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Bregenz: Turandot 2. Akt (c) Bregenzer Festspiele_ Karl Forster

Fanfare

Darf es sein, dass bei einer Donizetti-Oper Chor und Dirigent den meisten Applaus abräumen? Es spricht dafür, dass man beim Glyndebourne Festival das Stück, den dunkel glühenden „Poliuto“ von 1848, ernst genommen hat. Ein zum Christentum bekehrtes armenisches Paar stirbt den Märtyrertod.
Enrique Mazzola bleibt farbig wie rhythmisch straff, ist ein flexibler Sängerbegleiter. Was der statisch stilisierten Inszenierung von Mariame Clément zugutekommt. Die möchte kein Römerdrama mit Sandalentenor, verlegt das düstere Geschehen in eine Diktatur. Der Intensität der Musik nützt es. Alle stehen unter Druck. Bei Michael Fabiano als Poliuto entlädt sich das in wirkungsvollen Spitzentönen; was zum unruhevollen Sopran von Ana María Martínez als Paolina passt. Bester Sänger ist der Baritonrivale Severo alias Igor Golovatenko.
Mozarts „Entführung aus dem Serail“ gerät dem Regisseur David McVicar hingegen zu einer harmlosen Orientalismus-Vedute mit so ausufernden Dialogen, dass der Premierenbeginn um eine halbe Stunde vorverlegt werden musste. Immerhin, der herausragende, modern antibuffohaft, aber schlank in seiner Bassfülle ruhende Tobias Kehrer als Osmin kann sie sprechen. Forciert singt der Edelmann Belmonte in der aufgeschossenen Tenorgestalt von Edgaras Montvidas, etwas scharf Sally Matthews die Konstanze. Glyndebournes Musikdirektor Robin Ticciati gefällt mit Schwung und Spannkraft, mit Delikatesse und Janitscharen-Lärmigkeit.
Irgendwie haben wir uns das gedacht: Durch das Unterbewusste der strengen Andrea Breth spuken sechs alte Männer, die sechs alte Heizkörper polieren. Und bevor dieser sich zäh dehnende gespielte Witz allzu sehr nach müdem Marthaler aussieht, ist die damenhaft feine Pianistin Elisabeth Leonskaja aus einem dunklen Zimmer heraus mit den Geistervariationen von Schumann zu hören.
Andrea Breth hat bei den Wiener Festwochen diese aus einer achten, offenen Tür gespielte Musik genutzt, um Zeit zu schinden. Zeit, um Belá Bartóks Einakter „Herzog Blaubarts Burg“, in dem eine Frau bereits hinter sieben Türen blickt, zum Abendfüller zu strecken. Was ihr nicht wirklich gelungen ist. Weil diese Bartók-Welt eben die üblich freudlosmonochrome Breth-Welt offenbart, wo Männer mit Frauen nicht können und umgekehrt. Einförmig klingt Nora Gubisch mit körnigem Mezzo, angemessen düster, jung und verwirrt Gábor Bretz als ihr neuer Gatte. Leider lässt es der wenig abwechslungsreich gestaltende Kent Nagano am Pult des Gustav-Mahler-Jugendorchesters zu oft fortissimo knallen.
Die große Mauer und die Terrakotta-Krieger, das dürfte so ziemlich das Erste sein, was einem normalerweise zum alten China einfällt. Marco Arturo Marelli, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, ging es ebenso. Und so sehen wir auf der Bregenzer Seebühne in Giacomo Puccinis „Turandot“ – eine Mauer und Tonkrieger. Im Reich der Bühnenmitte dreht sich zudem eine schräge Spielscheibe, die das Büro der drei Minister offenbart. Hier konservieren diese die abgeschlagenen Köpfe der Bewerber um die Hand der Prinzessin Turandot. Immerhin eine Idee. Auch das Messer, mit dem Turandot fuchtelt, eine verletzliche Frau, es wird weitergereicht zwecks späterem Selbstmord an die anrührend sterbende Liù. Noch eine Idee.
Der dritte Regieeinfall des ordentlichen, aber nicht herausragenden Abends ist dem Prinzen Calaf gewidmet. Der sieht aus wie Puccini. Nichts ist wirklich bombastisch, aber eben auch nicht echt clever. Neben den durchschnittlich guten Vokalisten hilft das nicht sonderlich fein abgemischte Klangglutamat wenig: Paolo Carignani und die Wiener Symphoniker, eingespielt aus dem Festspielhaus, tönten oft wie aus der Chinapfanne.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2015



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