Startseite · Künstler · Gefragt

Dobrinka Tabakova

Vergangenheit mit Folgen

Seit ihrem elften Lebensjahr lebt die Bulgarin Dobrinka Tabakova in London. Also mittlerweile zwei Drittel ihres Lebens. Und in dieser Zeit hat die heute 33-Jährige nicht nur an den renommierten Musik-Colleges Komposition, Klavier und das Dirigentenhandwerk studiert. Den letzten Feinschliff bekam sie in Meisterklassen selbst von den radikalen Antipoden John Adams und Iannis Xenakis. Die musikalisch westliche Sozialisation hört man dementsprechend Tabakovas äußerst umfangreichem und mit Preisen ausgezeichnetem Werkkatalog mehr als nur vordergründig an. Aufgepeitscht von minimalistischem Furor zieht etwa der Solist in ihrem Cellokonzert seine Bahnen. Und auch das Streicherseptett „Such Different Paths“ entwickelt über rhythmisches Dauerpulsieren einen geheimnisvollen Sog.
Schon diese beiden Stücke deuten an, dass hier eine zeitgenössische Komponistin nicht mit dem Kopf durch die Neue Musik-Mauer will, sondern wachrüttelnde Energien auch aus tonalen Reibungen zu erzeugen versteht. „Meiner Meinung nach kann jeder Komponist etwas Neues schaffen, wenn er sich Vertrautem einfach aus einem anderen Blickwinkel nähert.“ Dieser Satz sagt einiges über Tabakovas unverkrampftes Verständnis von aktueller Musik aus. Und damit ist sie nicht zuletzt bei Gidon Kremer auf offene Ohren gestoßen, der die Komponistin etwa bei seinem Lockenhaus-Festival protegiert hat. Dort hörte auch der Gründer des ECM-Labels, Manfred Eicher, ihre neoklassizistische „Suite In Old Style“ und fasste daraufhin den Plan, Tabakova eine Porträt-CD zu widmen.
Nun ist sie erschienen: Die allesamt weltersteingespielten Stücke stammen aus dem Zeitraum 2002-2008. Und bereits zu Beginn wird einem bei dem tiefmelancholischen Streichtrio „Insight“ klar, warum Dobrinka Tabakova von den Schnittke- und Kancheli-Fans Kremer und Eicher in ihren Seelenverwandtenkreis aufgenommen worden ist. Denn wenngleich sie seit 22 Jahren in London zuhause ist, ist ihre osteuropäische Herkunft unüberhörbar geblieben. Und so sind es diese archaische Askese sowie meditative Strenge, die das eigentlich faszinierende HerzRhythmus-System von Tabakovas Musik bilden.

Dobrinka Tabakova

String Paths

Rysanov, Jansen, Lithuanian Chamber Orchestra u.a.

ECM/Universal

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2013



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Bill Frisell

Die Welt hinter den Saiten

Über 60 und ein bisschen weise. Der Gitarrist, vor 30 Jahren als Jazz-Avantgardist gefeiert, […]
zum Artikel »

Gefragt

Bruno Monsaingeon

Nahaufnahmen

Im Dezember feierte der Geiger, Dirigent, Musikschriftsteller und Filmemacher seinen 70. Geburtstag […]
zum Artikel »




Top