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Hörtest – Brahms, Sonaten op. 120

Spätes Glück

Der alte Brahms hat mit dem Komponieren schon abgeschlossen, da kreuzt ein genialer Klarinettist seinen Weg: Zeit für Herbstgold.

Auf einmal ist er da: Johannes Brahms ist nach damaligem Verständnis mit seinen 58 Jahren ein schon rüstiger älterer Herr, als ihm in der Zusammenarbeit mit der Meininger Hofkapelle deren Klarinettist Richard Mühlfeld quasi über den Weg läuft. Nach und nach freundet sich der Komponist mit dem Musiker an, den er herzlich schätzt. Und dessen differenziertes Spiel auf der Klarinette ihn fasziniert und seltsam berührt.
In den Jahren zuvor hat Brahms so schwer mit dem Komponieren zu kämpfen, wie nie. Nicht, dass es ihm je leicht gefallen wäre: Seine fast übersteigerte Selbstkritik und sein Perfektionismus vermachte so manche Skizze lieber dem Kaminfeuer, als dem Publikum. Der musikgeschichtlich interessierte Brahms sah sich erweiso deutlich wie kaum ein Komponist vor ihm als Erbe einer Tradition, die er kannte, sammelte und schätzte: Palestrina, Bach, Haydn, Beethoven. In ihrer Nachfolge zu komponieren, setzte seiner Musik eine hohe Messlatte, zugleich wurde der früh von Robert Schumann als musikalischer „Prophet“ Gefeierte von den Vertretern der Neudeutschen Schule um Liszt und Wagner für seinen betont klassisch-konservativen Stil angefeindet und verhöhnt. Sein Eigenanspruch und die Belastung, seine Kritiker nie fern zu wissen, liegen bei Brahms von jungen Jahren an auf jedem neuen Anfang in der Musik. Gleich mehrfach spielt er mit dem Gedanken, das Komponieren frühzeitig zu lassen. Um die Jahreswende 1891 schreibt er seinem Freund Eusebius Mandyczewski: „Ich hatte in der letzten Zeit Verschiedenes angefangen, auch Symphonien und Anderes, aber nichts wollte recht werden; da dachte ich, ich wäre schon zu alt, und beschloß energisch, nichts mehr zu schreiben. [...] Und das machte mich so froh, so zufrieden, so vergnügt, daß es auf einmal wieder ging.“

Von der Freiheit, auszusteigen

Als Brahms plötzlich bewusst wird, dass er jederzeit aufhören kann, bereits genug geleistet hat, führt das bei ihm zu einer bis dahin nie gekannten Entspannung und einem Freiheitsgefühl, dass gelöste, reife Kammermusiken möglich macht. Genau in diese Phase fällt die Begegnung mit Richard Mühlfeld, in dessen Klarinettenspiel sich Brahms geradezu vernarrt: „Man kann nicht schöner Klarinette blasen, als der hiesige Mühlfeld es tut“, schreibt er in einem Brief und nennt ihn zärtlich „Meine Primadonna“. Mühlfeld wird so der wahre Anlass für eine Reihe von Kammermusikwerken, wie das Trio op. 114 und das traumhaft abschiedsselige Klarinettenquintett op. 115 von 1891. Und die beiden Klarinettensonaten op. 120 – Werke, die niemandem mehr etwas beweisen müssen. So konzentriert Brahms seine ohnehin schon dichte Tonsprache zu einer von allem Dekor befreiten, herbstlich-herben Süße. Und alles, was ihn bis dahin beschäftigte, fließt in diesen späten Sonaten zusammen: das heimelig-wehmütige Melos der Volkslieder, die klare, ebenmäßige Architektur Bachscher Fugen, hingehauchte Adagio-Sätze von unbestimmt schmerzlichem Glück, ja sogar herzhafte österreichische Ländler. Nur bei genauer Analyse erkennt man, wie geschickt die Sonatensätze untereinander mit thematischen Bezügen verdrahtet sind, wie sich die Motiv-Teilchen drehen und entfalten und fast von allein zu Doppelfugen von selbstgenügsamer Schönheit aufreihen – ohne, dass das Ergebnis je angestrengt klingt oder akademisch.
Mühlfelds Klarinettenspiel war durchaus nicht unumstritten, da er sich auf seiner Bärmann/ Ottensteiner-Klarinette keinen Deut um den – von den Kollegen so mühsam versuchten – Ausgleich der völlig verschiedenen Klangfarbenregister scherte. Für Brahms, der auch das Naturhorn dem Ventilinstrument vorzog, war Mühlfelds Spiel vielleicht aber gerade deshalb perfekt, weil es mit den verschiedensten Zungen singen – und so seine Duo-Sonaten in ein Concerto grosso aus Herbstfarben verwandeln konnte.

