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(c) K. Kikkas

Arvo Pärt

Versinken im Klang der Stille

Anlässlich seines 80. Geburtstages versucht eine Reihe von Neuerscheinungen, dem Phänomen des estnischen Komponisten auf den Grund zu gehen.

Die Musik Arvo Pärts ist heute fast allgegenwärtig. Selbst außerhalb von Konzertsälen oder Kirchenräumen, für die der tief religiöse Este die meisten seiner meditativ anmutenden Werke verfasste. Choreografen lieben ihn etwa ebenso sehr wie Filmemacher. Jeder Modern Dance-Fan hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits mindestens ein Tanzstück gesehen, das sich von Pärts sanft dahinfließenden Klangströmen inspirieren ließ. Und auch auf der Kinoleinwand verfehlt seine Musik in emotionalen Momenten selten ihre Wirkung. In mehr als 60 Produktionen der letzten 20 Jahre tauchte sein Name in den Credits auf. Wobei sich der Bogen von Terrence Malicks Antikriegsdrama „Der schmale Grat“ über Michael Moores Doku „Fahrenheit 9/11“ bis hin zum Superhelden-Blockbuster „Avengers: Age Of Ultron“ spannt.
Wer aber ist dieser bärtige Mann aus Estland mit österreichischem Pass und Wohnsitz Berlin, der im September seinen 80. Geburtstag feiert und dessen CDs Verkaufszahlen erreichen, von denen andere lebende Komponisten nicht einmal zu träumen wagen? Ist er der letzte echte Melodiker der zeitgenössischen Klassik, Liebling meditierender Esoterik- Freunde, oder – wie es ein englischer Kollege provokant formulierte – auch ein Stück weit Opfer seines eigenen Erfolges? Diesem Rätsel versuchte schon 1990 ein von Dorian Supin produzierter Dokumentarfilm auf den Grund zu gehen, der nun neu auf DVD erscheint („My Heart’s In The Highlands“, Arthaus). Supin zeigt über weite Strecken unkommentierte Einblicke in Probenalltag und Aufnahmestudio, aber auch den privaten Arvo Pärt im Kreise seiner Familie. Szenen, die das Bild vom asketisch anmutenden Exzentriker wieder ins Gleichgewicht rücken und diese filmische Hommage wohltuend erden. Eher irritierend hingegen die dramatisch unterlegten Kamerafahrten durch lärmende Großstädte und einsame Wälder, nach denen man die Frage „Wer ist Arvo Pärt?“ mit einem ähnlich ratlosen Schulterzucken beantwortet, wie die meisten Passanten, denen das Mikro hier unter die Nase gehalten wird. Mehr Klarheit atmet da schon die im zweiten Teil der DVD enthaltene Aufzeichnung der „St. John Passion“ mit den Sängern des Hilliard-Ensemble, die sich bereits in dieser Aufnahme von 1988 als führende Interpreten von Pärts Werk erweisen.

Krise durch Bach

Die Sakralmusik nahm im Schaffen des Komponisten stets eine zentrale Position ein. Ein Umstand, der ihm in seiner Heimat, die damals noch Teil der Sowjetunion war, keineswegs nur Freunde verschaffte. So entging das 1968 uraufgeführte skandalträchtige „Credo“ nur deshalb der Zensur, weil Dirigent Neeme Järvi es „versäumt“ hatte, die Partitur der Obrigkeit vorzulegen. Für Pärt bedeutete das radikale, mit Bach- Zitaten durchsetzte Werk einen Wendepunkt in seinem Leben. Und das nicht nur, weil sein lautstarkes Bekenntnis zum Christentum die kommunistischen Machthaber wieder einmal provozierte und man ihm 1980 sogar die Emigration nahelegte. Laut Pärts Ansicht triumphierte das Genie Bachs hier letztlich über die Härte und Dissonanz seiner eigenen Komposition, was ihn in eine schwere Schaffenskrise stürzte und für acht Jahre musikalisch nahezu verstummen ließ. Lediglich seine 1971 entstandene und von der schlichten Harmonik des Gregorianischen Chorals inspirierte 3. Sinfonie datiert aus dieser Phase des Umbruchs.

