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Musikstadt

Turin

Barock, Moderne und Musik: Die piemontesische Metropole Turin ist ein Geheimtipp für kultivierte Wochenendtouristen.

Eine Überraschung. Kein Smog, und auch nicht dieser milchige Nebel, der Norditalien gern in weiches, Konturen zerfließen lassendes Licht taucht. Stattdessen Sonne, Föhn, alles scharfkantig ausgeschnitten. Gerade im Herbst besonders schön. So erweist sich die angebliche Industriemetropole Turin, als welche die Stadt im Ausland immer noch gilt, als ein Stein gewordener Traum des Barock. Planmäßig von dem später zu Italiens Königen gekrönten Herrschergeschlecht der Savoyer zu deren Ruhm ausgebaut.
1563 erklärte Emanule Filiberto Turin zur Hauptstadt. Von da an wurde eine moderne Stadt auf dem regelmäßigen Grundriss der römischen Gründung hochgezogen. Paläste, öffentliche Gebäude und Kirchen unterwarf man einem großen Masterplan, der doch mannigfaltigen architektonischen Reichtum hervorbrachte. Dreibögige Tore verbinden über Querstraßen hinweg die Häuserzeilen, viele Kilometer Arkaden laden zum Verweilen ein, wundervolle Jugendstil-Cafés, wo die Turiner Kaffeeschokolade-Spezialität Bicerin serviert wird, warten auf mit Muße ausgestattete Kundschaft.
Das Wahrzeichen der Stadt ist jedoch eine spitze Dachnadel. Die Mole Antonelliana hätte eigentlich eine Synagoge werden sollen. Doch der junge Architekt Alessandro Antonelli wollte immer höher hinaus, und der jüdischen Gemeinde ging gegen Ende des 19. Jahrhunderts schließlich das Geld aus. Die Stadt übernahm das mit 167,50 Metern damals höchste begehbare Gebäude der Welt. Heute ist das nationale Kinomuseum darin untergebracht.
Steht man an der zentralen Piazza Castello, das außen so nüchterne, innen goldstrotzende Königsschloss im Rücken, so liegt rechts die Kirche San Lorenzo von Guarino Guarini. Der Eingang unterscheidet sich kaum von den anderen Häusern. Doch im Inneren strebt der Blick unweigerlich in die Höhe. Steinerne Bänder winden sich, stützen ein fragiles Kuppelgewölbe, das auf sich immer neu nach außen stülpenden Wänden ruht. Noch übertroffen wird dieses gemauerte Wunderwerk durch die Kapelle des weltberühmten Heiligen Grabtuchs hinter dem Dom.
Links von der Piazza erhebt sich die herrlich proportionierte Fassade des Palazzo Madama von Turins genialstem Architekten Filippo Juvara, in dem die Regentinnen wohnten. Auch diese Säulen wirken wie ein gebautes Capriccio, sind nur Schein, umhüllen einzig ein großzügiges Treppenhaus, hinter dem sich ein mittelalterliches Castello auftut. Dahinter liegt, man nimmt den unauffälligen Backsteinbau kaum wahr, das Teatro Regio, eines der bedeutendsten Opernhäuser Italiens und neben der Scala und dem venezianischen Fenice, das einzige, das wirklich funktioniert. 1896 wurde eihier Puccinis „La Bohème“ uraufgeführt, 1936 brannte es ab und wurde erst ab 1967 unter dem Architekten Carlo Mollino in spacig-hippem Sixties-Ambiente wieder aufgebaut. Es wurde 1973 mit Verdis „Die sizilianische Vesper“ eröffnet, der einzigen und leider wenig erfolgreichen Operninszenierung von Maria Callas. Heute ist dort Gianandrea Noseda Musikchef.

