie zum 150. Geburtstag des finnischen Nationalkomponisten.

Wie sinnvoll Jubiläumsjahre in der Klassikbranche sind, hängt vor allem vom Ah!-Faktor ab. Werden nur die immer gleichen Werke auf die immer gleiche Weise durchgekaut und auf den Markt geworfen, sind sie überflüssig wie ein Kropf. Ein richtiges Geburtstagsgeschenk sorgt dafür, dass die Musikwelt Neues kennenlernt und Bekanntes in neuem Licht sieht.
Wie sieht es diesbezüglich bei unserem Er-lebe-hoch-Kandidaten für 2015 aus? Rein quantitativ gar nicht so übel, da schnitt der allseits geliebte Verdi im vorletzten Jahr deutlich schlechter ab. Doch leider wurde auch bei Sibelius weitgehend die Chance vertan, den 150. Geburtstag zur Entdeckung seiner wenig bis gar nicht bekannten Seiten zu nutzen.
Das größte, in jeder Hinsicht gewichtigste Präsent gab es schon vorab. Bereits 2011 schloss das schwedische Label BIS mit der Veröffentlichung der letzten beiden Boxen seine 13-teilige Sibelius-Edition ab, die wirklich jedes seiner Werke enthält – und das in durch und durch idiomatischen Interpretationen, mit Osmo Vänskä und Neeme Järvi als Hauptbeteiligten und Aushängeschilder.
Auch Naxos erweist sich als einfallsreicher Gratulant, bringt dieses Jahr in sechs Einzelfolgen Sibelius’ Bühnen- und Schauspielmusiken heraus, die bei Leif Segerstam und dem Turku Philharmonic Orchestra wunderbar Zeit und Raum bekommen, ihre vielfältigen Farben zu entfalten.
Das Gros der (Wieder-)Veröffentlichungen gilt aber natürlich den Sinfonien, mit denen man den Finnen hauptsächlich assoziiert. Da ist an erster Stelle Leonard Bernsteins Zyklus mit den New Yorker Philharmonikern aus den 60er Jahren zu nennen, denen Sony ein Remastering gegönnt hat, das diese Aufnahmen noch präsenter und frischer klingen lässt. Es sind nach wie vor die verführerischsten, weil glühendsten Interpretationen (auch wenn sie gewiss nicht sehr „finnisch“ daherkommen), die sich mit ihrem Espressivo am deutlichsten von allen übrigen Versionen abheben. Obwohl Lenny den Hörer auf gewisse Weise verdirbt, ist er doch auch ein idealer Türöffner für diejenigen, die ihre westeuropäischen Ohren erst noch mit Sibelius’ musikalischer Sprache vertraut machen müssen.

Ebenfalls bei Sony erschienen sind die Sibelius- Einspielungen von Eugene Ormandy mit dem Philadelphia Orchestra. Zwar fehlen die Dritte und die Sechste zum vollständigen Zyklus, dafür finden sich die 1., 2. und 7. Sinfonie (wie auch das Violinkonzert) jeweils in doppelter, mit 15 Jahren Abstand entstandener Ausfertigung. Trotz der reizvollen Vergleichsmöglichkeit sind diese eher plakativen, mit breitem Pinselstrich entworfenen Interpretationen aber durchaus verzichtbar.
Einen direkten Vergleich ermöglicht auch Simon Rattle: Warner bietet seinen wieder einmal neu gewandeten Zyklus mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra gerade enorm günstig an, gleichzeitig haben die Berliner Philharmoniker auf ihrem eigenen Label die im vergangenen Winter mitgeschnittene Konzertreihe mit allen Sinfonien herausgebracht, wie gewohnt aufwändig (und unpraktisch) verpackt. Diese neue Gesamtschau zeichnet sich durch Transparenz, Tonschönheit und exquisite Klangfarben aus, es fehlt ihr nicht an Kraft, wohl aber an Spannung und Entschiedenheit, neben gut Gelungenem (Nr. 1 & 7) steht regelrecht Enttäuschendes (Nr. 3 & 5). Da es sich hier um die teuerste Neuerscheinung des Jubiläumsjahres handelt, fällt die Entscheidung für Birmingham doppelt leicht, die Engländer sind den Berlinern technisch zwar unterlegen, spielen dafür auf der Stuhlkante sitzend.
Und dann erweisen noch zwei Landsmänner Sibelius mit neuen Gesamtaufnahmen seiner Sinfonien ihre Reverenz. John Storgårds vermittelt mit dem BBC Philharmonic (Chandos) einen ähnlich durchwachsenen Eindruck wie Rattle mit den Berlinern, da wechseln sich Licht (die Dritte, um ein Werk herauszugreifen) und Schatten (für die Vierte nimmt er sich schlicht zu wenig Zeit) ab.

