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Café Imperial

Wenn ich richtig zähle, war „Der fidele Bauer“ mein 18. Besuch am Stadttheater Baden. Und das fast beste Stück! Die Operette von Leo Fall beschreibt für den Helden den Aufstieg vom Landei zum Professor – samt Psycho-Komplex über die abgestreifte Herkunft aus der Provinz. Dass der bäuerliche Vater am Ende trotzdem fidel bleibt und sich mit dem Sohn wieder versöhnt, ist auf die goldene Lebens-Devise zurückzuführen: „Jeder tragt sein Pinkerl/Und steht mal im Winkerl“ (für Nicht-Österreicher: „Jeder trägt sein Päckchen/Und steht mal abseits …“). Und auf die Sopran-Versöhnungskünste von Iva Schell als Friederike! Ein Erfolg wurde das Werk 1907 durch das unsterbliche „Heinerle, Heinerle, hab’ kei Geld“. Tatsächlich, so wirtschaftlich getröstet und auf Anspruchslosigkeit getrimmt wie hier verlässt man selten eine Aufführung. Muss noch extra betont werden, dass die beiden Badener Helmer&Fellner- Spielstätten, Sommerarena und Stadttheater, zu den schönsten Bühnen überhaupt gehören?! Nein, das ist klar.
Im Wiener Café Imperial sind die Sommer- Tische inzwischen wieder abgebaut. Je mehr die Menschen sich wieder verhüllen, desto virulenter wird die Bedeutung von ‚Barihunks’ und ähnlichen erotischen Paraphänomenen in der Oper und der Klassik-Welt insgesamt (siehe barihunks.blogspot.de). Den Tenören wird echte Erotik ja immer nur nachgesagt. Schon bei Pavarotti, der vermutlich erotischsten Stimme seines Fachs, ging die Liebe indes vor allem durch den Magen. Wenn Mozart oder Tschaikowski keinen Hänfling oder Schwächling, sondern einen gestandenen Mann komponieren wollten, dann wählten sie dafür selbstverständlich einen Bass-Bariton. Christopher Maltman, auf europäischen Bühnen – wie diesen Sommer bei den Salzburger Festspielen – fast nur mit freiem Oberkörper zu sehen, ist als Eugen Onegin im Repertoire der Staatsoper ein Paradebeispiel (25., 28.10., 2., 5.11., mit Anna Netrebko). In „Don Giovanni“ am selben Haus (22., 26., 30.10., 1.11.) machen einander Mariusz Kwiecien (als Don) und Erwin Schrott (Leporello) die sinnlichen Objekte streitig. Wer’s weniger erotisch explizit wünscht, geht besser ins Konzert. Im Musikverein muss man über die erotischen Qualitäten eines Manfred Honeck (20./21.10.), Charles Dutoit (4.–6.11., jeweils mit Wiener Symphonikern), Herbert Blomstedt (24./25.10., mit Wiener Philharmonikern) oder Franz Welser-Möst (27.–29., 31.10., mit Cleveland) nicht lange diskutieren. Im Konzerthaus über sinnliches Potential von Valery Gergiev (12./13.10., mit London Symphony) und Daniel Barenboim (15./16.11., mit Wiener Philharmonikern) auch nicht. Sie alle schlagen physisch – pardon! – mehr so ins Tenor- Fach.
Was gibt’s Neues von der weiblichen Erotik- Front? Marisol Montalbo („American Lulu“) wird von Cornelius Meister zu Gaste geladen (Konzerthaus, 5.11.), Davin Zinman kommt mit Janine Jansen (9./10.10.) und Paavo Järvi mit der argentinischen Cello-Bombe Sol Gabetta (7.11., mit Orchestre de Paris). Im Musikverein vereinigt Khatia Buniatishvili alle Erotik dieses Zeitraums auf sich (13.10., 24.11.). In der Oper gehen die Sinnengelüste eigentlich grundsätzlich eher vom Mezzo- Sopran aus; siehe Elīna Garanča, die (nach familienbedingter Auszeit) als Charlotte zum Staatsopern-„Werther“ zurückkehrt (11., 14., 16., 20.11.). Was spricht gegen erotische Soprane? Gar nichts. Nur sind die klinischen Spitzentöne, wenn sie nicht gerade so russisch umdunkelt sind wie bei Anna Netrebko im „Eugen Onegin“ (s. o.), meist spitz und unpersönlich. Dass meist die Soprane Hauptrollen singen, spricht eher dafür, dass die Oper eine Sublimierungs-Anstalt der Verhüllung ist – und nicht ein Hort der sexuellen Enthüllung. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2012



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