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(c) Jenny Kornmacher

Martin Tingvall

Das junge Europa

Das Tingvall Trio zählt zu den erfolgreichsten Trios des aktuellen Jazz. Mit eigener Stilistik, die jung und europäisch wirkt.

Er steht am Fjord. Am schwedischen Ufer, hinter sich das Bootshaus von Freunden, in dem er gerade mit seiner Familie Urlaub macht. Drüben, auf der anderen Seite, liegt Norwegen. „Die Landschaft, das Wasser“, sagt er, „das sind meine größten Inspirationsquellen. Und die schwedische Volksmusik. Mit ihr bin ich aufgewachsen.“
Das verblüfft, denn weder Martin Tingvalls Solowerke noch die Stücke seiner Band kokettieren mit Folklore. Eher entstammen sie der Begegnung von Jazz, Rock und einer rhythmischen Vielfalt, wie sie seit dem HipHop üblich ist. Dabei bevorzugt sein Trio markante, kraftvolle Rhythmen, und allein am Flügel wirkt Tingvall wie ein Träumer. Allenfalls die Vorliebe für klare, nachvollziehbare, manchmal auch einprägsame Melodien könnte auf die Liebe zur Volksmusik hinweisen.
Schweden und Deutschland: Vor sechzehn Jahren ist er nach Hamburg migriert. Verbunden bleibt er beiden Ländern. In seiner Wohnung in Snårestad, einem 200-Seelen-Dorf in der Nähe von Ystad, steht als Familienerbstück ein schwedischer Flügel aus den 1930ern, „auf dem schon meine Oma gespielt hat – und ich, wenn ich sie besucht habe.“ Der Steinway in seiner Hamburger Wohnung hingegen stammt aus dem Nachlass von Bert Kaempfert. „Wer weiß, vielleicht hat er mit diesem Instrument ‚Strangers In The Night‘ komponiert“, sagt Tingvall, und das klingt, als sehe er darin eine Herausforderung.

Schwelgen im Unvorhersehbaren

Aufgewachsen ist Tingvall, Jahrgang 1974, im südschwedischen Schonen, und studiert hat er in Malmö. Dabei waren Jazzpiano, Improvisation und Komposition eher Ausweichfächer, weil er keinen Studienplatz für die Ausbildung zum Klassikpianisten erhielt, andererseits aber schon als Schüler Jazz, Pop, Rock gespielt hatte. „Ich liebe die klassische Musik immer noch“, betont er und nennt seine Favoriten: „Bach, Chopin, Schumann. Und Arvo Pärt.“ Oder stilistisch: „Mir gefallen romantische Klänge und Sinfonieorchester. Was Jazz ist und was Klassik, ist für mich sehr fließend. Johann Sebastian Bach hat wie ein Jazzmusiker ein Thema verwendet, das er vorwärts und rückwärts spielt und variiert.“
Im Trio wenden Tingvall, der Bassist Omar Rodriguez Calvo und der Schlagzeuger Jürgen Spiegel ebenfalls Motive hin und her, verdichten den Gesamtklang und nehmen die Intensität zurück, beschleunigen das Tempo und verzögern es wieder, dass es eine akustische Pracht ist. Sie können im Wohlklang schwelgen, spielen mit Gefühlen – den eigenen und jenen der Zuhörer, denen sie aufwühlende Konzerterlebnisse bereiten, indem sie sich schon mal von den kraftvollen Rhythmen, der Strahlkraft der Melodien und der Gruppenseligkeit wie in Trance ins Unvorhersehbare treiben lassen.
Ein modernes Jazztrio ist diese Formation, eines, das mit der swingenden Tradition des Jazz gebrochen hat und einer europäischen Entwicklungslinie folgt. Während seines Studiums hat Tingvall sich zwar mit den Jazz- Standards auseinandergesetzt, gesteht er, aber ohne emotionalen Bezug. „Die amerikanische Countrymusik hat mehr mit dem zu tun, was ich mache“, sagt er. Wobei er nicht missverstanden werden möchte: Es geht nicht um ein Besser oder Schlechter im Vergleich von amerikanischem und europäischem Jazz, sondern um die persönliche Vorliebe. „Es ist doch toll, wenn jeder seine Nische findet.“

