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Vokal total

Gleich zwei Mitschnitte von Rossinis „La gazza ladra“ sind in den letzten Wochen in kurzem Abstand auf den Markt gekommen, einer aus Bad Wildbad, der andere aus Frankfurt. Während ersterer ganze sechs Jahre auf seine Veröffentlichung bei Naxos warten musste, ließ Oehms die Bänder nicht so lange in der Schublade liegen, sie dokumentieren die Premierenserie vom April 2014. Die Kooperation des Labels mit der Oper Frankfurt bringt ja ganz unterschiedliche Früchte hervor: saftige und schmackhafte genauso wie säuerliche oder wurmstichige – und in eben diese Kategorie fällt auch „Die diebische Elster“. Orchester und Dirigent liefern eine tolle Leistung, das Gesangsensemble aber rechtfertigt eine Veröffentlichung so gut wie gar nicht. Die einzige rühmliche Ausnahme bildet der Podestà von Kihwan Sim. Ansonsten gibt es eine (trotz ihrer gerade einmal 30 Jahre) weder jung noch angenehm klingende Ninetta und einen stimmlich angespannten, stellenweise ängstlichen Giannetto zu vermelden, sowie mit Jonathan Lemalu einen Fernando, dessen Bassbariton die Zeit deutlich zugesetzt hat. Da können die Aufführungen vom Rossini- Festival im Schwarzwald ganz anders punkten, zudem zahlt man für diese drei CDs nur etwa die Hälfte des Preises. Die charmante, leicht herbe Ninetta von María José Moreno überzeugt ebenso wie Kenneth Tarver als ihr höhensicherer, stilistisch versierter Geliebter (der das aufgrund seiner Entwicklung heute aber wohl noch toppen könnte), Lorenzo Regazzo steuert einen hochkarätigen, wirklich souveränen Podestà bei. Eine einzige Zumutung ist allerdings Bruno Praticò. Man fragt sich wirklich, warum man diesen Mann noch auf eine Bühne lässt, ausgesungen ist noch ein schmeichelhaftes Urteil.

Einmal mehr legt Opera Rara die erste Studioproduktion eines Werkes vor, und obwohl das verdienstvolle Label gerade bei Donizetti schon oft als Geburtshelfer fungiert hat, gibt es tatsächlich immer noch uneingespielte Opern des Bergamasken. Dieses Mal also „Les martyrs“, wohinter sich die französische Version seines in Neapel von der Zensur abgelehnten „Poliuto“ verbirgt. Und genau das Französische ist bei dieser Einspielung das große Problem, weil es auf zum Teil abenteuerliche Weise geformt und gesungen wird. Unter den Sängern ragt Michael Spyres mit seinem perfekt geführten, an Rossini geschulten lyrischen Tenor als Polyeucte hervor, sein Gegenspieler Sévère ist mit dem kernigen David Kempster gut besetzt. Pauline, das Objekt ihrer Begierde, findet in Joyce El-Khourys klein dimensioniertem, aber geschickt eingesetztem Sopran, der in dramatischeren Passagen gleichwohl an seine Grenzen stößt, sicher keine ideale, aber doch akzeptable Besetzung.

Mit einer weit mehr als nur akzeptablen Besetzung wartet dagegen eine Neuaufnahme von Verdis „Simon Boccanegra“ aus dem Hause Delos auf. Barbara Frittolis Stimme ist etwas dunkler, ihr Vibrato etwas weiter geworden, auch sind höhere Töne nicht immer optimal fokussiert, ansonsten aber bietet sie – wie seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert – erstklassigen Verdi-Gesang. Stefano Secco ist ein geschmackvoller und geschmeidiger Gabriele, Ildar Abdrazakov leiht Fiesco seinen prachtvollen Bass, und Marco Carias qualitätsvoller Paolo empfiehlt sich schon für die Titelrolle, die hier Dmitri Hvorostovsky anvertraut wurde. Auch wenn sein Bariton sich inzwischen etwas matt und glanzlos und in der Höhe nicht mehr so frei zeigt, gelingt ihm doch ein packender Doge mit Nachdruck und Autorität. Würden vom Pult stärkere Akzente kommen, wäre das Verdi-Glück perfekt, weil sich hier vokale Klasse mit Ausdruckskraft und dramatischer Wahrheit verbindet.

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 4 / 2015



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