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Max Emanuel Cencic

Generation Golf

Dem Countertenor gelingt mit „Arie Napoletane“ sein vielleicht bestes Album. Und das will etwas heißen.

Wann genau sich die Riege ernstältlicher Herren, die früher das Fach des Countertenors bedienten, in eine Voliere von Paradiesvögeln verwandelt hat, das wäre noch einmal eine Aufgabe für Kulturhistoriker. Die Granden der Vorzeit, etwa Alfred Deller und Paul Esswood, ahnten noch nichts davon. Dagegen deuten die rotgüldenen Brokat-Blumenmuster, die Max Emanuel Cencic auf den Fotos seiner neuen CD trägt, eindeutig in Richtung Exot. Er war auch schon einmal im Glitzerperlen- Hemd, mit Turban und Kajal-Strich zu sehen. Die Welt ist bunter geworden. Je ernster Cencic auf den Covern seiner CDs blickt, desto barock-sinnenfroher ist sein Gesamt-Outfit geworden.
Passt durchaus zur Sache. Während man früher dachte, die Kastraten hätten zu ihrer Zeit nur Männerrollen mit ein paar mehr hohen Tönen ausgestattet, haben wir heute gelernt, dass manche Barock-Oper im 18. Jahrhundert einem historischen Travestie- Schuppen glich – so viele Männer in Frauenkleidern gaben sich darin die Ehre. Zum Beispiel in „Artaserse“ von Leonardo Vinci. Womit wir bereits im Bereich jener neapolitanischen Opern gelandet sind, denen sich Cencic auf seinem neuen Album widmet. Diesmal ausschließlich in Männerrollen. Von seinen sehr zahlreichen CDs ist es, man kann sagen: seine Beste.
Nicht nur die cremig-körnige Stimme, die Cencic virtuoser denn je zum Einsatz bringt, haucht Trillern, Tricks und Traumtänzen dieser Arien unerhörtes Leben ein. Cencic ist der zurzeit ‚kompletteste’ aller bekannten Countertenöre. Das bedeutet: Er vermag es, die Bravourarien eben nicht nur als pyromanisches Wetterleuchten, als oberflächliche Trapezkünste in luftiger Höhe auszugeben, sondern ihnen ein Maß an Durchgeformtheit zu verleihen, das zu hören wahrlich eine Freude ist.

Ka(st)rate Kid

vor Jahren verglich Cencic in einem RONDO-Gespräch die Schule der Kastraten, an die er anknüpft, mit der Ausbildung in einem Shaolin-Kloster – wo es ja auch keineswegs nur um sportliche Finesse, sondern um geistige Reife und Weisheit geht. Die Tatsache, so Cencic damals, dass die Kastraten sich seinerzeit einer höchst gefährlichen und schmerzhaften Operation unterziehen mussten, bedeute nicht, dass dieser Eingriff überhaupt nötig gewesen sei.
„In Wirklichkeit sind 90% der Operationen schief gegangen. Die meisten Sänger haben ihre Stimme verloren – und waren behindert.“ Countertenöre, und das belegt der heutige Boom, waren ausbildbar. „Beim Countertenor dreht sich alles um Elastizität“, so Cencic. Und elastischer als bei ihm, so darf man sagen, hat dieser Stimmtypus nie geklungen.
Nun also auch im Neapolitanischen. Sagenhafte zehn Arien des neuen Albums sind Weltersteinspielungen. Der Ehrgeiz heutiger Alte Musik-Sänger, das geht auf einen von Cecilia Bartoli eingeführten Brauch zurück, zielt darauf, der oder die Erste zu sein beim Wiederentdecken. Gleich mehrere Musikwissenschaftler beschäftigt Cencic beim Durchstöbern staubiger Archive. Dass ein ganzer Traditionsstrang dabei zutage tritt, ist nicht die Regel.