Erst Ochsentour, dann Freispiel

Martin Tingvall hat schon als Student die schwedische Sängerin Lena Willemark und den Saxofonisten Jan Garbarek geschätzt. „Und Volksmusik, die nichts mit dem Jazz zu hat.“ Diese Liebe verdankt er unter anderem dem schwedischen Pianisten Jan Johansson: „Er hat die Lieder mit seinem Trio und seinem Orchester in die Wohnzimmer, ins Radio, ins Fernsehen gebracht. Das sind wunderschöne Lieder. In Schweden wächst man damit auf. Man singt diese Lieder, im Musikunterricht, im Chor, bei Schulabschlussfeiern. Man kriegt die ins Gepäck.“
Als Tingvall nach Hamburg kam, umfasste sein Proviant auch seine Rock-Erfahrung. „Wenn man ein bisschen flexibel ist, gibt es viel Arbeit für einen Musiker“, sagt er. In seinem Fall war es zunächst ein Job als Ersatz-Keyboarder im Musical „Buddy Holly“, und 2001 nahm ihn Inga Rumpf, Urgestein des deutschen Rock, in ihre Band auf. Die nächste Station war 2003 die Band von Udo Lindenberg. „Wir sind immer noch in engem Kontakt“, sagt er. „Ich habe damals vorgespielt, und das hat gepasst. Zwei Wochen später war ich mit ihm auf China-Tour.“
Im selben Jahr gründete er auch das Trio: der entscheidenentscheidende Schritt in seiner Laufbahn. Mit ihm formte er den eigenen Stil, das eigene Profil als Basis für alle weiteren Erfolge, die sich weniger im Rampenlicht abspielen. So blieb der Kontakt zu Lindenberg, für den er und hin und wieder sogar Songs schreibt und gelegentlich auch in der Band aushilft. Zwischendurch komponierte er Filmmusiken, unter anderem für den Dortmunder Tatort „Grenzgänger“ und den Kölner Tatort „Scheinwelten“, und verhalf Firmen zu akustischen Signets und Werbemusiken: attraktive Nebentätigkeiten. Denn im MittelMittelpunkt, verspricht er, bleiben das Trio und seine Soloauftritte. Dafür spricht der Tourplan für den Rest des Jahres mit knapp vierzig Solo- und Trioterminen.

Neu erschienen:

Distance

Martin Tingvall

Skip/Soulfood

Alle Termine der Solotournee auf: www.martin-tingvall.com/de/termine


Martin Tingvall über Jazzpianisten

Fats Waller: Das ist ein Urvater des Jazz. Als ich anfing, habe ich viel von ihm gehört. Fantastisch. Aber für mich selbst bekomme ich keinen richtigen Bezug.

Thelonious Monk ist für mich äußerst interessant. Als Komponist und durch seine eigenwillige Art. Seine Kompositionen sind Melodien für die Ewigkeit. Schreib mal so etwas wie „Round Midnight“! Das inspiriert total.

Oscar Peterson: Ich habe viel von ihm gehört. Auch ganz, ganz toll. Er geht ganz anders heran als ich. Ich würde diese Sachen nie nachspielen. Ich finde es spannender, einen eigenen Sound zu kreieren.

Bill Evans: Er ist für mich ein Gott. Weil er mein Herz anspricht. Diese lyrische Art, diese Voicings: wunderbar! Vor allem mit dem Trio.

McCoy Tyner: Einer der größten Pianisten des Jazz – und das mit ziemlich traditionellem Jazz, mit sehr viel Kraft. Das ist toll.

Herbie Hancock: Er ist einer der Größten. Sein „Takin’ Off“ mit „Watermelon Man“ war eine der ersten Platten, die mich richtig mitgenommen hat. Das ist immer noch aktuell. Er hat unfassbar viel Tolles gemacht.

Esbjörn Svensson: Unsere Trios werden oft miteinander verglichen. Ich nehme das als großes Kompliment. Es gibt Ähnlichkeiten und Unterschiede. Wir spielen akustisch, und sie haben viele Beats mit Loops. E. S. T. hat den Weg für viele Trios im Jazz bereitet. Ganz toll.

Keith Jarrett: Fantastisch. Das Köln Concert ist eines meiner Lieblingsalben. Sonst höre ich nicht viel von ihm. Vielleicht ist das zu viel Jazz für mich, zu viel Improvisation, zu viele Töne. Das ist so viel tolles Material, das die ganze Zeit rausspritzt. Er ist ein unfassbares Genie. Aber es ist oft zu viel für mich. Ich kann es nicht verarbeiten. Vielleicht geht es eines Tages. Seine Platte „My Song“ mit Jan Garbarek kann ich genießen.


Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 4 / 2015



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