Abschied mit Januskopf

Brahms balancierte mit den beiden Schwesterwerken Gegensätze aus – doch offenbaren sich die f-Moll-Melancholie und die Es-Dur-Heiterkeit letztlich als zwei Facetten desselben Abschieds von der Kunst. Dass die Sonaten zudem alternativ auch für Bratsche herausgegeben wurden (weil es vermutlich wenige so technisch versierte Klarinettisten gab), erweitert das Feld der Aufnahmen, aus dem wir wie üblich eine subjektive Vorauswahl getroffen haben.
Bei der ältesten Aufnahme von Gervase de Peyer (1968, Warner) fällt durch den direkten, sehr kehligen Ton eher unvorteilhaft auf, auch mit Vibrato wird nicht gespart. Dennoch ist sein Spiel leidenschaftlich, bewegt sich aber durchgehend im oberen dynamischen Feld – als sollte am Sommer mit Trotz festgehalten werden. Auch der Ton von Kálmán Berkes (1995, Naxos) fällt für unseren Geschmack aus dem Raster, viel zu grell und angriffslustig. Dasselbe gilt für Kyrill Rybakov (2012, Naxos), dazu wirkt die Aufnahme auch wie in einem Zimmer aufgenommen, der Klang ist zu nah, kann sich nicht entfalten, die Instrumente erschlagen sich. Auch hell, aber eben nicht grell präsentiert sich hingegen Jean Johnson (2014, Edel); sie zeigt sich vor allem als Meisterin von absolut vibratofreien, schier endlosen Melodiebögen, so etwa im zweiten Satz der f-Moll-Sonate.
Deutlich mehr Bauchstärke in der Klangfarbe als die vorigen und damit mehr Wärme hat Karl-Heinz Steffens (2004, Tudor) zur Verfügung, außerdem phrasiert er ganz hinreißend, organisch, atmend. Auch er kann seine Klarinette leidenschaftlich aufjauchzen lassen, wenn’s drauf ankommt, aber seine Stärke sind die leisen, gehauchten Passagen. Mit dem Hauchen übertreibt es wiederum Emma Johnson (2012, Naxos), der Ton klingt dadurch unfokussiert, bricht zuweilen weg und produziert deutliche Nebengeräusche, die die Tontechnik allzu brillant mit eingefangen hat. Das überlagert jede Form der Interpretation. Michael Collins (2015, Chandos) vermochte uns mit seinem Schwung nicht anzustecken, obwohl er über einen schönen Ton verfügt, und in intensivem Dialog mit seinem Klavierpartner gestaltet. Zu gering bleibt hingegen die dynamische Bandbreite, man beschränkt sich auf die Komfortzone, der Gesamteindruck wirkt zu steril. Reine Geschmacksfrage.
Da lehnen sich die jungen Franzosen Raphaël Sévère und Adam Laloum (2014, Mirare) schon deutlich mehr aus dem Fenster, ohne ihr Kapital dabei zu verspielen. Aber Sévère entwickelt gleich zu Beginn der f-Moll-Sonate eine so flehende Dramatik, und in den folgenden Piano-Einbrüchen eine so berückende Süße, dass man das Geschehen gespannt verfolgt. Leider kriegt aber auch er im direkt folgenden langsamen Satz die Luftnebengeräusche nicht recht in den Griff. Schade. Einen versierten, uneitlen Begleiter hat Sharon Kam mit Martin Helmchen (2009, Berlin Classics) zur Hand. Was an ihrer Aufnahme fasziniert, ist die Fülle an Klangfarben, ohne dass sie je die Kontrolle über den Ton zu verlieren droht, wie manche Kollegen. So manche Phrase im Piano scheint plötzlich wie aus dem Off zu ertönen, so sattelfest sitzt der Ton noch bei geringstem Luftstrom. Da vermag die Klarinette manchmal fast (schon?) den Klang einer anderen Welt zu reflektieren, und man lauscht atemlos und hellwach, um ihr zu folgen. Gleichauf mit Kam liegt zunächst ihr Kollege Martin Fröst (2003, BIS), auf den sich das eben Geschriebene fast 1:1 übertragen ließe, wobei er ein ganz anderes Timbre bedient: ein wenig angerieben, manchmal kühler, dafür im Piano von einer so unerreichten Verletzlichkeit, dass wir seiner Aufnahme den Lorbeer aufdrücken möchten. Mindestens einen Zweig davon muss er aber Lorenzo Coppola (2015, hm) abgeben. Sonst als Klarinettist beim Freiburger Barockorchester zuhause, hat er sich begleitet von Andreas Staier um die Charakteristik der eigenwilligen Bärmann/Ottensteiner-Klarinette Mühlfelds bemüht, von der er sich einen Nachbau anfertigen ließ. Seine Begeisterung über die Fülle an Farben und unterschiedlichen Registern des Instruments teilt man nur zu gerne, vor allem, wenn diese so seelenvoll serviert werden wie durch Coppolas stupendes Spiel. Ein Klangfarben-Fetischist!

