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(c) Monika Rittershaus

Blind gehört -

Elena Bashkirova: „Ich hatte genug davon, allein herumzureisen.“

„Ich werde niemanden erkennen,“ sagte Elena Bashkirova, noch bevor sie sich vor den CD-Player setzte, und sollte damit Recht behalten. Dennoch hatte die aus Moskau stammende Pianistin, die seit 1992 in Berlin lebt und seit 1998 das sehr erfolgreiche Jerusalem Chamber Music Festival (mit dem Berliner Ableger „Intuitions“) leitet, viel zu sagen. Und eine der gehörten CDs wollte sie sich immerhin sogar selbst zulegen: die historischen Aufnahmen von Emil Gilels.

Das Orchester klingt sehr gut. Es ist komisch für mich, weil ich dieses Werk gerade jeden Tag spiele und immer Neues herauszufinden versuche über jede Note. Manches mache ich ähnlich, besonders im zweiten Satz, aber manches mache ich auch ganz anders. Jeder Mensch ist anders, jeder drückt sich auf andere Art aus. Natürlich höre ich Aufnahmen von anderen Pianisten. Das stört einen nur dann, wenn man nicht weiß, was man selbst zu tun hat. Wenn man sich einmal entschieden hat, wie man etwas spielen will, dann ist es interessant zu hören, welche Ideen andere Pianisten haben. Man lernt immer dazu – oder denkt sich: So will ich es nicht machen. Auch das ist gut zu wissen. Neulich hat mir Martha Argerich erzählt, dass sie im Autoradio eine Aufnahme gehört hat, die ihr nicht sehr gefallen hat. Sie hat überlegt, wer das sein könnte, Waaber kam nicht drauf. Und am Ende stellte sich heraus, das war sie selbst, in einer frühen Aufnahme. Man entwickelt sich als Mensch mit den Jahren, und das schlägt sich natürlich in der Musik nieder. Man spielt nicht besser oder schlechter, aber anders. Ich weiß nicht, wer das hier spielt. Es ist schön gespielt. Und vor allem ist es ein sehr gutes Orchester, mit denen würde ich dieses Konzert gerne mal spielen. Für mich ist es das schönste Beethoven- Konzert oder zumindest das originellste, solch einen zweiten Satz hat niemand zuvor geschrieben. Und auch der Beginn. Normalerweise sitzt man da und wartet, bis das Orchester die Einleitung gespielt hat. Aber hier gibt man selbst den Ton an. Das ist wie ein Epigraph, das dem Werk vorangestellt ist. In diesen paar Takten muss man so viel ausdrücken, und doch darf es nicht zu gewichtig klingen. Das ist hier sehr schön gemacht. Aber ich finde es auch wunderschön, wie das Orchester sich dann hineinschleicht. Das Klavier macht dieses Statement, und das Orchester kommt mit einer Frage, die eigentlich noch leiser sein muss als das Klavier. Das hat mir hier sehr gut gefallen … Kurt Sanderling war ein toller Mann. Das Concertgebouw- Orchester ist sehr gut, aber es klingt immer neutral, sie haben keinen eigenen Klang, finde ich. Ich denke, es lag an Kurt Sanderling, dass mir das Orchester hier so gut gefällt. Ich habe von ihm die beste Vierte von Brahms gehört in meinem ganzen Leben, damals in Paris, da war jede Note, wie man sie sich wünscht. Er war wirklich ein ganz Großer.

Ludwig van Beethoven

Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur

Mitsuko Uchida, Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Kurt Sanderling

Philips/Universal

Was ist das? Es kommt mir bekannt vor, aber ich kenne es nicht. Rachmaninow? Am Anfang dachte ich sogar an Brahms. Sagen Sie es mir. Glasunow – mein Sohn spielt gerade sein Violinkonzert. Mein Vater hat ihn zu Hause gespielt. Ich kenne ihn nicht gut genug, aber ich weiß, dass es technisch für alle Instrumente sehr schwer ist. Das ist gut geschrieben, es klingt. Ach, Gilels, der hatte einen wunderbaren Klang. Ich habe viele Konzerte von ihm gehört. Es gibt ja oft Paare, zwischen denen man sich entscheiden muss. Entweder liebt man den einen oder den anderen. In Russland war das: Richter oder Gilels. Beide hatten ihre eigene Anhängerschaft. Aber interessant ist: Im Nachhinein, in den Aufnahmen, gewinnt Gilels. Richter hatte ein unglaubliches Charisma. Er kam auf die Bühne, und in dem Moment existierte nichts anderes mehr, das Publikum war hypnotisiert. In den Aufnahmen hört man das nicht. Bei Gilels dagegen war alles rund. Ich bin natürlich sehr geprägt worden durch meinen Vater, der seine Schüler immer ermuntert hat, offen zu sein und viele alte Aufnahmen zu hören. Er brachte viele Aufnahmen aus dem Ausland mit, ich erinnere mich, dass wir viel Schnabel gehört haben oder auch Eduard Erdmann, und so bekamen wir andere Anregungen.

