Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Marco Borggreve

Karel Mark Chichon

In Dvořáks eigener Sprache

Mit der fünften Sinfonie geht der erfolgreich gestartete Dvořák-Zyklus mit der Deutschen Radio Philharmonie nun in seine zweite Runde.

Antonín Dvořáks Musik hat einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen. Daran lassen die glühenden Worte keinen Zweifel, mit denen Dirigent Karel Mark Chichon die Klangwelten des Böhmischen Meisters beschreibt. Dass er diesen Worten auch Taten folgen lassen kann, bewies schon Anfang des Jahres seine Aufnahme der ersten Sinfonie mit der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Nach dem von der Kritik begeistert aufgenommenen sinfonischen Erstling soll sich dies in den kommenden Jahren zu einem kompletten Dvořák-Zyklus runden, der sich neben den Sinfonien auch kleineren Orchesterwerken widmet. Der Auftakt mit der eher spärlich aufgeführten Ersten war bewusst gewählt, um das Entwicklungspotenzial zu zeigen. Nicht nur im Schaffen des Komponisten, sondern ebenso für Chichons Orchester, mit dem er seinen ganz eigenen Dvořák- Klang etablieren möchte, bevor man sich den großen Brocken widmet.
Dass es nun nicht chronologisch weitergeht und erst einmal der Sprung zur Fünften folgt, war für den Dirigenten nicht nur eine logistische, sondern auch eine logische Entscheidung. Löst sich Dvořák hier doch endgültig von seinen Vorbildern. „In der Ersten hört man noch viele Anklänge an Beethoven, und die Vierte ist so wagnerisch wie es nur geht. In der Fünften aber findet Dvořák zum ersten Mal seine ganz eigene Tonsprache. Außerdem ist es ein sehr dankbares Stück, das auch dem Orchester sehr viele Möglichkeiten bietet.“ Warum man der Sinfonie dennoch eher selten im Konzertsaal begegnet, ist für Chichon nur schwer zu erklären. „Das OrOrchesterrepertoire ist natürlich unglaublich groß. Da ist es logisch, dass auch mal Werke durch den Rost fallen, die es verdient hätten, öfter auf den Spielplänen zu erscheinen. Da sind dann einfach auch wir als Dirigenten in der Pflicht, nicht immer wieder nur das Gleiche zu machen. Aber mit meiner Begeisterung für Dvořáks Fünfte bin ich nicht allein. Nehmen Sie zum Beispiel meinen Kollegen Jiří Bělohlávek. Von ihm gibt es gleich drei Aufnahmen dieser Sinfonie, das ist schon ein deutliches Statement.“

Vergleich mit den Kollegen? Ja, klar!

Gehört hat er sie alle drei und nicht nur diese. Denn auch das Kennenlernen anderer Sichtweisen ist für Chichon ein Teil der Vorbereitung. „Das ist genau wie mit den eigenen Kritiken, die angeblich auch keiner liest. Ich glaube, jeder, der sagt, er hört keine anderen Aufnahmen, ist nicht ganz ehrlich. Denn natürlich mamachen wir das alle.“ Selbstverständlich aber erst nach dem eigenen gründlichen Partitur-Studium. Nur dann kann man sich mit den Ideen anderer kritisch auseinandersetzen. Ob man diese Ideen dann aufgreift oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. „Mit Traditionen ist das so eine Sache. Sie sind wichtig, können einen aber auch gleichzeitig einengen. Man darf nicht zu sehr an ihnen festkleben, sollte sie aber auch nicht komplett ignorieren.“ Entscheidend ist für Chichon vor allem die richtige Balance. „Die Streicher müssen Präsenz haben, dürfen dabei aber auch im Fortissimo nie ihre Weichheit verlieren.“ Dafür könne man dann auch die eine oder andere dynamische Bezeichnung in der Partitur einmal etwas freier auslegen, wie es viele, vor allem tschechische Kollegen vorgemacht haben. Ein Ideal, das er nun auch in seiner eigenen Aufnahme der Fünften verwirklicht. „Ich bin stolz auf mein Orchester, weil es meiner Meinung nach noch nie so schön gespielt hat, wie auf dieser CD. Die Musikerinnen und Musiker waren mit einem unglaublichen Enthusiasmus dabei, als es darum ging, das Stück für sich zu entdecken.“ Wobei der Aufnahme auch diesmal wieder live-Auftritte vorangingen, deren positive Atmosphäre man ins Studio mitnahm. Für das Orchester ist vieles neu, während Chichon selbst an anderer Stelle bereits den ganzen Dvořák dirigiert hat. „Das war mir wichtig, denn man fängt erst dann an, ein Stück so richtig kennenzulernen, nachdem man es im Konzert gespielt hat. Als Chefdirigent muss ich meinem Orchester etwas anbieten können, gerade bei einer CD-Aufnahme. Schließlich wird das einmal das akustische Vermächtnis meiner Zeit mit ihnen.“

Neu erschienen:

Antonín Dvořák

Sinfonie Nr. 5, „In der Natur” op. 91; Scherzo capriccioso op. 66

Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Karel Mark Chichon

SWR Music/Naxos

Bereits erschienen:

Antonín Dvořák

Sinfonie Nr. 1, Rhapsody op. 14

Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Karel Mark Chichon

SWR Music/Naxos


Schachzüge eines Verlegers

Dass Dvořáks fünfte Sinfonie als Opus 76 veröffentlicht wurde, sorgte lange Zeit für Verwirrung. Tragen doch die beiden folgenden und später komponierten Schwesterwerke die Zahlen 60 und 70. Schuld an diesem Wirrwarr ist Verleger Fritz Simrock. Der nämlich veröffentlichte die Sinfonien keineswegs chronologisch, sondern brachte aus pekuniären Gründen zunächst die vom Publikum besser aufgenommene Sechste und Siebte heraus, ehe die Partitur der Fünften in Druck ging. Dass zusätzlich noch über Jahre das Notenmaterial der Ersten und Zweiten verschollen geglaubt wurde, machte die Sache nicht einfacher. Erst spätere Gesamtausgaben stellten die richtige Reihenfolge wieder her.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 5 / 2015



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Magdalena Kožena

Rollentausch

Vergesst Carmen und Mélisande! Wenn sie Lied singt, vor allem aber Barockes von Monteverdi, ist […]
zum Artikel »

Gefragt

Nils Petter Molvaer

Kulturtechnik

Mit einem Crossover aus Jazz, Rock, Ambient, Drum’n’Bass und anderen Stilen der populären […]
zum Artikel »




Top