Die Klarinette gellt, die Bratsche ist weinerlich

In eine ganz andere Klangsphäre führt die Ausführung mit Viola. Muss sich ein Klarinettist vor wegbrechender Tonproduktion und zu gellender Anklage im Ton hüten, sollte ein Bratschist jeder Form von Weinerlichkeit aus dem Weg gehen, die sich bei üppigem Vibrato einstellen kann. Kim Kashkashian (2009/ ECM) gönnt sich schon mal beherzte Schluchzer, packt die Sache aber durchweg so leidenschaftlich an, dass sich Rührseligkeit an keiner Stelle einschleichen kann. Anscheinend erklärtes Ziel, hängt sie doch als einzige die Bratschenstimme zu Beginn gleich mal eine Oktave höher. Und das Andante der f-Moll-Sonate geht sie mit sonnig-raumgreifender Großzügigkeit an, statt im feuchten Gras schwarzfleckige Walnüsse aufzuklauben. Bravo! Roberto Díaz (2008/Naxos) kann sein leidenschaftliches Spiel im Vergleich ebenfalls sehen lassen; seine durch vollblütigen, warmen Ton geadelte Einspielung zum Budget-Preis ist unser Geheimtipp! Darin schlägt er mühelos Yuri Bashmet (2013, Melodiya), dem die Tontechnik einen Joghurtbecher auf die Saite gespannt zu haben scheint, so grammophonartig-beschränkt klingt er zuweilen in der Liveaufnahme. Und fährt mit Schüttelhand ungebremst in die Weinerlichkeitsfalle. Frei und mit einem Ausdruck von Würde schreitet hingegen, begleitet von ihrem damaligen Lebensgefährten Lars Vogt, Rachel Roberts (2011/CAvi) daher. Diese Aufnahme ohne romantischen Speck und Überschwang ist direkt im Klang, leidenschaftlich und zärtlich gespielt. Runde Sache! Nils Mönkemeyer (2015, Sony) hält hingegen nichts von solcher Klangdiät, bleibt sich dabei aber absolut treu. Sein kalorienstarker Brahms ist genau das richtige für die eher kälteren Herbsttage; seine Bratsche ist ein Charakterdarsteller, der die Rollen im Sekundentakt wechselt und von der Rampe aus das mundoffene Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Uns auch! Doch wenn wir uns für die Insel entscheiden müssten – wir würden mit Tabea Zimmermann (2010/2011, myrios) verreisen. Bei ähnlich reichhaltigem Klangbild wie Mönkemeyer phrasiert sie noch kleinteiliger, beweglich und mit vielen Absätzen. Dabei reicht sie die der Musik innewohnende Energie mit Schwung von Phrase zu Phrase, ohne etwas zu verschütten. Besser geht es nicht.

Herbstgold:

Kim Kashkashian, Robert Levin (1997)

ECM/Universal

Martin Fröst, Roland Pöntinen (2003)

BIS/KCK

Tabea Zimmermann, Kirill Gerstein (2010/2011)

Myrios/hm

Nils Mönkemeyer, William Youn (2015)

Sony

Lorenzo Coppola, Andreas Staier (2015)

hm

Blätterrot:

Karl-Heinz Steffens, Michael Friedlander (2004)

Tudor/Naxos

Roberto Díaz, Jeremy Denk (2008)

Naxos

Sharon Kam, Martin Helmchen (2009)

Berlin Classics/Edel

Rachel Roberts, Lars Vogt (2011)

CAvi/hm

Jean Johnson, Steven Osborne (2014)

Avie/Edel

Raphaël Sévère, Adam Laloum (2014)

Mirare/hm

Michael Collins, Michael MacHale (2015)

Chandos/Naxos

Fallobst:

Gervase de Peyer, Daniel Barenboim (1968)

Warner

Kálmán Berkes, Jenő Jando (1995)

Naxos

Emma Johnson, John Lenehan (2012)

Nimbus/Naxos

Kyrill Rybakov, Anna Zassimova (2012)

Antes/Naxos

Yuri Bashmet, Mikhail Muntian (2013)

Melodiya/Naxos

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 5 / 2015



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