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Lässt twittern: Franz Welser-Möst (c) Roberto Mastroianni/IMG Artists

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Twitter und Bayreuth?

Der österreichische Dirigent Franz Welser-Möst besitzt eigentlich nicht den Ruf, künstlerisch mit der Zeit zu gehen. Umso überraschter ist man daher, dass der Chef des Cleveland Orchestra in einem Interview mit den „Salzburger Nachrichten“ eine kleine Erfolgsstory verkünden konnte. So besitzt Cleveland das jüngste Publikums Amerikas: 20 Prozent der Konzertgänger sind unter 25 Jahre alt. Und natürlich lüftet Welser-Möst gleich das Geheimnis für diese unerwartet hohe Quote: „Wir haben in Cleveland vor vier Jahren einen damals 20-jährigen Fachmann engagiert, der nur in Social-Media-Netzwerken unterwegs ist. Das ist nun einmal die Sprache, die Kommunikation der jungen Generation.“ Mit was für hippen Tweets der junge Medienfachmann nun das neue Publikum geködert hat, hat Welser-Möst zwar nicht verraten. Jedenfalls hat man dank auch solch neuer Technologien dem weltweit unter den Konzerthörern grassierenden „Dinosaurier-Effekt“ entgegenwirken können.
Dass man andererseits Jahr für Jahr auch ohne den inzwischen obligatorischen Twitter-Account medial prächtig präsent sein und nebenbei regelmäßig eine Auslastung von 100 Prozent vorweisen kann, zeigen die Bayreuther Festspiele. Obwohl Intendantin Katharina Wagner inzwischen sogar manche Aufführungen zum Public Viewing-Event macht, könnte man auch auf solche Maßnahmen locker verzichten. Denn die Wagner-Fangemeinde, die im Festspielhaus stundenlang in unbequemen Stühlen auszuharren bereit ist, kennt keine Nachwuchsprobleme. Dennoch hat man jetzt ziemlich gereizt auf eine Aktion einer Bloggerin reagiert. Nachdem Juana Zimmermann aufgefallen war, dass die Bayreuther Festspiele keinen Twitter-Account hat, richtete sie kurzerhand einen ein. Und unter dem Twitter-Profil „@BayreuthFest“ twitterte man wochenlang solche News wie „Nicht weitersagen, aber wir spielen nächstes Jahr wieder was von #Wagner“.
Erst nachdem jemand bei den Festspielen anrief und auf den Account hinwies, fiel der Fake auf. Und sofort schaltete man einen Anwalt ein. Im Gegenzug hat die Bloggerin den Festspielen folgenden Vorschlag gemacht: „Liebe Bayreuther Festspiele, Twitter ist toll, es gibt viele Menschen die uns/euch vermissen würden. Daher bieten wir euch an, den Account zu übernehmen. Wir haben unser Bestes gegeben ihn vernünftig zu führen. Ansonsten wird es wohl eher ruhig um ihn werden.“ Eine Antwort darauf hat man bisher nicht bekommen. Und erst recht kein Selfie von Kathie Wagner mit entsprechendem Like-Daumen.

Guido Fischer



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