Die einzige rein finnische Einspielung präsentiert BIS mit Okko Kamu am Pult der Sinfonia Lahti. In dieser fast schon unaufgeregt zu nennenden Interpretation zeigen sich exemplarisch die grundlegenden Unterschiede zwischen finnischen und ausländischen Künstlern. Während die Einheimischen Sibelius weicher, fließender, flächiger anlegen, Gegensätze eher im großen Ganzen zusammenfügen und miteinander versöhnen, tendieren Nicht-Finnen zu dramatisch geschärfteren oder auch wuchtigeren Versionen mit stärker herausgestellten Kontrasten und Steigerungen.
Einen weiter gefassten (Kennenlern-)Blick auf den Jubilar ermöglicht die DG mit ihrer „Sibelius Edition“, die auf 14 CDs zum Sonderpreis neben den Sinfonien auch einige Tondichtungen, Bühnenmusiken, das Violinkonzert, Kammermusik und Lieder in guten bis sehr guten Interpretationen bietet.
Schließlich gibt es noch zwei höchst interessante Boxen für Initiierte zu vermelden. „Great Performances“ nennt die Decca ihre Zusammenstellung seltener bzw. länger nicht mehr auf CD verfügbarer Sibelius-Aufnahmen aus den Fünfzigern. Da findet sich der remasterte Sinfonienzyklus unter Anthony Collins, eine ob ihrer ungewöhnlich flotten, fast schon rasanten Tempi durchaus faszinierende Lesart, bei der man allerdings streckenweise das Gefühl hat, dass hier einiges dieser herrlichen Musik unterschlagen wird. Eine kraftvoll ausladende Zweite mit Pierre Monteux und sieben von Birgit Nilsson prächtig prunkend dargebotene Orchesterlieder seien stellvertretend für die übrigen Trouvaillen herausgegriffen.
Noch weiter zurück in der Zeit gehen die überwiegend aus den 30er Jahren stammenden „Historical Recordings and Rarities“ von Warner. Für jeden (auch künftigen) Sibelius- Fan unverzichtbar sind die maßgeblichen Aufnahmen von Robert Kajanus, Lehrer und Förderer des Komponisten. Außerdem bekommt man mit Thomas Beecham einen weiteren leidenschaftlichen Sibelius- Verfechter zu hören – und den Komponisten selbst mit seinem „Andante festivo“.
Mit einem ganz besonderen Geburtstagsgeschenk wartet Arthaus auf: Auf fünf DVDs bzw. drei Blu-rays sind Hannu Lintu und das Finnische Radiosinfonieorchester akustisch wie optisch im neuen Konzerthaus Musiikkitalo in Helsinki zu erleben, authentischer und idiomatischer geht’s nicht. Zudem erhält man vom Dirigenten umfangreiche Einführungen in die Werke und in der Kurzfilm-Serie „Sort Of Sibelius“ mit Kaija Saariaho als Kommentatorin eine kunstvolle Demontage des Mythos Sibelius.
Gekrönt wird das Jubiläumsjahr zweifellos von Volker Tarnows Biografie bei Henschel, mit der jetzt endlich auch auf Deutsch ein fundierter, sehr gut lesbarer Abriss über Sibelius’ Leben und Wirken verfügbar ist.

Neu erschienen: Sinfonien 1 - 7

Leonard Bernstein, New York Philharmonic

Sony

Simon Rattle, City of Birmingham Symphony Orchestra

Warner

(4 CDs, 1 Bluray Audio, 1 Bluray Video)

Simon Rattle, Berliner Philharmoniker

BPhil Recordings

John Storgårds, BBC Philharmonic

Chandos/Note 1

Okku Kamu, Lahti Sinfonieorchester

BIS/Klassik Center Kassel

5 DVDs oder 3 Blurays, Konzertmitschnitte inkl. Einführung und Kurzfilm

Hannu Lintu, Finnisches Radio-Sinfonieorchester

Arthaus/Naxos

Bühnen- und Schauspielmusiken in 6 Einzelfolgen

Leif Segerstam, Philharmonisches Orchester Turku

Naxos

Sibelius Edition (14 CDs)

DG/Universal

„Sibelius – Great Performances“ (11 CDs)

Decca/Universal

„Sibelius – Historical Recordings and Rarities“ (7 CDs)

Warner

Bereits erhältlich:

Sibelius-Edition (Sämtliche Werke), darin Vol. 12: Sinfonien 1 – 7

Osmo Vänskä, Pekka Kuusisto, Lahti Sinfonieorchester

BIS/Klassik Center Kassel

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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