Die Farbigkeit des Prisma

Der „neue“ Arvo Pärt präsentierte sich 1976 mit dem minimalistischen Klavierstück „Für Alina“, das gewissermaßen die Keimzelle für sein weiteres Schaffen darstellte. An die Stelle sich immer weiter verschachtelnder Komplexität trat nun eine neue Einfachheit, eine Konzentration auf das Wesentliche, die sich auch in anderen Erfolgsstücken wie „Fratres“ oder dem „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“ spiegelt. Nachhören lässt sich diese Entwicklung in einer ansprechenden 3 CD-Box („The Sound Of Arvo Pärt“, Erato), mit der sich Dirigent Paavo Järvi als eloquenter Fürsprecher seines Landsmannes erweist und mit einer Reihe von Frühwerken auch ein Kapitel in dessen musikalischer Biografie beleuchtet, das in der Begeisterung für Pärts neu gefundene Tonsprache heute zuweilen in Vergessenheit gerät. Gleiches gilt für den von Tõnu Kaljuste präzise einstudierten Estonian Philharmonic Chamber Choir, der die Sammlung unter anderem mit einer bewegenden Wiedergabe der „Missa Syllabica“ abrundet. Eine Wiedergabe, bei der man das Weihrauchfass, das von anderen Interpreten auch gerne mal geschwungen wird, dankenswerterweise im Schrank lässt. Pärts Musik braucht Raum, gibt dem Zuhörer aber auch gleichermaßen Raum, um in ihr zu leben, wie es Pop-Ikone Björk in einem auf Youtube zu findenden Gespräch mit dem Komponisten ebenso kryptisch wie einleuchtend auf den Punkt bringt. Dass das, was in die Breite geht, aber nicht immer automatisch auch in die Tiefe gehen muss, zeigen etwa die von den Wiltener Sängerknaben eingespielten a-cappella Chöre („Babel“, col legno). Während man hier oft auf der Stelle tritt, gelingt es dem auf dynamische Abstufungen bedachten Peter Dijkstra mit dem BR-Chor die Musik des kontrastreichen „Te Deum“ stets in Fluss zu halten, auch wenn der Zugang zu den kleiner dimensionierten Werken der CD an mancher Stelle hingegen doch etwas zu nüchtern wirkt („Te Deum, Berliner Messe, Wallfahrtslied“, BR Klassik). Garant für authentischen Klang ist von jeher Pärts Haus-Label ECM, dessen 1984 mit Künstlern wie Gidon Kremer oder Keith Jarrett produziertes Album „Tabula Rasa“ einst den internationalen Durchbruch einläutete. Seit 30 Jahren erschienen fast alle prominent besetzten Ersteinspielungen seiner Hauptwerke hier, meist unter dem wachsamen Ohr des Komponisten. Ein reichhaltiger Katalog, aus dem der Label-Gründer und enge Pärt-Vertraute Manfred Eicher zum Jubiläum auf 2 CDs eine sehr persönlich geprägte Werkschau zusammengestellt hat („Musica Selecta“, ECM). Das Album ist dabei weder chronologisch noch auf Vollständigkeit bedacht und wohl gerade deshalb so überzeugend. Oder in Pärts eigenen Worten: „Ich könnte meine Musik mit weißem Licht vergleichen, in dem alle Farben enthalten sind. Nur ein Prisma kann diese Farben voneinander trennen und sichtbar machen; dieses Prisma könnte der Geist des Zuhörers sein.“

Neu erschienen:

The Sound Of Arvo Pärt (3 CDs)

Estonian Philharmonic Chamber Choir, Estonian National Symphony Orchestra, Tönu Kaljuste, Paavo Järvi

Erato/ Warner

Te Deum

Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Peter Dijkstra

BR Klassik/Naxos

Babel

Wiltener Sängerknaben, Johannes Stecher

col legno/hm

Erscheint am 11.9.:

Musica Selecta (2 CDs)

Gidon Kremer, Keith Jarrett, The Hilliard Ensemble u.a.

ECM/Universal

27.9., ab 23:30 Uhr, Themenabend auf arte:

„Adam’s Passion“ – Dokumentarfilm zum 80. Geburtstag und im Anschluss die „Adam’s Passion“ in der Inszenierung von Robert Wilson.


Tintinnabuli

Das Wort „Tintinnabuli“, mit dem Arvo Pärt selbst seinen auf der radikalen Reduktion des Klangmaterials beruhenden Kompositionsstil beschreibt, leitet sich vom altlateinischen Wort „tintinnabulum“ ab. Übersetzt bedeutet das so viel wie „kleine Glocke“, auf deren Schlichtheit der Komponist mit diesem zunächst nur zufällig ausgewählten Begriff Bezug nimmt. Einer der Kernbausteine und wichtigstes satztechnisches Grundprinzip von Pärts Musik ist der sogenannte „Zweiklang“, oder auch „zweistimmige Ursatz“, in dem die Töne eines Dreiklangs mit einer zweiten „Melodiestimme“ verknüpft werden. Wobei die „Melodiestimme“ sich stets auf eine diatonische Tonleiter zurückführen lässt.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 4 / 2015



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