Museen, Schlösser, Rennwagen

Schreitet man die Nordsüdachse der Via Roma bis zum Jugendstil-Bahnhof Stazione Porta Nuova hinab, passiert man die für die dreißiger Jahre obligatorische Via Triumphalis im strengen Mussolini-Stil, zwei bedeutsame Museen, die Galleria Sabauda mit ihren Herrscherbildern und europäischen Meisterwerken aus dem Erbe des Prinzen Eugen von Savoyen, aber auch die nach umfassender Renovierung kürzlich wiedereröffnete, nach Kairo und dem Britischen Museum bedeutendste Sammlung ägyptischer Kunst.
Auf der Straßenquerachse vor dem Bahnhof wiederum lässt sich nachvollziehen, wie der Autoritätsanspruch der Savoyer auch baulich das Terrain prägte. Rechts vor der Stadt liegt am Ende der Straße auf einer Anhöhe das niemals vollendete Castello di Rivoli, das Geburtsschloss der Dynastie, wo sich seit Mitte der achtziger Jahre eines in der Mischung aus barocker Architektur und moderner Malerei einzigartiges Museum für zeitgenössische Kunst befindet. Auf der anderen Seite des Turiner Talkessels, auf den Höhen über dem Po, erhebt sich die von Juvara erbaute, weithin sichtbare Grabeskirche La Superga. Dazwischen, am Flussufer, liegt noch das Lustschloss Castello de Valentino, heute ein heftig frequentierter Ausflugsort.
Turin will endlich auch auf der Kulturtourismus- Karte eine wichtigere Rolle spielen. Deshalb wurde und wird viel renoviert. So auch das ebenfalls zum (von den Savoyern „Corona delle delizie“, „Krone der Lüste“ genannten) Schlösserkranz gehörende, einst als italienisches Versailles geplante Castello Venaria Reale. Mittendrin erheben sich makellos cremefarben zwei Juvara-Juwelen, die ebenmäßige Capella San Umberto und die Galleria di Diana, ein Theater aus Licht und Stuck, einer der schönsten Räume der europäischen Baukunst.
Gar nicht so weit weg vom manieristischen Wunderwerk des Jagdschlosses Stupinigi liegt ein anderer Stein gewordener Traum, der freilich einen massiven, für Turin lebenswichtigen wirtschaftlichen Hintergrund hat: das Lingotto, die schnörkellose, durch ihre Größe beeindruckende ehemalige Fiat-Fabrik aus den zwanziger Jahren. Auf der Teststrecke auf dem Dach kann man heute flanieren, im Hotel Meridien superb wohnen, in der Pinacoteca Agnelli von Renzo Piano Highlights von Canaletto bis Modigliani bewundern.
Von Renzo Piano stammt ebenfalls der in Kirschholz gehaltene Konzertsaal Auditorio Agnelli mit seinen fiatroten AlcantaraAlcantarasesseln, den die Associazione Lingotto Musica mit tönendem Leben erfüllt. Im Oktober ist dort das Orchester aus Bologna unter seinem aufstrebenden Chef Michele Mariotti zu erleben. Dann kommen die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker, der Pianist Leif Ove Andsnes, Daniel Harding mit dem London Symphony Orchestra und Maria João Pires, das Mahler Chamber Orchestra unter Daniele Gatti mit einem Beethoven-Zyklus, oder die Tschechische Philharmonie unter Jiří Bělohlávek.
Auch das letzte verbliebene italienische Rundfunkorchester des RAI Torino tritt hier auf. Es entstand 1994 durch den Zusammenschluss der Rundfunkorchester von Turin, Rom, Mailand und Neapel und entwickelte sich bald zu einem der angesehensten Ensembles in Italien. Die ersten Konzerte wurden von Georges Prêtre und Giuseppe Sinopoli dirigiert, am Pult folgten Jeffrey Tate, Rafael Frühbeck de Burgos, Eliahu Inbal und Gianandrea Noseda. Seit November 2009 ist Juraj Valčuha Chefdirigent.
Die im Krieg zerstörte Biblioteca Nazionale Universitaria beherbergt in ihrem heutigen Ostblockambiente einen besonderen Notenschatz: 27 Bände des Privatarchivs mit mehr als 450 Werken Antonio Vivaldis, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nach langjähriger Teilung samt einer verschlungenen Odyssee aus Venedig per Zufall nach Piemont gelangten. Neben einer Vielzahl schon früh gedruckter Concerti schlummert hier eine der hinreißendsten Sammlungen italienischer Vokalmusik. Da finden sich Opern und Kantaten, Weltliches und Geistliches. Die werden gegenwärtig wissenschaftlich ausgewertet und für das Label Naïve aufgenommen.

www.lingottomusica.it
www.orchestrasinfonica.rai.it


Das Teatro Regio

wurde 1740 von dem Baumeister Benedetto Alfieri nach Planungen des Architekten Filippo Juvarra an der Piazza Castello erbaut. Nach einem Brand ist es heute ein Bühnenjuwel der Moderne, entworfen von Kultdesigner Carlo Mollino. Es galt gegenüber den großen italienischen Traditionshäusern immer als etwas moderner, frecher und mutiger. Das war auch in den letzten Jahren so, seit 2009 Gianandrea Noseda die musikalische Leitung übernommen hatte. In der laufenden Saison gibt es dort Produktionen von „Aida“, „Dido und Aeneas“, „Carmina Burana“, „Das schlaue Füchslein“, „Tosca“, „La Cenerentola“. „Carmen“ und als Rarität im April Alfredo Casellas „La donna serpente“ nach Carlo Gozzi (auch Vorlage für Wagners „Die Feen“) zu sehen.
www.teatroregio.torino.it


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2015



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