Alexander Glasunow

Sonate Nr. 2 e-Moll

Emil Gilels (1950)

Naxos Historical

Der arme Cellist, die haben alle Angst vor diesem Anfang. Das ist interessant geschrieben, es ist überhaupt ein fantastisches Stück. Können wir den zweiten Satz hören? Mich interessiert, welches Tempo sie nehmen. Das gefällt mir, aber ich habe keine Ahnung, wer das spielt – alle spielen das. Ich fand, sie sind im ersten Satz ein bisschen zu rasch ins espressivo gegangen. Im zweiten Satz kann man wenig falsch machen außer beim Tempo, und das ist schön hier. Man könnte es vielleicht noch bissiger spielen. Hier muss man Zähne zeigen, das könnte für meinen Geschmack mehr sein. Aber sie spielen fantastisch … Warum ich so viel Kammermusik mache? Es ist schön, mit anderen zusammen Musik zu machen! Ich habe einmal drei, vier Jahre lang kein Solorezital gespielt, weil ich genug davon hatte, allein herumzureisen. Allein aus menschlichen Gründen ist es angenehmer, mit Kollegen zu spielen, die man schätzt. Und musikalisch lernt man viel voneinander, man bereichert einander. Ein festes Ensemble wäre allerdings nichts für mich. Mein Mann hat mir immer gesagt: Warum gründest du nicht dein festes Trio, dann kannst du alles richtig und gut erarbeiten? Aber ich finde es interessanter, in dieser Saison ein Projekt mit bestimmten Kollegen zu machen und in der nächsten Saison das nächste Projekt mit anderen Partnern. Es gibt so viele interessante Kombinationen mit Streichern und Bläsern, da möchte ich mich nicht auf eine Besetzung festlegen. Und ich liebe es, wenn die Stücke sich immer neu beleben. Mein Festival zu leiten, macht mir einen Riesenspaß. Ich kann mir mein Leben ohne dieses Programmieren nicht mehr vorstellen, dieses Kombinieren der Stücke und der Musiker. Wenn es sich gut zusammenfügt, ist das herrlich. Da gibt es viele schöne, auch überraschende Erlebnisse.

Dmitri Schostakowitsch

Klaviertrio e-Moll op. 67

Martha Argerich, Gidon Kremer, Mischa Maisky (1998)

DG/Universal

Das ist eines der charmantesten Stücke, die Strauss geschrieben hat. Vom Liedbegleiten habe ich so viel gelernt, vor allem das Atmen für mein eigenes Spiel. Man entdeckt bei Schumann, Schubert, Brahms so viele Parallelen zur Klaviermusik, und natürlich ist das ein wunderbares Repertoire. Ich sehe mich da überhaupt nicht als zweite Geige. Ich hatte das Glück, mit guten und großen Sängern zusammenzuarbeiten, und da ist man ein Duo. Gerade bei Strauss ist man als Pianist nicht nur der Begleiter, da macht man 90 Prozent.

Richard Strauss

„Schlechtes Wetter“ op. 69/V

Dorothea Röschmann, Malcolm Martineau (2013)

Sony

Das ist ein Präludium zu etwas, aber sehr schön. Und sehr gut gespielt. Es klingt wie die Ankunft der Queen of Sheeba. Ist das Händel? Ich finde, man kann Barockmusik sehr gut auf dem Klavier spielen, auf dem Klavier kann man so viel mehr machen als auf dem Cembalo. Ah, jetzt kommt das Thema, das Brahms in seinen Variationen verarbeitet hat. Händel wird viel zu wenig gespielt.

Georg Friedrich Händel

Suite B-Dur HWV 434

Francesco Piemontesi (2011)

Avanti/in-akustik

Das klingt nach Schumann. Die „Waldszenen“ sind ein sehr ungleichmäßiger Zyklus, dieses erste Stück habe ich nie gespielt. Mit Schumann bin ich eng befreundet, seit ich zehn Jahre alt war. In Russland war Schumann schon immer sehr beliebt und wird auch gut gespielt. („Einsame Blumen“) Ach, das ist so schön … Und ein sehr schöner Klang. Wer ist das? András Schiff, einer meiner drei, vier absoluten Lieblinge. Er kommt jedes Jahr zum Festival nach Jerusalem und spielt immer etwas anderes, und immer wunderschön. Er hat einen besonderen Klang, so kristallin. Letztens hat er bei uns das Weinberg- Quintett gespielt, da habe ich ihm umgeblättert, das war unheimlich interessant – viel schöner, als nur im Publikum zu sitzen und zuzuhören. Er lebt in der Musik, er hat ein unglaublich großes Repertoire. Und er hat viel Charme und sehr viel Temperament, was man auf den ersten Blick gar nicht merkt. Für mich ist er ein ganz Großer.

Robert Schumann (2010)

„Waldszenen“ op. 82

András Schiff

ECM

Arnt Cobbers, RONDO Ausgabe 5 / 2015



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