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Vokal total

Im Sommer 1953 ging „Der Ring des Nibelungen“ zweimal über die Bühne des Bayreuther Festspielhauses, mit identischen Besetzungen bis auf zwei entscheidende Positionen: Brünnhilde und Dirigent. Während im August Astrid Varnay und Clemens Krauss zum Einsatz kamen, übernahmen beim Juli-“Ring“ Martha Mödl und Joseph Keilberth diese Parts. Beide Zyklen wurden mitgeschnitten, beide waren großartig – der erste allerdings noch ein bisschen großartiger. Und das liegt an den Besetzungsvarianten. Die gewiss beeindruckende Astrid Varnay bleibt gegen eine Martha Mödl at her very best einfach nur zweite Wahl. Mödls warmer, satter, ruhiger Ton, ihre großen, weiten Bögen, ihre deklamatorische Prägnanz lassen eine Brünnhilde für die Ewigkeit entstehen. Und Keilberth ist schlicht der noch bessere Sängerdirigent, atmet und phrasiert mit ihnen, dass es eine Wonne ist. Wobei auch die übrige Besetzung für reichlich Wonnen sorgt: ob der am Anfang seiner Siegfried-Karriere stehende Wolfgang Windgassen, Hans Hotter als Göttervater in absolut bestechender, seinen (später oftmals übertriebenen) Ruhm durch und durch rechtfertigenden Form oder der unvergleichliche, unerreichte Alberich von Gustav Neidlinger. Das alles in sehr guter Tonqualität, mit fantastisch direktem Klang eingefangen – ein Must-have.

Pan Classics/Note 1

Mozart aus Baden-Baden die Dritte. Nach einem begeisternden „Don Giovanni“ und einer mehr als entbehrlichen „Così fan tutte“ nun also „Die Entführung aus dem Serail“ mit dem Gespann Yannick Nézet-Séguin (der hier wieder zu seiner „Giovanni“-Form aufläuft) und Rolando Villazón. Der Mexikaner hinterlässt hier – trotz streckenweise unruhiger Stimmführung und etlicher gepresster oder auch matter Töne – den bisher besten Eindruck, das Problem bei ihm ist, dass er kein lyrischer Tenor (mehr) ist, sondern einer, der durch seinen emotionalen Totaleinsatz in zu dramatischen Partien die Stimme nachhaltig beschädigt hat und nun gezwungen ist, das durch „Runterfahren“ auszugleichen. Diana Damrau steht alles zu Gebote, was man für die Konstanze braucht, man wünscht sich lediglich einen Schuss mehr Wärme. Anna Prohaska steuert eine sehr gut gesungene, aber absolut uncharmante Blonde bei. Dazu gesellen sich der frische, unverkrampfte Pedrillo von Paul Schweinester und Franz-Josef Seligs schlanker, beweglicher Osmin.

DG/Universal

Gleich drei Tenöre müssen für Rossinis „Otello“ aufgeboten werden, schon für führende Häuser keine leichte Aufgabe. Umso erstaunlicher, was (bzw. wen) die Opera Vlaanderen da im Februar 2014 auf die Bühne brachte. Gregory Kunde beispielsweise, der mit der Titelrolle seinen 60. Geburtstag feierte. Die Stimme ist mittlerweile zwar etwas behäbiger und hier und da ein bisschen leierig, aber nach wie vor absolut höhensicher und in insgesamt beeindruckendem Zustand. Robert McPherson bringt für den Iago irritierenderweise die leichteste, hellste der drei Tenorstimmen mit, Maxim Mironov behauptet sich als Rodrigo einmal mehr als perfekter Rossini-Tenor, er liefert sich mit Kunde im 2. Akt ein packendes Vokalduell, bei dem keiner dem anderen etwas schenkt. Mehr als enttäuschend dagegen die flackernde, unruhige Desdemona von Carmen Romeu – so darf eine 30-Jährige nicht klingen!

Dynamic/Naxos

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 5 / 2015



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