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Belcanto-Bekehrung

Norma von vorn

Eine „Norma“ in historischem Klanggewand beweist: Belcanto-Opern des frühen 19. Jahrhunderts sind viel besser als ihr Ruf

Im Grunde hat man es ja schon immer geahnt, dass etwas nicht stimmen kann mit der Oper des Belcanto. Denn auch wenn Rossini, Bellini und Donizetti, deren Werke man als erstes mit dem Begriff verbindet, in jedem Opernführer und fast jedem Opernhaus zum Kernrepertoire gehören, so scheinen doch viele ihrer ersten Hauptwerke im Vergleich zu Mozart oder zum späteren Verdi an einem merkwürdigen Mangel an dramatischer Glaubwürdigkeit zu leiden: Wie oft ist man abgestoßen von der sterilen Stimmakrobatik, die sich über dürftigen Orchesterakkorden entfaltet, wie oft zuckt man innerlich vor stählernen Spitzentönen zusammen und wie peinlich ist man dann wiederum berührt, wenn sich Gefühl in schmierigen Kantilenen ergießt. Gehört man nicht gerade zu jenen fanatischen Stimmverkostern, die Lautstärke, Timbre oder Brillanz eines außergewöhnlichen Organs völlig losgelöst von der dramatischen Situation genießen können, dann kann man zu der Auffassung gelangen, dass die Zeit des Belcanto trotz ihrer zündenden Melodien und staunenswerten Anforderungen an Stimme eine Zeit der dramatischen Verflachung gewesen sein muss. Was ein fataler Fehlschluss wäre.

Opfer der Tradition

In Wahrheit nämlich sind die Hauptwerke des Belcanto Opfer moderner Aufführungstraditionen geworden. Und die haben mit dem Ideal des „schönen Gesangs“, der den Schöpfern der Belcanto-Opern vorschwebte, nur noch sehr wenig zu tun. Doch nun deutet sich endlich eine Wende an. Unterstützt von der Musikwissenschaft hat sich eine Reihe von Musikern angeschickt, den Belcanto von jener dicken Patina zu befreien, die sich in den letzten 150 Jahren angesammelt hat. Immer größere Säle und Orchester, die damit einhergehende Bevorzugung von Brillanz und Kraft gegenüber Farbe und Ornament und eine naturalistischere Auffassung von Musikdramatik haben dazu geführt, dass das Wissen um die Aufführungspraxis des Belcanto beinahe völlig verloren ging. Hinzu kommt, dass sich auch die Stellung des Sängers grundsätzlich wandelte: Während Rossini, Bellini und Donizetti noch damit rechnen konnten, dass die Sänger ihre Partien mit improvisierten Verzierungen und ungeschriebenen Vortragsnuancen bereichern und die Partitur bei jeder Aufführung gewissermaßen neu vollenden würden, sind die meisten heutigen Sänger zu bloßen Interpreten geworden. Was bleibt, ist der nackte, unvollendete Notentext. Doch zu retten ist die Belcanto-Opern nur, wenn man sich ihr nicht vom Puccini und dem späten Verdi, sondern aus der Perspektive des 18. Jahrhunderts nähert. Denn die Gesangskunst der Kastraten, welche der Barockoper zu ihrem bis heute ausstrahlenden Glanz verhalf, hat auch die Praxis der Belcanto-Opern entscheidend geprägt. Es liegt daher auf der Hand, dass die Wiederentdeckung des ursprünglichen Belcanto-Ideals nur mit Hilfe von starken Sängerpersönlichkeiten gelingen kann, die neben dem historischen Wissen auch die Ausstrahlung und das kreative Potenzial ihrer Vorbilder besitzen.

Spektakuläre Wiederbelebung

Den spektakulärsten Versuch zu einer Wiederbelebung des Belcanto hat nun Cecilia Bartoli gestartet: Zusammen mit dem auf historische Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts spezialisierten Orchester La Scintilla unter dem Alte-Musik-Experten Giovanni Antonini hat sie eine Neuaufnahme von Vincenzo Bellinis „Norma“ vorgelegt, die Operngeschichte schreiben soll – und es wohl auch tun wird. Während die auf entspannte 430 Herz gestimmten Originalinstrumente der Partitur ihre differenzierte, an Caspar David Friedrich gemahnende Farbigkeit zurückgeben, zeichnen Bartoli und ihre Sängerkollegen die Gefühlsregungen der Protagonisten mit so klarer Deklamation und so intelligent und differenziert eingesetzten Verzierungen und Klangfärbungen nach, dass man Foto: Hans Jörg Michel der Handlung sogar ohne Libretto oder größere Italienischkenntnisse folgen zu können glaubt. Ein weiteres Anliegen der Einspielung ist es, die originalen Stimmfarben zu verwenden: So wird die Partie der Norma nicht von einem Sopran, sondern mit Bartoli selbst von einer Mezzosopranistin gesungen –eine Entscheidung, die es erlaubt, die menschliche, mütterliche Seite dieser scheinbar so unnahbaren Figur wiederzuentdecken. Normas junge Nebenbuhlerin Adalgisa wird hingegen nicht wie so oft von einem Mezzosopran, sondern von einem Sopran gesungen, der die Jugendlichkeit dieser Figur betont. Und weil auch ihr gemeinsamer Geliebter Pollione mit einem flexiblen Tenor besetzt ist, gerät das oft so wuchtige Drama wieder ins Lot. Auch wenn das neue Klangbild mit manchen liebgewonnenen Gewohnheiten bricht – wenn sich Norma am Ende des Dramas in die Flammen wirft, dürfte sie zuvor eine große Anzahl Belcanto-Verächter von ihrem Irrglauben bekehrt haben.

Vincenzo Bellini

Norma

Cecilia Bartoli, Sumi Jo, John Osborn, Michele Pertusi, Orchestra La Scintilla, Giovanni Antonini

Decca/Universal

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 3 / 2013



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