Brutstätte für Sänger-Stars

„Die neapolitanische Schule“, so Cencic, „zeichnet sich dadurch aus, dass hier die Opera seria erstmals von der Komödie geschieden wurde.“ Dass also nicht mehr, wie noch bei Cavalli, Keiser und Telemann, zwischen tragischen Konflikten ein paar lustige Personen herumspringen. Sondern dass Tragödie und Posse ‚sauber’ voneinander getrennt werden, so wie es der ‚Vater der opera seria’, der Librettist Pietro Metastasio, etablierte.“ Noch Mozart vertonte mit „Titus“ ein älteres, bestehendes Libretto des berühmten Mannes, dessen offenes Grab im Keller der Michaelerkirche zu Wien man heute noch besuchen kann.
Der Grund für jene innovative Aufspaltung bei neapolitanischen Komponisten wie Nicola Porpora, Leonardo Vinci und Leonardo Leo lag übrigens darin, dass sich die Tradition eines vermischten Stils in Venedig, damals einer Hauptstadt der Oper, bereits verbraucht hatte. Auch die Form der Arie wandelt sich bei den Neapolitanern. „Außerdem etablierten sich mit den Konservatorien in Neapel neuartige Brutstätten für Generationen von Sängern und Musikern.“ Daher, so Cencic, „landeten die neuen Opern mit solcher Wucht“.
Vor Cencic hatten sich vor allem Cecilia Bartoli (in „Sacrificium“) und auch Riccardo Muti bei den Salzburger Festspielen für die ‚kleinen’ Neapolitaner des Opernfachs eingesetzt. Ihrem wohl wichtigsten Vertreter, Nicola Porpora, widmete der argentinische Countertenor Franco Fagioli, von Cencic gut beraten und gleichfalls mit dem Ensemble „Il Pomo d’Oro“, unlängst ein Album. Übrigens, grundsätzlich: Gute Vokal- Recitals lassen sich meist schon an der Qualität der Begleitensembles erkennen. „Il Pomo d’Oro“, hervorgegangen aus Teilen des Ensembles „Il complesso barocco“ (des verstorbenen Alan Curtis) wird von Maxim Emelyanychev, sonst Cembalist des Ensembles, rasant gepiekst und gekonnt zur Weißglut gebracht.

Zweimal Karriere

Cencic wiederum, geboren 1976 in Zagreb, begann einst als singendes Wunderkind. Im Fernsehen sang er den „Erlkönig“ und die „Königin der Nacht“ – als Knabensopran. Frühe Tourneen führten ihn bis nach Japan. Erfolge, an die er in Österreich bei den Wiener Sängerknaben anknüpfen konnte. Georg Solti, der ihn in seiner Gesamtaufnahme von Mozarts „Zauberflöte“ einsetzte, lobte ihn als besten Knabensopran, den er je gehört habe. Als der Stimmbruch kam, musste Cencic gewiss auch ein leichtes ‚Zirkuspferdchen- Syndrom’ überwinden – nicht untypisch für ehemalige Wunderkinder, die so früh in der Manege gestanden haben. Er brauchte Abstand. Und baute seine Stimme aus zum Countertenor.
„Wenn Sie aufhören, Sopran zu singen, schauen Sie immer noch, ‚wie hoch komme ich‘“, meint er rückblickend. Das erste Album im neuen Fach erschien 2003 – mit traumschönem Timbre bei Kantaten von Domenico Scarlatti. Seitdem folgten Platten in schönster Regelmäßigkeit, einschließlich Gesamtaufnahmen wie Händels „Faramondo“, „Rodrigo“ und „Fernando“. Jüngere Aufnahme-Projekte wie Vincis „Catone in Utica“ und Hasses „Siroe“ wurden von ihm selbst mitinitiiert. „Es gibt nicht genug!“, sagt er schlicht. „Wenn man gute Projekte realisiert, wird man auch beim Publikum offene Ohren dafür finden.“ Cencics Erfolg zeigt: Der Countertenor- Boom ist noch lange nicht zu Ende. Er hat gerade erst angefangen.

Neu erschienen:

Arie Napoletane

Max Emanuel Cencic, Il Pomo d´Oro, Maxim Emelyanychev

Decca/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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